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Ein Jahr nach den Steinwürfen in Hannover-Sahlkamp

Soziologe zieht Bilanz Ein Jahr nach den Steinwürfen in Hannover-Sahlkamp

Der Soziologe und Antisemitismusexperte Wolfram Stender, Professor an der Fachhochschule Hannover, wirft der Stadt vor, Judenfeindlichkeit unter Jugendlichen nicht entschlossen genug zu bekämpfen. Es gebe die Tendenz, „das Problem kleinzureden und als gewöhnlichen Alltagsrassismus abzutun“, sagte Stender anlässlich des Jahrestags der Steinwürfe auf eine jüdische Tanzgruppe.

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Zum Jahrestag der Steinwürfe im Sahlkamp gibt es ein Drachenbootrennen für mehr Toleranz: In einem der bunt gemischten Boote gibt Bürgermeister Bernd Strauch den Ton an.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Den Ankündigungen nach dem Vorfall sei aufseiten der Stadt nicht viel gefolgt „und leider fast gar nichts bezogen auf das spezifische Problem des Antisemitismus“, erklärte der Soziologe, der mehrere Studien zu antisemitischen Einstellungen unter Jugendlichen auch an hannoverschen Schulen erstellt hat.

Der Koordinator städtischer Projekte nach den Steinwürfen, Volker Rohde, wies die Vorwürfe zurück. Die Stadt habe zahlreiche Aktionen unter dem Motto „Respekt und Würde“ initiiert, um besonders viele Menschen zu erreichen. Bei der Attacke bei einem multikulturellen Fest auf dem Sahlkampmarkt hatten arabischstämmige Jugendliche vor einem Jahr jüdische Tänzer mit Steinen beworfen und den Abbruch ihres Auftritts erzwungen. Eine Tänzerin war dabei leicht verletzt worden.

Am Sonntag erinnerte die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde, Ingrid Wettberg, an die Steinwürfe. Beim Drachenbootrennen für mehr Toleranz appellierte sie vor allem an die Jugendlichen, sich für ein „friedliches und respektvolles Zusammenleben in unserer Stadt“ einzusetzen. „Liebe Jugendliche, in Eurer Hand liegt die Zukunft, nutzt sie“, sagte Wettberg an der Maschseequelle. Sie zeigte sich zufrieden, dass an dem Drachenboot-
rennen auch zwei der Tänzerinnen teilnahmen, die am Sonntag vor genau einem Jahr mit Steinen beworfen worden waren.

Das Rennen unter dem Motto „Wir sitzen alle in einem Boot“, hatten Mitarbeiter der Verlagsgesellschaft Madsack – in der auch die Hannoversche Allgemeine Zeitung erscheint – im Jahr 2006 ins Leben gerufen. In diesem Jahr fand das Drachenbootrennen bereits zum sechsten Mal statt.

Erstmals hatte sich in diesem Jahr ein Bundespräsident zu dieser Veranstaltung geäußert: Christian Wulff forderte in einen verlesenen Grußwort dazu auf, aus dem Zusammenleben unterschiedlichster Menschen ein „Miteinander und Füreinander“ zu machen.

Der Türkische Generalkonsul Tunca Özucuhadar störte sich an dem Wort „Toleranz“ in dem Namen der Initiative. Begriffe wie „Akzeptanz oder Anerkennung“ seien ihm viel lieber, meinte er.

Unter anderem waren Ratspolitiker wie Bürgermeister Bernd Strauch (SPD) und der CDU-Fraktionschef Jens Seidel bei der von der Lotto-Sport-Stiftung unterstützten Veranstaltung in die Boote gestiegen. Aber auch Bürgermeisterin Ingrid Lange (Grüne) und der SPD-Landesvorsitzende Stefan Schostok nahmen ein Ruder in die Hand. Und sie hielten sich überwiegend an die nicht ganz einfache Forderung der Mannschaftsführer: „Alle machen zum gleichen Zeitpunkt die gleiche Bewegung.“ Allerdings bedauerten die Veranstalter, dass sich viele angemeldete Jugendliche von den am Vormittag drohenden Regentropfen abschrecken ließen. Die rund 120 aktiven Teilnehmer in den mit Christen, Moslems und Juden bunt gemischten Booten hatten jedenfalls Glück mit dem Wetter: Der richtige Regen kam erst, als das Rennen vorbei war.

Die Lehre der Steine

Die Jungen wissen Bescheid, Stichworte genügen. Sie spielen hier Fußball, auf dem Bolzplatz im Schatten der mächtigen Wohnblöcke an der Schwarzwaldstraße. Sie passen, schießen. Es scheppert, wenn der Ball gegen den Metallzaun fliegt, der den Platz umgibt. Aber wenn man sie anspricht, dann reichen zwei Begriffe, „Juden“ und „Steine“, und der Ball kullert zur Seite. „Ich war als Zeuge beim Prozess“, sagt einer, 13 Jahre alt vielleicht. Ob er auch selbst geworfen hat? Darauf antwortet er nicht. Und wenn es so etwas wie ein stolzes Schweigen gibt, dann kann man es hier beobachten.

Es geschah vor einem Jahr, am 19. Juni 2010, da begann auf dem Sahlkampmarkt, nur wenige Schritte vom Bolzplatz entfernt, ein Fest, das viele Menschen erschreckte. Dieser „Internationale Tag“ ist eine der vielen Initiativen, die zeigen sollen, wie friedlich die vielen Nationen und Religionen in dem Viertel rund um die Schwarzwaldstraße zusammenleben.

Doch als die Tanzgruppe der Liberalen Jüdischen Gemeinde die Bühne betritt und der Moderator, der Sozialarbeiter Hajo Arnds, „israelische Tänze“ ankündigt, rufen Jugendliche im Publikum Parolen, judenfeindliche Parolen. Arnds mahnt zur Ruhe, aber nun fliegen Steine Richtung Bühne. Arnds stellt sich vor die Tänzer, redet auf die Jugendlichen ein. Aber es fliegen weitere Steine. Es sind Kieselsteine, zu klein, um Menschen ernsthaft zu verletzen, aber groß genug, um ihnen sehr weh zu tun. Entsetzt und verängstigt verlassen die Tänzer die Bühne. „Jüdische Tänzer beschimpft und mit Steinen beworfen“, so steht es später in deutschen, britischen, amerikanischen und israelischen Zeitungen. Oberbürgermeister Stephan Weil kündigt Konsequenzen an, eine „gründliche Aufarbeitung“ und Schulprojekte zum Beispiel.

Und jetzt, nach einem Jahr: Was ist passiert?

An den Scheiben des Stadtteiltreffs, auf halbem Weg zwischen Bolz- und Marktplatz, haftet die Erinnerung. „Ich akzeptiere andere Religionen“, „ich achte darauf, dass es anderen gut geht“, so steht es in weißen Buchstaben aus Fasern auf den Fenstern, geschrieben von Viertklässlern der Grundschule Hägewiesen. Oben, im ersten Stock, zeigt Arnds eine DVD mit kurzen Filmen, gedreht von Schülern der Ada-Lessing-Schule. Jugendliche bedrängen in der Stadtbahn ein Mädchen, ein anderes greift ein und führt sie fort. Solche Sachen eben. Kleine Lehrstücke in Sachen Zivilcourage. Einer der Spots schaffte es ins Üstra-Fernsehen. „Hab Respekt!“, steht am Ende auf dem Bildschirm.
Für Arnds und Volker Rohde, Leiter der Kinder- und Jugendarbeit bei der Stadt, den der Oberbürgermeister als Koordinator für die Projekte nach den Steinwürfen eingesetzt hat, sind die Filme und die Parolen auch ein Beleg. Ein Beweis, dass die Stadt das Problem ernst nimmt.

Arnds arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Sahlkamp, er wird für sein Engagement weit über die Grenzen des Viertels geschätzt. Aber im vergangenen Jahr, so klingt es, hat er über die Menschen dort noch etwas lernen müssen.
Nach den Steinwürfen befragte die Stadt Schulen und Kindergärten. Und so erfuhr Arnds zum Beispiel von den muslimischen Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in die Kita schicken wollten, solange dort auch ein jüdisches Mädchen hinging. „Zuvor hatten die Einrichtungen diese Probleme nie benannt“, sagt Arnds. Jetzt fragte er nach – und traf eine Zwölfjährige, die in der Schule niemandem erzählt, dass sie Jüdin ist, aus Angst vor Anfeindungen. Es waren Lektionen im alltäglichen Antisemitismus.

Die Reaktion der Stadt heißt „Respekt und Würde“. Es ist das Motto jener Initiativen, die Rohde und Arnds als Reaktion auf die Steinwürfe starteten. Von einem Theaterprojekt mit dem Jungen Schauspiel erzählen sie, von einem Workshop, von Arbeitsgruppen, die sich mit Themen wie „Wie erreichen wir schwierige Familien?“ oder Antisemitismus beschäftigen. „Wir setzen auf längerfristige Maßnahmen“, sagt Rohde. Warum „Respekt und Würde“, warum kein Programm gegen Antisemitismus? „Das Motto ist so allgemein gehalten, damit es alle einschließt“, sagt Rohde. Beim Stichwort Antisemitismus sei es leicht zu sagen: Betrifft mich nicht. „Respekt und Würde gehen dagegen alle an.“ Arnds hofft, diesem Prozess auch Positives abzugewinnen. „Es ist eine Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Es ist eine schwierige Debatte. Der Antisemitismus gerade muslimischer Jugendlicher ist kein Problem des Viertels zwischen Hägewiesen und General-Wever-Straßé, es existiert überall. Es hat sich hier im Sahlkamp vieles zum Positiven gewendet, das berichten viele, die das Viertel lange kennen. „Einzelfälle“, sagt Rohde, seien für die Steinwürfe verantwortlich gewesen.

Tatsächlich waren die Anstifter der Steinwürfe offenbar ein Neun- und ein Elfjähriger, die jüngsten Kinder einer im Viertel seit Langem bekannten kriminellen libanesischen Familie. Das Jugendamt hat die Betreuung der Familie seit dem vergangenen Sommer intensiviert. Auf dem Bolzplatz haben die beiden schon lange nicht mehr mitgespielt, auf den Straßen hat sie auch schon lange niemand gesehen.

Andererseits fiel es den beiden nicht schwer, andere Kinder und Jugendliche davon zu überzeugen, dass Steine auf Juden zu werfen eine gute Idee ist. Fünf Täter konnte die Polizei überführen. Verdächtigt jedoch wurden 14 – und Tatiana Ilchenko ist sicher, dass es noch mehr waren. Das war es ja, was sie so entsetzt hat: Dass es viele waren. Und dass niemand die Polizei rief. Tatiana Ilchenko stand damals im Publikum. Sie gehörte zu der Tanzgruppe, trat aber nicht mit auf, und so konnte sie alles mitansehen. „Ich war wütend“, sagt sie. Deshalb schrieb sie eine E-Mail an Freunde und Bekannte. Es war diese Mail, die den Vorfall bekannt machte.

Es gebe viele wichtige Projekte im Sahlkamp, sagt sie heute. Bei einem machte sie selbst mit, sie las in einer Schule Märchen vor. Es ging um den Waschbären Krümel und darum, wie man Freunde gewinnt. Das Mädchen, das ihr am aufmerksamsten zuhörte, das mit offenem Mund vor ihr saß, kannte sie: Es war unter den Steinwerfern. „Das ist F., die Schlägerin“, sagten die anderen Kinder später, aber hier war F. nicht die Schlägerin, und Tatiana Ilchenko dachte: Ja, so kann es gehen, so kann man sie erreichen.

Sie war aber auch bei anderen Veranstaltungen. Vor einigen Wochen organisierte der Integrationsbeirat des Stadtteils eine Diskussion. Vertreter der Liberalen Jüdischen sowie einer muslimischen Gemeinde und ein Pastor sprachen über Gemeinsamkeiten, und Tatiana Ilchenko dachte: Die Leute hier sind doch ohnehin überzeugt, das ist nicht das Problem, es geht doch um die abgeschotteten Familien.

Aus Ilchenkos Worten sprechen Zweifel, dass ein Jahr nach den Steinwürfen wirklich alle die richtigen Schlüsse gezogen haben. Und sehr deutliche Kritik an der Stadt kommt von Wolfram Stender, Professor an der Fachhochschule Hannover: „Ich habe den Eindruck, dass nach wie vor die Tendenz besteht, das Problem kleinzureden und als gewöhnlichen Alltagsrassismus abzutun“, erklärt er.

Stender schlägt vor, Experten der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, einer vom Bund geförderten und mehrfach ausgezeichneten Berliner Organisation, in den Sahlkamp zu holen. Die Finanzierung, sagt Stender, sei über ein Bundesprogramm möglich. Die Stadt hatte auch bereits Kontakt zu der Initiative aufgenommen. „Wir sind noch dabei zu überlegen, wie wir sie einbinden können“, sagt Rohde. Manches scheint, wohlwollend formuliert, derzeit etwas länger zu brauchen im Sahlkamp.

Die Jugendlichen auf dem Bolzplatz an der Schwarzwaldstraße kennen diesen Streit nicht. Aber sie haben eine Meinung zu dem, was vor einem Jahr passiert ist. „Steine zu werfen war falsch, die Juden sind doch auch nur Menschen“, sagt ein Junge, dessen Eltern aus Palästina stammen, wie er erklärt. Ein anderer Junge, der kleinste der Runde, zehn Jahre vielleicht, ist anderer Ansicht. „Wir sind Kanaken, wir sind gegen Juden“, sagt er. So sei es eben. Es klingt, als formuliere er ein Naturgesetz. Es bleibt, so viel steht fest, noch eine Menge zu tun. Nicht nur, aber ganz sicher auch hier.

Thorsten Fuchs und Mathias Klein

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