Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Wie Hillebrecht Hannover ein neues Gesicht gab
Hannover Aus der Stadt Wie Hillebrecht Hannover ein neues Gesicht gab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 23.11.2017
Wie soll der verkehr am Hauptbahnhof fließen? Architekt Rudolf Hillebrecht,von 1948 bis 1975 Stadtbaurat von Hannover, präsentiert das Modell des neuen Bahnhofvorplatzes.  Quelle: Wilhelm Hauschild
Anzeige
Hannover

 Zwei Planer haben Hannovers Stadtbild maßgeblich geprägt: Der Hofbaumeister Georg Ludwig Laves (1788-1864) und Rudolf Hillebrecht (1910-1999), Stadtbaurat von 1948 bis 1975. Über Laves ist viel publiziert. Jetzt ist erstmals ein umfassendes Werk über Hillebrecht erschienen. Auf fast 500 großformatigen Seiten zeichnet Autor Ralf Dorn ein imposantes und dadurch sehr differenziertes Bild des Architekten und Stadtplaners Hillebrecht, der das zerstörte Nachkriegshannover mit einer fast unerschöpflicher Willenskraft (und daraus resultierender Rücksichtslosigkeit), aber auch mit viel Diplomatie und Geschick zum Vorbild des deutschen Wiederaufbaus gestaltete.

Zerstörer oder Visionär?

Neuerdings gehört es fast zum guten Ton, sich von Hillebrecht zu distanzieren. Hat er nicht in Hannover die „autogerechte Stadt“ geschaffen, die heute vielen nicht mehr populär, mindestens aber unzeitgemäß erscheint? Hat er nicht wichtige Bauwerke wie das Friederikenschlösschen, die Wasserkunst oder die Tränenburg abreißen lassen – ohne Not, wie man inzwischen weiß, sondern nur, weil sie seiner Idee von der aufgelockerten, modernen Stadt im Wege standen? Und hat er nicht unter den Nazis in Hamburg kriegswichtige Projekte vorangetrieben, für Reichsbauminister Albert Speer unter Konstanty Gutschow den Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte generalstabmäßig geplant, den Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern koordiniert?

Rudolf Hillebrecht (1910-1999), Stadtbaurat von 1948 bis 1975 hat das Gesicht Hannovers nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägt.

Hillebrecht hatte viele Seiten. Vor allem als strategisch versierten Technokraten schildert Autor Dorn den visionären Planer, zeigt aber auch sein menschliches Gesicht. Als Mitglied des Wiederaufbaustabs besuchte Hillebrecht im Krieg zahlreiche Städte nach verheerenden Luftangriffen, so auch Hannover unmittelbar nach der Bombennacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943. In einem Brief an seinen Freund und Mentor, den Bauhausarchitekten Walter Gropius, schrieb er dazu: „Ich war zum ersten Mal wirklich seelisch erschüttert von all dem, was da geschehen war, und seitdem hatte ich den Wunsch, wenn es einmal an den Aufbau dieser Stadt ginge, in irgendeiner Form daran mitwirken zu können.“

Dazu bekam er Gelegenheit, als der Rat ihn im Juni 1948 zum Stadtbaurat wählte. Da war Hillebrecht längst entnazifiziert. „Als Bauorganisator – und nicht als ,Nazi´ - konnte ich im Krieg Besonderes leisten“, gab er den Alliierten zu Protokoll. Buchautor Dorn merkt kritisch an, es klinge der „Ton eines sich unpolitisch gebenden Technokraten im NS-System an“. Doch nach allem, was man weiß, hat Hillebrecht keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Und so ist zwar in Hannover die Konstanty-Gutschow-Straße an der MHH getilgt, der Rudolf-Hillebrecht-Platz vor der Bauverwaltung aber trägt weiter seinen Namen.

Plan zum Wiederaufbau umgeworfen

Hillebrecht warf in einer der ersten Ratssitzungen nach seiner Wahl den kompletten Plan zum Wiederaufbau der Stadt über den Haufen. Er gründete einen Arbeitskreis, in dem Architekten nach Feierabend ehrenamtlich am neuen Innenstadtplan mitarbeiteten (mitarbeiten mussten), und präsentierte beim ersten Treffen seine Idee, eine Verkehrsschneise um Alt- und Innenstadt zu schlagen (heute: Cityring) und um die Kernstadt ein Tangentensystem zu errichten: das heutige Schnellwegsystem, von dem nur der nördliche Teil auf der Achse des Niedersachsenrings nie gebaut wurde. Wer die Dimension der Hillebrechtschen Idee verstehen will, muss wissen: Bis zum Krieg ging der gesamte Fernverkehr über Kröpcke und Steintor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Hannover die Zeit des Wiederaufbaus der weitgehend zerstörten Stadt. Der HAZ-Fotograf Wilhelm Hauschild (1902-1983) hat die Zeit festgehalten. HAZ.de zeigt die beeindruckendsten Bilder aus dem umfangreichen Archiv des Fotografen.

Bei seinem Konzept zur Erneuerung der Innenstadt stieß Hillebrecht auf starke Widerstände. Kein Wunder: Etwa 1200 Grundstücksbesitzer waren betroffen, und von vielen von ihnen verlangte er, „freiwillig“ auf Flächen zu verzichten. Diplomatie war gefragt, etwa 600 Einzelgespräche soll Hillebrecht geführt haben. Noch heute zeugen an vielen Stellen der Innenstadt Grundstückszuschnitte von seinem Erfolg: In der Fußgängerzone sind viele (alte) Keller breiter als die (neuen) Häuser darüber, weil sich nur dadurch breite Schneisen für die moderne Stadt schlagen ließen. Das Kreuzkirchenviertel galt bald bundesweit als Vorbild für einen aufgelockerten, zeitgemäßen Wiederaufbau: Wo sich früher enge Häuserschluchten aneinander schmiegten, standen nun luftige Wohnreihen mit grünen Gärten.

Sehr schön schildert Autor Dorn, wie Hillebrecht geschickt intervenierte, wenn er seine Ziele erreichen wollte. Hannover war als Austragungsort der ersten Internationalen Bauausstellung nach dem Krieg in Deutschland auserkoren, eigentlich war sie für 1949 geplant. Doch Hillebrecht reichte die Zeit nicht – er wollte fertige Gebäude präsentieren und schaffte es, die Bauausstellung auf 1951 zu verschieben. Dafür entstand der Constructa-Block in der Südstadt (zwischen Hildesheimer, Krausen- und Bandelstraße). Hillebrecht glorifizierte die architektonisch eher schlichten Bauten nicht, sondern nutzte ihre Nüchternheit, um auf sein Anliegen hinzuweisen: Es sei eine „mangelnde Qualität bei aller quantitativen Leistung“, die der Wiederaufbau zeige. Tausende Wohnungen fehlten, zu den obdachlosen Hannoveranern waren viele Tausend Ostvertriebene hinzugekommen, es herrschte Not. Hillebrecht provizierte mit einem Plakat in der Bauausstellung: „Parlamentarierer aller deutschen Länder vereinigt euch – schafft neues Boden- und Baurecht.“ Es missfiel ihm, dass im jungen Grundgesetz privates Eigentum an Grund und Boden höher gewichtet wurde als die Aufgabe des Staates, Stadtplanung für die Gesellschaft zu betreiben – und es erschwerte ihm seine Aufgabe. Das Plakat allerdings brachte ihm eine Rüge von Wohnungsbauminister Eberhard Wildermuth ein. Ironischerweise ist heute ein Weg im Constructa-Block nach Wildermuth benannt.

Bundesweit Aufmerksamkeit

Bundesweit erntete Hillebrecht damals Anerkennung. „Keine Stadt Deutschlands kann sich mit Hannover vergleichen, auch das vielgerühmte Frankfurt nicht“, schrieb 1955 der „Welt“-Redakteur Joachim Besser angesichts von 90.000 Quadratmetern Privatbesitz, die „zugunsten der Neugestaltung abgetreten wurden, fast durchgehend entschädigungslos aus der Einsicht heraus, dass eine moderne, offene, verkehrsgerechte Großstadt Leben und Verdienst ihrer Bürger besser fördert als eine verbaute und restaurierte.“ Dass zudem der „Spiegel“ 1959 dem „Wunder von Hannover“ eine eigene Titelgeschichte zukommen ließ, ist hinlänglich bekannt.

Unter Hillebrecht bauten die bekanntesten Architekten in Hannover. Walter Henn schuf die VGH-Zentrale am Schiffgraben, Friedrich Wilhelm Kraemer entwarf am Maschsee das Funkhaus des NDR (damals: NWDR), Walter Gropius entwarf von den USA aus für den Unternehmer Stichweh ein Haus in Herrenhausen – auf Vermittlung Hillebrechts. Aber auch die hannoverschen Kollegen kamen zum Zuge. Ernst Zinßer baute das erste Nachkriegshochhaus in Deutschland, das Conti-Hochhaus (heute: Universität). Heinz Wilke errichtete den Flughafen, der zum Vorbild für seinen zweiten Flughafen in Moskau-Scheremetjewo wurde, und das Sparkassen-Hochhaus am Raschplatz. Dieter Bahlo und seine Kollegen von BKSP errichteten das Bredero-Hochhaus am Raschplatz und andere Bauten.

Vor allem die Rettung des Leineschlosses darf als großer Verdienst Hillebrechts gelten, der zwar überladen-historisiernde Architektur verabscheute, den klaren Klassizismus von Laves aber schätzte. Als das komplett ausgebrannte Schloss zum Landtag ausgebaut wurde, gelang einzig dem Architekten Dieter Oesterlen ein Entwurf, der mit dem Plenarbau Neues schuf, zugleich aber das alte Welfenschloss würdevoll aus Ausgangspunkt der Planung nutzte. Hillebrecht bedankte sich in einem langen Brief an Oesterlen für dieses Meisterstück – auch dieser Brief ist in Auszügen in dem Dorn-Werk abgedruckt.

Zwei Gesichter

Der langjährige Stadtbaurat wurde mit unzähligen Fachauszeichnungen dekoriert und erhielt etliche Arbeitsangebote etwa aus Berlin, Bonn und Hamburg – er blieb aber seiner Heimatstadt treu. Hillebrecht war scharf im Denken und stark in Entscheidungen, doch er schuf sich auch ein Korrektiv: den Kollegialkreis, eine Runde von Architekten und Stadtplanern, die ihn kritisch begleiteten. Der Kollegialkreis wurde auch unter seinen Nachfolgern beibehalten und erst in jüngster Zeit abgeschafft.

Und so bleiben von Hillebrecht zwei Seiten. Die eine, die die Ruine der Nikolaikapelle an der Goseriede für einen Straßenbau abreißen wollte (nur heftiger Bürgerprotest erreichte, dass wenigstens die Hälfte des ältesten Gebäudes der Innenstadt stehen blieb). Und die andere, die mit viel Energie Hannover ein neues Gesicht gegeben hat und so den Aufbruch in die Nachkriegsmoderne geprägt hat. Er agierte zuweilen ohne Rücksicht auf Verluste, war aber doch zu Einsicht fähig. Hillebrecht formte Hannover als aufstrebenden Wirtschaftsstanndort und wachsende Landeshauptstadt nach seinen Prinzipien: aufgelockert, mit guter Infrastruktur und klarer Gliederung. Doch als er merkte, dass vielen Bürgern die neue Stadt zu kalt und gesichtslos wurde, ließ er in der Altstadt Fachwerkhäuser zu einer Traditionsinsel aufbauen, um den mittelalterlichen Kern wieder erlebbar zu machen. Dass man die Fachwerkhäuser am Holzmarkt aber überhaupt genießen kann, ohne in der Innenstadt ständig von dichtem Verkehr umtost zu sein, ist einzig der Weitsicht Hillebrechts zu verdanken.

Ralf Dorn: Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Hillebrecht. Herausgegeben von Cornelia Regin, Stadtarchiv Hannover. Gebrüder-Mann-Verlag, 496 Seiten, 89 Euro.

Von Conrad von Meding

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Doppeltes Pech in der IGS Südstadt: Gerade erst haben die Monteure einen Schaden an der Heizung repariert, da tritt der nächste Schaden auf. Deshalb fiel der Unterricht am Montag für alle Schüler aus.

23.11.2017

Die CDU im Rat überrascht das Bohrverbot, das die Stadt über Asbest-belastete Gebäude verhängt hat. Die Fraktion fordert eine Liste aller Schulen, die betroffen sind.

20.11.2017

Die Studenten an der Uni  Hannover wehren sich gegen die geplante Vereinheitlichung der Prüfungszeiträume.  Zentrale Prüfungstermine ab Sommersemester 2018 führten zu deutlich längeren Studienzeiten. Der Protest wächst. 

23.11.2017
Anzeige