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Aus der Stadt Ein Dutzend Menschen schläft trotz des Winters im Freien
Hannover Aus der Stadt Ein Dutzend Menschen schläft trotz des Winters im Freien
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22:34 17.02.2010
„Irgendwann muss es doch wärmer werden“: Günter G. übernachtet im Freien, einen Winter wie diesen hat er in seinen vier Jahren auf der Straße noch nie erlebt. Quelle: Thorsten Fuchs
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Günters Platz ist draußen. Auch jetzt, da es seit Wochen bitterkalt und vor wenigen Tagen ein anderer Obdachloser in der Eilenriede erfroren ist, nur ein paar Hundert Meter von hier. Es ist ein eisig-sonniger Morgen, das Licht gleißt von der schneebedeckten Lichtung, im Schutz eines Unterstands steckt Günter G. seinen Kopf aus einem Hügelchen aus Decken und Schlafsäcken. „Ob ich friere?“, fragt er zurück. „Ich kann doch gar nicht frieren.“

Den „harten Kern“ nennen Sozialarbeiter Menschen wie Günter G. Jene wohl ungefähr ein Dutzend Obdachlosen, die in Hannover auch in diesen Zeiten draußen übernachten, trotz des grimmigen Winters. Auch Bert C. gehörte zu diesem harten Kern. Bert C. ist vor einer Woche in der Eilenriede gestorben. Er sei erfroren, hieß es zunächst. Dann entdeckten die Pathologen bei der Obduktion einen Herzinfarkt. Vielleicht kam beides zusammen, die Kälte und sein krankes Herz. Auf jeden Fall kann es lebensgefährlich sein, jetzt draußen zu übernachten. Günter G. tut es dennoch.

Sein Haar hat schon seit einiger Zeit keinen Friseur gesehen, die Farbe seines Barts schwankt zwischen rötlich und grau, und nicht jeden fehlenden Zahn hat ein Arzt bislang ersetzt. Seit vier Jahren lebt Günter G. auf der Straße. So erzählt der 59-Jährige es jedenfalls, und wenn man dem vertraut, was er sonst noch berichtet, hat es früher ein Leben gegeben, das von einem winterlichen Schlafplatz in der Eilenriede einigermaßen weit entfernt war. Koch sei er gewesen, in der Kantine eines Unternehmens – jedenfalls, bis dieses Unternehmen beschloss zu sparen. Seine Wohnung in Anderten habe er gekündigt, leichtfertig, noch ohne sich einer neuen Wohnung sicher sein zu können. Und eine Frau, ja, die habe es auch gegeben, „27 Jahre waren wir verheiratet“. Dann sei sie zur Kur gefahren, ein anderer Mann, „da habe ich sie aber rausgeschmissen“.

Und Kinder? „Ja, drei Mädels, sind schon richtig erwachsen.“ Ob er noch Kontakt zu ihnen hat? „Nein, die sind alle in Bayern.“ Bayern ist nicht so weit. „Aber Bayern ist groß. Ich weiß doch nicht, wo sie stecken.“

Günter G. ist dem Plausch selten abgeneigt, er mag Geschichten. Aber man stößt bei ihm auch rasch auf jenes Einzelgängertum, die ausgeprägte Scheu vor der Nähe zu anderen, auf die Sozialarbeiter bei Männern, die ganzjährig Platte machen, immer wieder treffen. Es mangelt in Hannover nicht an Not-unterkünften, im Bunker am Welfenplatz bleiben Nacht für Nacht Dutzende Betten leer. Der Bunker ist eine raue Herberge, aber besser als eine Nacht im Freien ist er schon.

Günter G. jedoch meidet den Weg dorthin. Gegen Mittag zieht er aus seinem Lager in der Eilenriede los und läuft Richtung Innenstadt. Wenn ihm zu kalt wird, wärmt er sich in einer U-Bahn-Haltestelle auf. In der Markthalle kauft er sich etwas zu essen. Und wenn er abends zurückgeht, trinkt er an der Marienstraße, wenn das Geld reicht, für 60 Cent noch einen Kaffee. Warum er in keine Notunterkunft will, warum er auch nicht in den Wohnungslosen-Treffpunkt „Mecki“ am Raschplatz geht, genau erklären kann oder möchte er es nicht. Vor vielen Jahren sei er mal für einige Wochen in einem Wohnheim gewesen, nie wieder werde er dorthin gehen. Er habe auch kaum Kontakt zu anderen Wohnungslosen, den toten Bert C. kannte er nicht. Es ist, als hege Günter G. ein tiefes Misstrauen gegenüber allem Institutionellen, gegenüber allen Festlegungen, allen Gruppen, selbst wenn sie aus Menschen in ähnlichen Situationen bestehen. „Ist nicht mein Spiel“, sagt er knapp. Das muss reichen.

Menschen, die sich professionell um Günter G. und überhaupt die Menschen auf der Straße kümmern, bringt er damit in ein Dilemma. „Wir haben einen Schutzauftrag“, erklärt Gottfried Schöne, Leiter der Zentralen Beratungsstelle der Diakonie. „Aber wir können niemanden gegen seine Überzeugung überreden, in eine Unterkunft zu gehen.“

Im Fall Günter G. sind die Sozialarbeiter relativ beruhigt. Viele Kleefelder wissen um den Mann im Wald. Manche bieten ihm Kleidung oder einen Schlafsack an, andere kommen mal mit heißem Kaffee vorbei. Er sei relativ gut eingebunden, befanden die Sozialarbeiter nach ihrer letzten Visite. Furcht vor Übergriffen hat Günter G. nicht. Neben seinem Nachtlager liegt ein Messer. „Ich war vier Jahre Soldat, ich hab’ ‘ne Nahkampfausbildung.“ Das Wetter? Ja, sagt er, zu schaffen mache es ihm schon. In seinen vier Jahren auf der Straße habe er so etwas noch nicht erlebt. Aus seinen Worten spricht jedoch mehr Überdruss als Sorge. Und ewig könne es mit dem Wetter ja wohl so nicht weitergehen. „Irgendwann“, sagt Günter G., „muss es doch mal wieder wärmer werden.“

Thorsten Fuchs

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