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Schaffen wir das? "Ja. Es Geht. Punkt."

Von der Krise zur Integration Schaffen wir das? "Ja. Es Geht. Punkt."

Vor einem Jahr musste auch Hannover Tausende Flüchtlinge unterbringen. Inzwischen hat sich die Lage längst beruhigt. Zwölf Monate später geht es nicht mehr um Krisenmanagement, sondern um Integration. So haben die vielen Helfer in der Landeshauptstadt das letzte Jahr erlebt. 

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Die beiden Sozialarbeiterinnen Cornelia Stolzenberg (links) und Petra Nolte-Porteos, Renée Bergmann vom Unterstuetzerkreis Fluechtlinge (oben rechts) und Thorsten Rademaker von DRK.

Quelle: Schaarschmidt/Kutter

Hannover. Als die ersten Flüchtlinge in der Turnhalle Stöcken ankamen, praktisch über Nacht, packte auch ein junger Mann mit an. Thorsten Rademaker war noch nicht sehr lange beim Deutschen Roten Kreuz, aber jetzt galt es. Für außergewöhnliche Lagen hat man schließlich organisierte Helfer. Er setzte sich in sein Auto, fuhr ins nächstgelegene Katastrophenlager und stopfte so viele Schlafsäcke hinein, wie sein Wagen fasste. Auch Küchen der DRK-Altenheime legten an Schlagkraft zu, manche Portion transportierte Rademaker in die Unterkünfte. Damals, sagt er, habe er „alles getan, was erledigt werden musste“.

Das war im September 2014. Hannover war damit beschäftigt, immer mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Rademaker, 28 Jahre alt und stellvertretender Geschäftsführer der Sozialen Dienste beim DRK, fasst es so zusammen: „Es ging um elementare Dinge. Ein Dach über dem Kopf, Essen, medizinische Versorgung.“

Ein Jahr später, Geschichtsschreiber werden August/September 2015 notieren, ging es erst richtig los. Angela Merkel sagte „Wir schaffen das“, und je nach politischer Auslegung galt das als humanitäre Hilfe in höchster Not oder Signal an alle Elenden dieser Welt, sich in Deutschland Hilfe abzuholen. Klar war nur: Wer immer ins Land kommen würde, die Kommunen stünden in der Pflicht, die Menschen unterzubringen und zu versorgen.

Hannover traf die Welle nicht ganz unvorbereitet. Es gab Sozialverbände, ein Netz von Ehrenamtlichen, Mitarbeiter im Rathaus. Die Stadt räumte also Turnhallen, stapelte Container zu kleinen Siedlungen, räumte Oststadtkrankenhaus und Deutschen Pavillon frei. Die Bevölkerung war zwiegespalten. Kleiderkammern meldeten bald Land unter, so viel spendeten die Menschen. Aber auf hitzigen Bürgerversammlungen hörte man viel von Ängsten und Vorurteilen. Wer denn da komme, ob die kriminell seien, Islamisten womöglich und junge Männer, man wisse schon. Bürger fragten, was Flüchtlinge in der Nähe bedeuteten für den Preis pro Quadratmeter Grundstück. Doch nie zündete eine politische Debatte darüber, welcher Stadtteil zu viel Asylbewerber habe und wer mehr vertragen könnte als man selbst vor seiner Haustür.

"Ja. Es geht. Punkt."

Als die Flüchtlinge im vergangenen Sommer kamen, ging es Schlag auf Schlag. Thorsten Rademaker erinnert sich, dass jede Woche eine neue Einrichtung öffnete. In Notunterkünften standen von einer Stunde zur anderen Dutzende Flüchtlinge vor der Tür, von denen keiner wusste, aus welchem Land sie kamen. Händeringend wurden Dolmetscher gesucht, zum Teil für entlegene Dialekte einer entfernten Sprache. Weil Flüchtlinge betreut werden mussten, eröffneten sich für den Beruf des Sozialarbeiters neue Perspektiven. 130 stellte das DRK ein, dazu 30 Haustechniker. Das Notdienstwesen mit freiwilligen Helfern in 128 Ortsvereinen der Region Hannover funktionierte. „Die Betreuung in den Unterkünften hat sich eingespielt. Heute geht es eher darum, Integration zu unterstützen“, sagt Rademaker. Die Sozialen Dienste bauen unter anderem ein Beschäftigungsprojekt auf, gemeinsam mit der Arbeitsagentur.

Wir schaffen das? „Ja. Es geht. Punkt.“ Renée Bergmann bekräftigt entschlossen, was die Kanzlerin vor einem Jahr behauptete. Sie ist Vorsitzende des Unterstützerkreises Flüchtlinge, mehr als 25 Gruppen gibt es inzwischen, Hunderte Mitglieder sind verteilt über die Stadt und helfen, immer besser organisiert, beim Leben in Deutschland, von Sprachkursen über Behördengänge, Wohnungs- und Praktikumssuche. Auch beim Unterstützerkreis hat sich der Schwerpunkt verlagert. „Wir wollen uns weiterentwickeln von einer Willkommmenskultur zu einer Integrationskultur“, sagt Bergmann.

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Die Helfer kennen die vielen Hindernisse auf dem Weg dorthin. Ihre Idee ist es, in Zukunft jedem Flüchtling einen Paten zur Seite zu stellen. Es wäre eine Art Intensivbetreuung. Oft ist es so, dass Kontakte zu ehrenamtlichen Helfern der einzige Kontakt zu Deutschen ist. In der Nähe von Flüchtlingsheimen soll es Treffpunkte geben für Flüchtlinge und die Bürger drumherum, Renée Bergmann nennt sie „Begegnungscafés“. Eine weitere Datenbank ist im Aufbau, um das Wissen vieler Helfer besser zu vernetzen. Manchmal erweisen sich Vorschläge, die auf den ersten Blick skurril anmuten, als überaus beliebt. Eine Helferin schlug vor, Flüchtlingen nahezubringen, wie man Mappen anlegt mit all dem Bürokratiekram darin, der notwendig ist. „Ein Renner in den Heimen“, sagt Gerhard Spitta vom Unterstützerkreis, „die Dame wird sehr angefragt.“

Aber Mappen können auch nur helfen, Hindernisse besser zu organisieren. Spitta, der frühere Berufsschulleiter, erzählt von bürokratischen Hindernissen, die Unternehmen oft im Weg stehen, wenn sie Flüchtlinge beschäftigen wollen. Er erlebt, wie sich mitunter gegensätzliche Kulturen begegnen. Einmal musste er einem Syrer erklären, dass man nicht sein Gesicht verliere, wenn man mit Händen arbeitet statt allein mit dem Kopf. Spitta hat ihm dann einen kleinen Vortrag gehalten und vom „Wert des deutschen Mittelstandes für die Wirtschaft“ gesprochen.

Damit sich Flüchtlinge in diesem Leben besser zurechtfinden, gibt es städtische Mitarbeiter wie Cornelia Stolzenberg. Sie arbeitet beim sogenannten mobilen Integrationsmanagement, was knapp zusammengefasst bedeutet, dass sie sich um vieles kümmert, was sich außerhalb der Unterkünfte abspielt. Sprachkurse, Beschäftigungsprojekte, Jobs, Behördenhilfe und, wenn es gut läuft und Wohnungen frei sind, Umzug von Flüchtlingen aus den Heimen, wozu schwierige Gespräche mit Vermietern gehören. Eine Erkenntnis des vergangenen Jahres: „Wenn sie in den Stadtteilen angekommen sind, in ihrer eigenen Wohnung, das ist der eigentliche Ort der Ankunft.“

Nach der Krise kommt die Integration

Es ist die größte Veränderung im Vergleich zum September vergangenen Jahres: Integrationshelfer sind viel weniger mit Krisen beschäftigt. Sie haben mehr Zeit, Flüchtlingen beim Einleben zu helfen. Manchmal gehört dazu, junge Männer zu wecken, wenn sie einen Termin haben, zum Beispiel morgens zur Weiterbildung in einem Beschäftigungsprojekt. Cornelia Stolzenberg sagt, dass die Zahl der Abbrecher dort inzwischen deutlich zurückgehe, wenn Flüchtlinge verstanden hätten, dass sie pünktlich sein müssen und Qualifizierung wichtig ist. Und dann gibt es noch diejenigen, die warten. Tag um Tag, Monat um Monat, in diesem wie im vergangenen Jahr. Sie warten auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das noch immer nachhängt mit seinen Entscheidungen über Asylanträge. Cornelia Stolzenberg sieht darin, ein Jahr nach Merkels Optimismus, eines der größten Probleme. „Viele Flüchtlinge leben noch in einem Vakuum, sie hatten noch nicht einmal das erste Gespräch beim Bundesamt, junge Männer zwischen 18 und 25.“

40 Sozialarbeiter hat die Stadt mittlerweile eingestellt, der Markt ist einigermaßen abgegrast. Sie hören Geschichten von Menschen, die versuchen müssen, mit einer großen seelischen Last zurechtzukommen. Zwei Brüder waren kaum zu bändigen, als sie in einer Unterkunft vom Selbstmord eines weiteren Bruders erfuhren. Die Leiterin des städtischen Integrationsmanagements, Petra Nolte-Porteous, erzählt die Geschichte von einem Flüchtling, der seine Heimat verlassen musste, weil er eine Bekannte, eine junge Frau, gegrüßt hatte. Der Vater erschoss diese Tochter, nun stand er auf der Liste. „Viele Geschichte kennen wir gar nicht“, sagt Nolte-Porteous. Sie glaubt ohnehin: „Es wird Jahre dauern, bis die Menschen wirklich hier ankommen werden.“

Es gibt ja Probleme. Sprachschwierigkeiten, die Jobs im Wege stehen. Ein oft geringes Bildungsniveau der Flüchtlinge. Zu wenig Wohnungen. Gegensätzliche Mentalitäten. Aber Petra Nolte-Porteous zweifelt nicht, dass Hannover es schaffen kann. Und noch mehr schaffen könnte, wenn es denn sein müsste.

In Hannover leben derzeit 4300 Flüchtlinge

Aktuell kommen jede Woche etwa 50 hinzu. Im Herbst erwartet die Stadt Hannover eine neue Zuteilungsquote vom Land Niedersachsen. Nach dem bisher gültigen Schlüssel müsste Hannover noch weitere 5400 Flüchtlinge aufnehmen. Allerdings hat die Stadt schon deutlich mehr Migranten untergebracht, in Spitzenzeiten waren es knapp 5000. Nach der Vorgabe des Landes will das Rathaus seine Unterkünfte planen.

In den vergangenen Monaten wurden bereits einige Notunterkünfte geräumt, etwa der Deutsche Pavillon und ein ehemaliger Baumarkt in Badenstedt. In großen Unterkünften (Oststadtkrankenhaus, Bettenhaus der Siloah-Klinik, Maritim-Hotel) leben noch 1500 Menschen.

Welche aktuellen und ehemaligen Notunterkünfte als Reserve vorgehalten werden, will die Stadt ebenfalls von der neuen Herbst-Quote abhängig machen. Der Andrang vom vergangenen Sommer macht sich, trotz rückläufiger Flüchtlingszahlen, weiterhin in der städtischen Planung bemerkbar. Spätestens im Oktober sollen drei neue Modulbauten bezogen werden, sie stehen am Waterlooplatz, Wülferoder Straße und Woermannstraße. Insgesamt sollen hier 350 Menschen Platz finden. Ebenfalls voraussichtlich zum Oktober werden zwei Projekte der städtischen Wohnungsgesellschaft GBH fertiggestellt. In der Hebbelstraße und Am Bahndamm entstehen derzeit Häuser für jeweils 50 Flüchtlinge.

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