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Aus der Stadt E-Books kommen bei Kindern schlecht an
Hannover Aus der Stadt E-Books kommen bei Kindern schlecht an
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00:16 29.08.2015
Von Martina Sulner
„Käpt’n Sharky! Du liest doch immer Käpt’n Sharky!“: Sophie (4, von links), Klara (5), Constantin (6) und Valerie (8).  Quelle: Philipp von Ditfurth
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Valerie zögert nicht. „Kokosnuss“, sagt sie auf die Frage nach ihrem Lieblingsbuch. Wobei ihr, nach einem kurzen Moment, dann noch weitere Lieblingsbücher einfallen: „Die Olchis“ und „Drei Ausrufezeichen“.

Überhaupt ist die Achtjährige die Buchexpertin in der Familie Stanke: Als ihr sechsjähriger Bruder Constantin nicht sofort sagen mag, was er denn besonders gerne liest, ruft sie: „Käpt’n Sharky! Du liest doch immer Käpt’n Sharky!“

Wer merkt sich schon lange Buchtitel, wenn man die Hauptfigur liebt? Wie eben den Drachen Kokosnuss, aus der Buchreihe des hannoverschen Autors Ingo Siegner. Oder wie Conni und Max: Die Helden der unverwüstlichen Lesereihen sind die Favoriten der fünfjährigen Klara Goldbecker. Und Sophie Watermann, stolze vier Jahre jung, braucht auch nur zwei Namen zu hauchen. Dann wissen die anderen Kinder in der Groß-Buchholzer Buchhandlung Sternschnuppe sofort, wer gemeint ist: „Eliot und Isabella“, flüstert Sophie. Das sind, ebenfalls erdacht von Ingo Siegner, zwei kleine Ratten, die dicke Freunde werden.

Egal, ob Sharky, Conni oder Isabella: Wenn Valerie und die anderen Kinder lesen oder Bilderbücher betrachten, machen sie das nicht am Computer, Tablet oder auf einem elektronischen Lesegerät, einem E-Reader. Sondern sie lesen, ganz traditionell, gedruckte Bücher - ebenso wie die überwältigende Mehrheit der jungen Leser.

Die gerade veröffentlichte Studie des Egmont-Ehapa-Media-Verlags besagt, dass 88 Prozent der Kinder und Jugendlichen nie E-Books, also elektronische Bücher nutzen. Bei den E-Books hatten Kinderbücher im Jahr 2014, so der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, einen Umsatzanteil von gerade mal 5 Prozent. Im Jahr zuvor lag der Anteil noch bei 7 Prozent.

In der Buchhandlung Sternschnuppe hat Inhaberin Birgit Nerenberg „noch nie erlebt, dass ein Kind nach E-Books gefragt hat“. In der Jugendbuchabteilung von Cruses Buchhandlung fällt Mitarbeiterin Regina Gündüz nur eine Familie ein, die sich vor dem Urlaub Kinderbücher auf den E-Reader lädt. Bei anderen Sortimentern ist es ähnlich. „Eindeutig: Kinder wollen Bücher“, sagt Dirk Eberitzsch von Leuenhagen & Paris. Auch bei Leuenhagen kann man, wie mittlerweile auf den Websites nahezu jeder anderen Buchhandlung, Titel für einen E-Reader herunterladen. Doch im Genre Kinder- und Jugendbuch geschehe das, so Eberitzsch, so gut wie nie.

Die Händler freut’s. „Kinder- und Jugendbücher sind ein wichtiger Umsatzbringer“, sagt Sibylle Rahm von Decius. Auf dem gesamten Markt machten Kinder- und Jugendbücher im vergangenen Jahr einen Umsatz von 15,8 Prozent aus; besonders die Bücher für Jugendliche ab zwölf sind erfolgreich. Nach der Belletristik (32,4 Prozent) ist der Lesestoff für junge Nutzer damit der zweitwichtigste Umsatzbringer. Besonders wichtig sind Kinderbücher auch bei den Lizenzverkäufen ins Ausland; es werden mehr Lizenzen für Übersetzungen von Kinderbüchern verkauft als von Sachbüchern oder Romanen.

Die meisten Kinder sind durchaus technikbegeistert. Sie spielen auf dem Tablet, sehen dort Serien und mögen Hörbücher - im schwächelnden Markt für Hörbücher ist mit 43 Prozent fast jedes zweite eins für Kinder. Doch sobald es ums Lesen geht, sind die Kleinen große Traditionalisten. Sibylle Rahm, Mutter eines Dreieinhalbjährigen, kennt das: Wenn ihr Sohn sich in Ruhe hinfläzen will, um zu spielen oder zu lesen, setzt er sich erst mal vor das Regal mit seinen Büchern und sucht sich dort einen Band aus. Kinder wollten etwas in der Hand haben, wenn sie lesen, meint Rahm, „Kinder müssen eine Geschichte, ein Buch tatsächlich begreifen, anfassen können“, meint auch Birgit Nerenberg. Zumal Kinder Bücher mit besonders geliebten Geschichten oft mit sich herumschleppen oder sogar mit ins Bett nehmen - eine Art viereckiges Kuscheltier mit gedruckten Bildern und Buchstaben. Lesen oder Vorlesen lassen sei aus einem gedruckten Buch eben „ein ganz anderes Erlebnis“, meint Angelika Lorenzen, die bei Decius die Kinderbuchabteilung leitet.

Nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche, so Dirk Eberitzsch, wollen ihre Buchschätze analog besitzen. „Sie sind ganz verrückt nach Buchserien“, sagt der Buchhändler und Vater zweier halbwüchsiger Kinder. „Sie wollen die Bände haben, und sie wollen sie im Regal stehen haben.“ Erstaunlich - und hundertprozentig erklären können es die Buchhändler, Profiteure der kindlichen Liebe zum gedruckten Buch, dieses Phänomen nicht. Zumal es bei Musik ganz anders funktioniert: Jugendliche, die CDs kaufen und nicht herunterladen oder streamen, gibt es kaum. Kein Wunder, dass die Buchbranche stabiler dasteht als die Musikbranche, die immer noch nicht aus der Talsohle hinaus gefunden hat, in die sie durch die Digitalisierung des Marktes gerutscht ist. In der Buchbranche verläuft die Digitalisierung langsamer; man hat aus den Fehlern der Musikindustrie gelernt, zum Beispiel frühzeitig legale Downloadangebote offensiv beworben. Außerdem gehören viele (Mittelschichts-)Eltern selber nicht der Generation der „digital natives“ an, sind dafür schlicht zu alt: Sie kaufen ihren Kindern das, was sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen: gedruckte Bücher.

Valerie und Constantin, Klara und Sophie jedenfalls wollen die Bücher, in denen es um ihre geliebten Helden geht, mit den Händen greifen. Die vier sitzen auf der Treppe der Buchhandlung Sternschnuppe und halten jeweils ein Buch in der Hand. Ganz fest und ganz liebevoll.

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