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Ehemalige Klinikkapelle wird zum Kulturzentrum

Workshops für Flüchtlinge Ehemalige Klinikkapelle wird zum Kulturzentrum

Der Verein „Begegnung der Künste“ hat die frühere Klinikkapelle des Oststadtkrankenhauses in ein Kulturzentrum verwandelt. Flüchtlinge können hier, gegen die Langeweile im Asylbewerbungsprozess, in Workshops beispielsweise Schattentheater spielen, Trommelkurse belegen oder sich als Bildhauer versuchen.

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Geschützter Raum: Heimbewohner probieren sich im Schattentheater aus. 

Quelle: Schwarzenberger

Hannover. Wenn Jan seinen Namen ausspricht, klingt das wie „Dschann“. Jan ist Anfang 30, und seit fünf Monaten ist Warten seine Hauptbeschäftigung im einstigen Oststadtkrankenhaus.

Auf Papiere, auf Anträge und Ämter, auf Entscheidungen, auf seine Familie. Der studierte Jurist kann sonst wenig tun in der Flüchtlingsunterkunft.

Das ist ein Grund, warum er jetzt Schattentheater macht. „Gegen Langeweile“, sagt der Mann mit frisch erlernten deutschen Wörtern und jongliert dann mit Englisch und Arabisch. Jan stammt aus dem kurdischen Norden des im Bürgerkrieg versunkenen Syrien. In Hannover sucht er Asyl - und ein wenig Ablenkung, wie viele andere Heimbewohner. Der Verein „Begegnung der Künste“, der sich der Belebung der früheren Klinikkapelle verschrieben hat, hilft den Menschen dabei.

Mit Hammer und Meißel: Initiator Hans Sasse schaut einer Heimbewohnerin über die Schulter, die im Bildhauerworkshop Kalkstein bearbeitet. (Foto: Schwarzenberger)

Der Kapellenverein organisiert Ausstellungen und Konzerte, um die 1993 erbaute Kapelle als Veranstaltungsort in Groß-Buchholz zu erhalten. Eine Bürgerinitiative um den Kunstprofessor Hans Sasse und dessen Sohn, den Grafiker Stephan Sasse, hat den Verein ins Leben gerufen. Und nun wird die Kapelle auch für die benachbarte Unterkunft mit fast 700 Asylbewerbern und Flüchtlingen zu einem Kulturzentrum.

Vorerst drei Workshopreihen stehen den Heimbewohnern offen. Bis Dezember wird es jede Woche Veranstaltungen geben. Neben dem Schattentheater, bei dem Darsteller hinter einer beleuchteten Leinwand dem freien Spiel mit Tönen und Silhouetten nachgehen, gibt es einen Trommelkurs mit Ulrike Meinholz und die gemeinsame Arbeit mit dem hannoverschen Bildhauer Helmut Höcker.

„Künste ohne Grenzen“ heißt das Projekt. Die Kosten für Künstler und Material finanziert der Verein mithilfe von Zuschüssen der Stadt, des Bezirksrats Buchholz-Kleefeld und dem Lions-Club. Wenn irgend möglich, betont Stephan Sasse, solle das Vorhaben auch nächstes Jahr weitergehen. Ob das gelingt, hängt von Sponsoren ab. Kaum ein Heimbewohner könnte sich Gebühren leisten - für sie ist die Teilnahme kostenlos. Genau wie für Bürger aus dem Stadtteil, die einen der insgesamt rund 60 Plätze nutzen können. Zu ihnen zählt Ute Haas, die sich bereits ehrenamtlich in der Kinderbetreuung im Heim engagiert. „Rund 40 Kinder leben derzeit in der Unterkunft“, berichtet sie. Nun will Haas über den Trommelworkshop auch mit den Erwachsenen besser in Kontakt kommen.

Bezirksbürgermeister Henning Hofmann hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen.

Die Auftaktveranstaltung setzt ihn kurz in Erstaunen. Er habe vor allem Frauen erwartet, gesteht Hofmann. Doch mehrheitlich Männer - Mitte zwanzig, in den Dreißigern wie Jan, aber auch ältere - füllen die Reihen. Erst später kommen ein paar junge Frauen dazu, Muslima vor allem. Viele von ihnen werden Monate im einstigen Krankenhaus leben und auf Entscheidungen warten. Die Unterkunft selbst wird vermutlich noch einige Jahre bestehen bleiben. „Ich hoffe deshalb, dass das Kulturprojekt ebenfalls ein langfristiges bleibt“, sagt Hofmann.

Die Trommlerin Meinholz wird ihre Gruppe in die Arbeit mit afrikanischen Instrumenten einführen. Bildhauer Höcker freut sich auf die Arbeit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Weichen Kalkstein und Werkzeug wird er seinen Eleven in die Hand geben. „Es werden viele Ideen einfließen“, findet er. Am Ende des Kurses sollen alle Werke in eine gemeinsame Ausstellung münden, die auch in der Kapelle gezeigt wird.

Ulrike Meinholz gibt Trommelkurse (Foto: Schwarzenberger)

Theaterpädagogin Birgit Klosterkötter-Prisor hat schon in Namibia und Marokko Erfahrungen mit Theaterprojekten gemacht. „Beim Schattentheater spielen die Menschen hinter einer Leinwand, das ist auch ein geschützter Raum für sie.“ Auch deshalb, so vermutet sie, melden sich viele Heimbewohner bei ihr an. Auch Jan zeigt Freunden aus Syrien und dem Irak die Liste, auf der man sich anmelden kann. Er will das Schattentheaterspiel ausprobieren, um Abstand von der langen Odyssee von seiner Heimatstadt Qamischli über die Türkei nach Deutschland zu gewinnen. Immerhin, sein Asylantrag sei genehmigt, sagt er und lacht. „Aber ich finde noch keine Wohnung.“ Und die sei bald nötig. Aus Beirut kommen seine Frau und seine kleine Tochter nach Hannover. „Familienzusammenführung“, buchstabiert der Syrer auf Deutsch. Er hat sie seit mehr als einem Jahr nicht gesehen.

Provisorium bleibt bestehen: Das frühere Oststadtkrankenhaus wird angesichts der vielen Neuankömmlinge über das Jahr 2016 hinaus Flüchtlingsunterkunft bleiben. Ursprünglich war es als provisorisches Obdach geplant. Seit Dezember dienen das Bettenhaus und benachbarte Trakte als Unterkunft. Die Altbauten in den angrenzenden Teilen des Klinikgeländes sollen demnächst abgerissen werden. In mehreren Etappen soll das Areal mit Wohnungen bebaut werden. Die Stadt startet im nächsten Jahr mit der Vermarktung.

Von Marcel Schwarzenberger

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