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Verschuldet - und jetzt?

Ein Besuch im Insolvenzgericht Verschuldet - und jetzt?

In den Regalen des Insolvenzgerichts türmen sich die Akten Tausender Pleitiers - so auch die von Günter Schäfer, der maßlos bestellte, und nun mit den Konsequenzen leben muss. Manchen hilft die Behörde mit Beratung, anderen steigt sie mit detektivischem Eifer nach.

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„Ich war blöd. Saublöd.“ Günter Schäfer kaufte jahrelang Dinge, die er sich nicht leisten konnte.

Quelle: Zgoll

Hannover. Ich war blöd“, bekennt Günter Schäfer*. „Saublöd.“ Anfang der Neunzigerjahre ging es los, dass der ungelernte Arbeiter mit seinen maßlosen Bestellungen begann. Bei Neckermann, Otto und Co. waren er und seine Frau beste Kunden. Neue Küche, neue Kamera, neue Klamotten? Gekauft. Doch Dispo-Kredit und Ratenzahlungsoption brachten Schulden mit sich. Viele Schulden. Irgendwann wurden die Mahnbriefe nur noch abgelegt, nicht mehr geöffnet. Der Gerichtsvollzieher wusste schon bald, dass nichts zu holen war bei dieser Familie. Doch heute geht’s Günter Schäfer besser. Wesentlich besser.

Wichtige Station: Insolvenzgericht Hannover

Der 55-Jährige hat Privatinsolvenz angemeldet, ist mitten in der sechsjährigen „Wohlverhaltensperiode“. Wenn alles glatt läuft, wird ihm im Juli 2019 die Restschuldbefreiung erteilt. Eine wichtige Station auf diesem Weg ist das Insolvenzgericht Hannover. Eins von 33 Gerichten seiner Art in Niedersachsen, sogar das größte.

Wer ein Symbolbild für Aktenberge sucht, wer in Millionen und Abermillionen von Zahlen eintauchen will, muss die Hamburger Allee 26 aufsuchen. Seit 2005 ist dort die Außenstelle des Amtsgerichts angesiedelt, die sich mit den weniger schönen Seiten des Geldverkehrs beschäftigt. Mit dem Soll, nicht dem Haben.

Im Jahr 2015 knapp 2400 neue Insolvenzverfahren

Im Jahr 2015 wurden hier knapp 2400 neue Insolvenzverfahren eröffnet. Gegen natürliche Personen des Geschäftslebens, gegen Gesellschaften oder Privatleute. Gleichzeitig wurden 2015 vis-à-vis vom alten Fernsehturm 10 000 Restschuld- und 4200 weitere, bereits eröffnete Insolvenzverfahren bearbeitet. Fünf Richter, 14 Rechtspfleger und 24 Justizfachwirte kümmern sich hier um redliche und weniger redliche Schuldner. Und Insolvenzrichterin Kathrin Noll steht der Abteilung vor.

Noll könnte viele Geschichtchen erzählen, die in den Zweckbau am Bahnhof geschwappt sind. Von den Pleiten des Geldtransporteurs Heros oder der E-Commerce-Firma Netrada. Auch Traditionsbetriebe wie die Buchhandlung Schmorl & von Seefeld, der Kindermodenladen Werner & Werner und die Szenekneipe Treibhaus haben Bekanntschaft mit dem Insolvenzgericht gemacht. Doch die 47-Jährige hält sich zurück. Von Amts wegen.

Detektivische Erfolge

Ein Lächeln gleitet über Nolls Gesicht, wenn sie über detektivische Erfolge von Gericht und Insolvenzverwalter spricht. Wenn sie erzählt, wie man schon so manchem Schuldner, der sich arm gerechnet hat, auf die Schliche gekommen ist - etwa dank einer Postsperre. Wie erhellend war doch der Brief, in dem ein Werftbetreiber auf Mallorca den Schuldner daran erinnerte, dass sein Boot mal wieder gewartet werden sollte. Oder wie verblüffend die Post aus England, dass die Hochseeyacht mit Hubschrauberlandeplatz jetzt abholbereit sei. Armer Pleitier. Auch Vorführung und Erzwingungshaft zählen zu den Folterinstrumenten, die das Insolvenzgericht für Schuldner mit „Verdunklungshang“ parat hält.

Bei Günter Schäfer ist das nicht nötig. Er ist gutwillig, und bei ihm ist nichts mehr zu holen. Der Vater von drei Kindern besitzt keine reguläre EC-Karte mehr, nur noch ein Pfändungsschutzkonto. Für Alleinstehende liegt die Pfändungsgrenze bei 1080 Euro, drei Unterhaltspflichtige strecken diese Grenze auf 1930 Euro. Sollte Schäfer in Versuchung geraten, überbordende Anschaffungen zu tätigen, würde er seine Restschuldbefreiung gefährden.

"Ich kaufe nichts mehr, was ich nicht bezahlen kann"

Aber an große finanzielle Sprünge mag der Hartz-IV-Empfänger, beim Jobcenter bereits unter „schwer vermittelbar“ verortet, eh nicht mehr denken. Zu viele Möbel geschleppt hat er bei seinen Gelegenheitsjobs, zu viel gearbeitet in Nässe und Kälte bei Sicherheitsdiensten. Jetzt ist der Rücken ruiniert. „Ich kaufe nichts mehr, was ich nicht bezahlen kann“, schwört der 55-Jährige. Seine zweite Frau, die er 2013 kennengelernt hat, darf dazuverdienen, fährt Essen aus. So hat die Familie ihr Auskommen.

2003 hatte Schäfer noch einmal Hoffnung geschöpft, sich an den eigenen Haaren aus dem Schuldensumpf ziehen zu können. Mithilfe des Sozialamts gründete er eine Ich-AG, arbeitete als selbstständiger Fahrer für einen Kurierdienst in Langenhagen. 2003 hatte er 10 000 Euro Schulden. Als die Aufträge ausblieben, der Transporter kaputtging und er die Unternehmung an die Wand gefahren hatte, waren es 41 000 Euro.

Sein größter Gläubiger: das Sozialamt

Erst 2012 konnte sich Schäfer dank des intensiven Drängens eines Freundes dazu durchringen, eine Schuldnerberatung aufzusuchen. Sein größter Gläubiger - mit 26 000 Euro - war das Sozialamt. Bei einem Vermieter stand er mit 5000 Euro in der Kreide, ein Zahnarzt erwartete noch 1000 Euro, und, und, und.

Sein Berater von der Caritas trug ihm zunächst einmal auf, seine 10-Euro-Ratenzahlungen bei diversen Inkassounternehmen zu stoppen. Dann erstellte der Sozialarbeiter eine Gläubigerliste, schrieb die Geschädigten an. Ob sie sich wohl auf eine außergerichtliche Schuldenbereinigung einlassen könnten, lautete die verfahrenstechnisch notwendige Frage. Eine Quote? Könne man leider nicht anbieten. Die neun Gläubiger lehnten den „Nullplan“ ab, erwartungsgemäß. Im Juli 2013 ging Günter Schäfers Insolvenzantrag bei Gericht ein.

Das Vermögensverzeichnis war schnell ausgefüllt

Das Vermögensverzeichnis des 55-Jährigen war schnell ausgefüllt - da gab’s nicht viel zu notieren. So ist die Ausschüttungsquote für Gläubiger bei den meisten privaten Pleiten denn auch äußerst niedrig. Bei Firmenpleiten, sagt Richterin Noll, könnten Gläubiger in Hannover mit einem Anteil von 6,5 Prozent rechnen. Doch je größer die Masse, desto besser die Quote. Bei einem verbleibenden Vermögen bis zu 25 000 Euro bekommen die Gläubiger im Schnitt nur 3 Prozent zurück, bei mehr als 250 000 Euro aber gut 18 Prozent. Und ganz selten dürfen sie auch mal die 100 feiern. Prozent.

Juli 2019. Ein magischer Monat für Günter Schäfer. Dann ist er ihn los, den tonnenschweren Ballast ewig währender Verschuldung, der ihn 25 Jahre plagte. Und seine Gläubiger? Schäfer hofft, dass sie sich nicht mehr erinnern. An ihn. Und ihre Verluste.

* Name von der Redaktion geändert

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