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Aus der Stadt Auf schwankendem Grund
Hannover Aus der Stadt Auf schwankendem Grund
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00:15 08.07.2013
Von Veronika Thomas
Spielen inmitten von Ruinen und immer nach vorne schauen: Nach Kriegsende waren die Eltern mit dem Wiederaufbau beschäftigt – über Gefühle wurde nicht gesprochen.Hauschild Quelle: Wilhelm Hauschild
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Hannover

Monika Weidlich hat sich jahrelang gefragt, woher ihre Traurigkeit kam. „Mein Leben war ganz normal verlaufen, ich konnte mir das nicht erklären“, erzählt die 52-Jährige rückblickend. Angeregt durch Lektüre über die Jahrgänge der Kriegskinder, befasste sie sich schließlich mit der Biografie ihrer 1935 geborenen Eltern - und sie begann zu ahnen, was ihre Kindheit belastet haben könnte. „Aber erst, nachdem ich 2009 das Buch ‚Kriegsenkel‘ gelesen hatte, ging mir ein Licht nach dem nächsten auf“, sagt die Musikpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Seitdem lässt sie dieses Thema nicht mehr los. Und nicht nur sie.

Inzwischen gibt es den Verein Kriegsenkel e.V. als Anlaufstelle und Informationsplattform, das Forum Kriegsenkel, wo sich Betroffene online austauschen können sowie zahlreiche Gesprächskreise im ganzen Bundesgebiet, auch in Hannover. Seit Jahresanfang treffen sich jeden zweiten Mittwoch im Monat betroffene Frauen und Männer im Kirchenladen Ka-Punkt in Hannovers Innenstadt zum Austausch. Die Gruppe wird ehrenamtlich von Monika Weidlich geleitet.

Es scheint, als hätten Autoren wie die Kölner Journalistin Sabine Bode mit ihren Büchern den Nerv wenigstens einer Generation getroffen. Materiell hatten die etwa zwischen 1960 und 1975 geborenen Kinder nur wenig auszustehen. Sie wuchsen in Zeiten wachsenden Wohlstands auf, es ging wirtschaftlich bergauf, der Krieg war Geschichte. Trotzdem berichten viele von Gefühlen wie Unzulänglichkeit, Heimatlosigkeit, diffusen Ängsten, innerer Leere und emotionaler Instabilität - häufig blieben sie auch kinderlos. Es waren ihre Eltern, die Kriegskinder der Geburtsjahrgänge zwischen 1930 bis 1945, die ihre Traumata von Flucht und Vertreibung, Hunger, Bombennächten in Luftschutzbunkern und anderen Katastrophen unbewusst an ihre Kinder weitergegeben haben. Die Psychologie spricht von einer „transgenerationalen Weitergabe“. Nach dem Krieg kam der Wiederaufbau, Deutschland biss die Zähne zusammen, schluckte die Tränen hinunter, schwieg und versuchte zu vergessen. Eine Studie der Universität München von 2009 kommt zu dem Schluss, dass etwa jeder Zehnte dieser Generation schwere psychische Folgen aufgrund der Kriegserfahrungen davongetragen hat.

„Über Gefühle konnte ich mit meiner Mutter nie sprechen“, erzählt Monika Weidlich im Gesprächskreis. Funktionieren war das oberste Gebot. „Wenn ich mich mal beschwerte, hieß es immer: ,Stell’ dich nicht so an. Wir waren es, die gelitten haben.‘“ Damit erstarb jegliche Diskussion. Ihre Eltern, beide in Schlesien geboren, waren zehn Jahre alt, als der Krieg vorüber war. Ihr Vater hatte mit seiner Familie flüchten müssen, die der Mutter wurde vertrieben. Die 52-Jährige erinnert sich, dass sie schon mit sieben Jahren beschlossen hatte, ihren Eltern keinen Kummer mehr machen zu wollen, weil sie es so schwer gehabt hatten. „Heute weiß ich, dass ich selbst in die Elternrolle geschlüpft bin, um meine Eltern zu schützen.“ Kinder spürten aufgrund ihres feinen Sensoriums die Belastung ihrer Eltern und fühlten sich für deren Wohlergehen verantwortlich, sagt Weidlich. „Das war auch der Grund für meine jahrelange Traurigkeit.“

Emotional konnte ich meine Mutter nicht erreichen

Thea O.*, Teilnehmerin des Gesprächskreises, Jahrgang 1962, berichtet, in ihrer Familie sei es immer nur ums Geldverdienen gegangen. „Gefühle waren nicht drin. Und wenn ich mal ein Problem hatte, dann war das meine eigene Unzulänglichkeit. Meine Mutter wollte damit nichts zu tun haben.“ Thea O. berichtet von der ständigen Angst, dass ihr Leben zusammenbrechen könnte, so wie auch das Leben ihrer Mutter zusammengebrochen war. Die bei Kriegsende zehn Jahre alte Tochter eines ranghohen Nazis musste sich nach Enteignung, Entnazifizierung und dem Tod des Vaters allein mit ihrer Mutter durchschlagen. „Emotional konnte ich meine Mutter nicht erreichen“, erzählt die attraktive Frau, beruflich erfolgreich, Mutter einer psychisch kranken Tochter. „Ich bin hier, weil ich mehr über dieses Thema erfahren möchte, und weil ich Angst habe, dass das auch etwas mit der Krankheit meiner Tochter zu tun haben könnte.“

Probleme bereiten der 51-Jährigen auch ihre Großväter, die beide im Krieg waren. „Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Ich weiß nur, dass er in Russland gestorben ist. Aber darüber konnte ich mit meiner Mutter nie sprechen“, erzählt sie. Wie war er? Was wusste er von Massenmorden oder Konzentrationslagern? Inwieweit war er selbst an solchen Taten beteiligt? fragt sie sich. Mit ihrem Großvater väterlicherseits hatte sie genauso wenig Glück. Er war während des Krieges nach Griechenland abkommandiert worden und soll bald nach seiner Rückkehr dem Alkohol verfallen sein. „Über ihn wurde nur getuschelt.“

Marianne S.*, regelmäßige Besucherin des Gesprächskreises, rät Thea O., Nachforschungsanträge bei der Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin für die verstorbenen Großväter zu stellen. Auch Marianne S. berichtet von Unsicherheiten, die sie seit Jahren begleiten. „Ich habe das Gefühl, dass nichts sicher ist, dass die stabile Basis fehlt.“ Weil sie inzwischen weiß, dass auch in ihrer Familie vieles unter den Teppich gekehrt wurde, will die 41-Jährige diese Leerstellen jetzt durch die Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte ausfüllen. Der erste Schritt bei der Wehrmachtsauskunftsstelle ist getan. „Das dauert zwar seine Zeit, aber ich habe schon eine Rückmeldung erhalten“, sagt sie.

Monika Weidlich ist inzwischen einen Schritt weiter. Sie hat sich einer Therapie unterzogen, und sie hat ihrer Mutter alles das sagen können, was sich in ihr über viele Jahre angestaut hatte. „Es war wie eine Flut, weil ich so lange geschwiegen hatte.“ Seither sei die Beziehung entspannter geworden. „Unsere Großeltern und Eltern haben die Trümmer des Krieges weggeräumt und das Land wieder aufgebaut. Ich glaube, wir sind die Generation, die die seelischen Trümmer wegräumen muss.“

Der Gesprächskreis für Kriegsenkel trifft sich die nächsten Male am 10. Juli und am 4. August, jeweils von 18 bis 20 Uhr im Ka-Punkt, Grupenstraße 8.

„Mütter konnten nicht trösten“

Nachgefragt bei Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsenkel“

Frau Bode, Sie kennen durch Ihre Interviews viele Biografien sowohl von Kriegskindern als auch von der nachfolgenden Generation, den Kriegsenkeln. Diese berichten unter anderem über Unsicherheiten, innere Blockaden und Selbstzweifel, ohne dies genau zuordnen zu können. Was ist der Grund für ihre Leiden?

Dahinter steckt fast immer ein Flucht- oder Vertreibungs­hintergrund. Die Generation der Kriegskinder hat materiell zwar gut für ihre Kinder gesorgt, aber – ich vermute mal – ein Drittel konnte ihnen nicht die nötige emotionale Stabilität und Stärke vermitteln. In der Sprache der Psychologie heißt das, sie sind unsicher gebunden. Diese traumatisierten Kriegskinder von einst konnten sich auch nicht gut in ihre Kinder einfühlen oder sie trösten, weil das ihre eigene Hilflosigkeit berührt hätte.

Was hilft den Betroffenen?

Die meisten Kriegskinder von einst wollen von diesem Thema nichts mehr wissen oder wissen es auch nicht mehr, weil sie es verdrängt haben oder an Demenz erkrankt sind. Die Probleme der Generation der Kriegsenkel wie Depressionen, Gefühle von Unsicherheit oder Selbstzweifel lassen sich mit Psychotherapie gut bewältigen. Von selbst aber verschwinden sie nicht. Zur eigenen Auf­arbeitung gehört außerdem viel Faktenwissen über diese Zeit. Hilfreich ist auch der Austausch in der eigenen Altersgruppe.

Nicht wenige Kriegsenkel leiden auch darunter, dass sie kaum etwas über ihre Familien wissen, weil Themen wie Flucht, Vertreibung oder Kriegsgefangenschaft nach 1945 tabu waren. Ihnen fehlen, wie sie sagen, die Wurzeln.

In dieser Frage können Nachforschungsanträge über den Verbleib von Familienangehörigen oder die Einsichtnahme in Entnazifierungsakten Klarheit bringen. Ich würde mir wünschen, dass die Generation der Kriegskinder ehrlich über ihre Eltern sprechen würde, zum Beispiel falls diese in das NS-Regime verstrickt waren.

Interview: Veronika Thomas

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