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Dubiose Anfragen aus dem Internet
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Falsche Freunde Dubiose Anfragen aus dem Internet

Dem Mädchen kam es sehr merkwürdig vor. Ein Mann hatte sie auf Facebook angeschrieben und ihr seine Freundschaft angeboten. „Er hat in seinem eigenen Profil nur junge Mädchen als Freunde angegeben“, berichtet die Zwölfjährige.

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Immer mehr Kinder melden sich auf Plattformen an die auch von Erwachsenen genutzt werden.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Sie sprach mit ihren Freundinnen darüber und merkte, dass der dubiose Mann offenbar mehrere von ihnen kontaktiert hatte.

Wie massiv die Werbeversuche waren, stellte sich erst jetzt heraus, als an der Integrierten Gesamtschule Stöcken für alle Sechst- und Siebtklässler ein Unterrichtsprojekt zum Internet lief. Insgesamt zehn Klassen besuchte Jessica Weiß von der Beratungsstelle Violetta und sprach mit den Kindern darüber, was toll ist am Surfen und Quatschen im Netz – und was ihnen dabei weniger gut gefällt. Die Schülerinnen berichteten auch von den Erwachsenen.

Der Mann hatte in jeder Klasse mehrere Mädchen angeschrieben. „Er hat massiv versucht, sich einzuschmeicheln und die Kinder süß oder sexy genannt“, berichtet Anja Mundt-Backhaus, didaktische Leiterin der IGS. Manche Mädchen sprachen mit ihren Eltern darüber, andere mit ihren Freunden. Und offenbar waren die Kinder gewappnet. Viele Schülerinnen brachen den ungewollten Kontakt zu dem Fremden sofort ab, andere, sobald sie in seinem Facebook-Profil sahen, dass er deutlich älter ist.

„Die Mädchen ahnten aber nicht, wie viele andere Kinder betroffen sind“, sagt Mundt-Backhaus. Manche hatten von Freunden gehört, dass der Mann auch Schülerinnen an anderen Schulen in Stöcken Freundschaftsanfragen geschickt hatte. Und es stellte sich heraus, dass noch ein zweiter Mann bei IGS-Schülern Annäherungsversuche im Netz gestartet hatte. Die Lehrer informierten die Polizei. Die Beamten in Stöcken haben beiden Verdächtigen inzwischen einen Besuch abgestattet. „Wir gehen davon aus, dass sie nicht mehr versuchen werden, Kontakt aufzunehmen“, sagt eine Polizeisprecherin. Wenn die Polizei informiert sei, wirke das in der Regel abschreckend.

„Wir raten in solchen Fällen, unbedingt die Polizei einzuschalten. Jeder Erwachsene weiß eigentlich, dass er ein Kind nicht aus dem Auto heraus ansprechen sollte. Das Gleiche gilt für Erwachsene, die im Internet Kinder anbaggern“, sagt Monika Taut von der Präventionsstelle der Polizeidirektion Hannover. Eine Straftat ist das zwar nicht, die liegt erst bei Nötigung, Beleidigung, Körperverletzung, Missbrauch oder dem konkreten Versuch dazu vor. Die Polizei kann aber dem Verdächtigen, wie im aktuellen Fall, in einer Gefährderansprache Konsequenzen aufzeigen. „Wir nehmen jeden Hinweis ernst.“ Taut betont dabei aber, dass nicht jeder dieser Verdächtigen ein potenzieller Missbrauchstäter ist.

Die beiden Männer, die mit ihren Internetaktivitäten in Stöcken aufgefallen sind, hatten weder ihr Alter noch ihre Identität verschleiert. Die Situation sei schwieriger, wenn der Erwachsene sich als Gleichaltriger ausgibt, sagt Taut. „Es gibt aber manchmal Formulierungen, bei denen Kinder merken, dass da etwas nicht passt.“

Und dann ist es wichtig, dass Kinder mit ihren Eltern, Lehrern oder zumindest den Freunden über die Sache reden können. Jessica Weiß von der Beratungsstelle Violetta rät Eltern deshalb davon ab, ihren Kindern beliebte Plattformen im Netz einfach zu verbieten. Denn wenn Kinder den Dienst trotzdem nutzen, können sie das trotz vielleicht beklemmender Erfahrungen gegenüber den Eltern später nur schwer zugeben.

„Man fühlt sich besser, wenn man darüber reden kann“, sagt der 13-jährige Brendan, der an der IGS Stöcken bei dem Projekt von Jessica Weiß „Internet – Was soll mir schon passieren?“ mitgemacht hat. Er selbst spielt und chattet gerne mit Freunden im Netz. Fremde hat er aus seiner Kommunikation ausgeschlossen. Dennoch hat auch Brendan mittelbar schon schlechte Erfahrungen gemacht: Ein guter Freund wurde massiv per E-Mail gemobbt. „Das war richtig schlecht. Er wurde beleidigt und genervt.“ Freunde des betroffenen Jungen hätten die Mobber dazu gebracht, ihn in Ruhe zu lassen.

Mit Mobbing haben schon einige Schüler in der Klasse Erfahrungen gemacht. „Da wird man runtergemacht, weil man nicht die angesagten Klamotten hat oder einfach anders ist“, berichtet ein 13-Jähriger. Die Hemmschwelle dazu ist im schnellen, elektronischen, unpersönlich wirkenden Austausch offenbar niedriger. Lehrer und Sozialarbeiter greifen ein, sobald Kinder bei ihnen Hilfe suchen. „Die mobbenden Schüler müssen merken, dass es nicht anonym ist, was sie da machen“, sagt Anja Mundt-Backhaus von der IGS.

Jessica Weiß erlebt bei ihren Schulbesuchen zunehmend, dass Kinder im Netz auf Plattformen unterwegs sind, die auch Erwachsene nutzen. Und dass sie dort auf Menschen treffen, die sich vor der Kamera entblößen oder ungefragt Nacktfotos schicken. „Ich bin aber nicht dazu da, um das Internet schlechtzumachen. Die Schüler lieben es und müssen lernen, wie sie sich schützen können.“

Doch das ist nicht einfach. Das eigene Profil möglichst anonym zu gestalten oder die Kommunikation auf ausgewählte Personen zu beschränken, ist bei manchen Diensten und Plattformen schwieriger als noch bei Schüler-VZ. Beliebt sind besonders Instant Messenger wie „ICQ“. Kinder und Jugendliche sehen dort sofort, welche ihrer Freunde gerade online sind. „Dort schreiben aber auch Männer Jugendliche gezielt an und versuchen, beim Chat Vertrauen aufzubauen“, sagt Weiß. Die JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) 2010 stellte fest, dass elf Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen sich schon mit Kindern oder Erwachsenen getroffen haben, die sie vorher nur aus dem Internet kannten. Umso wichtiger, dass die Eltern sich dafür interessieren. „Wenn sie sich selbst bei Facebook anmelden, sehen sie, wer ihrem Kind so schreibt.“

„Der Mann nannte die Mädchen süß und sexy“

„Das Anbaggern von Kindern ist nicht strafbar“

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