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Aus der Stadt Ein Krankenhaus für die Zukunft
Hannover Aus der Stadt Ein Krankenhaus für die Zukunft
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22:54 09.10.2013
Von Veronika Thomas
Schöne Aussichten: Alle 284 Patientenzimmer in den drei Bettenhausriegeln sind Richtung Ihme ausgerichtet. Quelle: von Ditfurth
Hannover

Wer aufs Dach mit dem Hubschrauberlandeplatz gelangt, der kann den Eindruck haben, die neue Klinik sei schon fertiggestellt. Als könnte der Rettungshubschrauber jeden Moment landen, die Helfer herbeieilen – hier oben mit dem fantastischen Rundblick über die Stadt. Ein Hubschrauber wird in den kommenden Wochen noch nicht eintreffen, aber der Aufzug funktioniert bereits. Wie so vieles andere auch.

Das neue Siloah zieht schon vor der Fertigstellung scharenweise Besuchergruppen an. Ein Rundgang durch Niedersachsens modernste Klinik.

Der Neubau des Klinikums Siloah zieht schon neun Monate vor seiner geplanten Inbetriebnahme scharenweise Besuchergruppen an. Fast täglich gibt es Führungen, vornehmlich für Mitarbeiter aus dem Klinikum Region Hannover (KRH), die sich für einen Arbeitsplatz in Niedersachsens modernstem Krankenhaus interessieren. Mehr als 1000 Beschäftigte werden vom 1. Juli 2014 an im neuen Siloah-Krankenhaus arbeiten, das seit 2011 für 192,5 Millionen Euro gebaut wird. Der Neubau ersetzt das alte, 1899 gegründete Krankenhaus Siloah sowie das 1959 eröffnete Oststadtkrankenhaus, das seit dem Jahr 2004 auch das Heidehaus beheimatet. Die Grundfläche der bisherigen Kliniken reduziert sich im Neubau um 18 000 Quadratmeter, die Zahl der Betten um 90.

Längst interessieren sich nicht nur Mitarbeiter für den hochmodernen Klinikneubau, sondern auch Teilnehmer medizinischer Fachkongresse. Vor wenigen Tagen war mit dem Netzwerk Krankenhausbau sogar der Fachausschuss für staatlichen Hochbau zu Gast, ein Organ der Bundesbauministerkonferenz. Die Baufachleute mit je einem Vertreter pro Bundesland, die bei sämtlichen Planungen öffentlich geförderter Klinikbauten mit am Tisch sitzen und anschließend die korrekte Verwendung des Geldes kontrollieren, zeigten sich zufrieden: „Das Haus wird Vorzeigecharakter weit über Niedersachsen hinaus haben“, meinte Elisabeth Meyer-Pfeffermann, Referatsleiterin Krankenhausbau bei der Oberfinanzdirektion Niedersachsen. Sie ist seit 2003 mit den Plänen für den Neubau befasst. „Die Klinik ist bis ins Detail sehr durchdacht geplant worden. Und diese Pläne werden jetzt umgesetzt“, sagt die Baudirektorin – und lächelt.

Der Mediziner Hermann Stockhorst, der gemeinsam mit dem Architekten Klaus Uetrecht die Projektsteuerung für den Bauherrn, das Klinikum Region Hannover (KRH), verantwortet, führt die Besuchergruppen routiniert, aber stets mit Begeisterung durch die geplante 575-Betten-Klinik. Von außen ist der imposante Bau nahezu fertiggestellt, Stück für Stück hält jetzt die Medizintechnik Einzug. „Dies wird ein Krankenhaus der kurzen Wege, für die Patienten wie für das Personal“, referiert Stockhorst und geleitet die Besucher zum – noch nicht existierenden – Empfangstresen in der Eingangshalle. Hier melden sich demnächst Patienten, bei denen Eingriffe geplant sind, hier werden sie „eingeloggt“ in den Klinikumsbetrieb. Von hier geht es dann zur Diagnostik in das interdisziplinäre Aufnahme- und Untersuchungszentrum (AUZ) gleich nebenan mit 24 Untersuchungs- und Behandlungsräumen, Radiologie und Computertomografie inklusive. Intern ist das Untersuchungszentrum wiederum mit der Notaufnahme verzahnt, die über die Stadionbrücke angefahren wird. „Die Wartezeit der Patienten reduziert sich auf ein Minimum“, verspricht Stockhorst, weil in anderen Klinikbereichen keine Aufnahmeuntersuchungen mehr stattfänden.

Wer allerdings die gewaltige Eingangshalle betritt, an deren Ende der Blick durch eine riesige Glasfront auf das Ihme-Ufer fällt, wird sich fragen, wie das mit der „Klinik der kurzen Wege“ wohl gemeint ist. Aber die Halle ist der einzige Bereich, in dem Besucher ein paar Schritte mehr zurück gelegen müssen. Das Entrée eben. „Verlaufen kann sich hier niemand“, versichert Linus Hofrichter vom Ludwigshafener Architekturbüro Sander.Hofrichter. Das auf Klinikbauten spezialisierte Architekturbüro hat den Neubau durch eine Magistrale erschlossen, eine Art Hauptstraße, an der alle Wartezonen, Leitstellen und Aufzüge in die oberen Stockwerke angeordnet sind.

Im ersten Stock des massiven Sockelgeschosses mit den Grundmaßen 105 mal 150 Meter befinden sich die medizinischen Schwerpunktbereiche. Die neue Klinik wird über neun Operationssäle verfügen, auch ein hochmoderner Hybrid-OP mit Roboterunterstützung wird zurzeit eingerichtet. Dort ist es möglich, während einer gerade stattfindenden Operation mit einer eigenen Röntgenanlage digitale Fotos von Blutgefäßen anzufertigen. Hauptanwendungsgebiet dieses dualen Verfahrens sind Operationen am Blutgefäßsystem, aber auch am Herzen.
Um diese große OP-Abteilung mit Sterilgut wie chirurgischen Instrumenten, Endoskopen oder Schutzkleidung zu versorgen, wurde ein eigener Aufzug für den Transport eingebaut. Das Sterilgut wird vom Klinikum Nordstadt angeliefert – wie überhaupt der gesamte Neubau über einen Wirtschaftshof komplett von außen versorgt wird, um den Anlieferverkehr zu minimieren.

Im ersten Stockwerk befinden sich außerdem die Intensivstation mit 54 Betten, ein Narkose- und Aufwachbereich, die Linksherzkatheterlabore und die interdisziplinäre Endoskopie. Ein wenig Stolz schwingt schon mit, wenn Stockhorst von der neuen Endoskopieaufbereitungsanlage berichtet. Die empfindlichen Geräte, inzwischen mit Kameras, Leuchten und diversen OP-Instrumenten bestückt, werden künftig in einer Art Kassette schonend gereinigt, getrocknet und bis zur Anwendung am Patienten gelagert. 600 000 Euro kostet die Anlage, vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, dass das Klinikum bisher jährlich 200 000 Euro für Reparaturen aufbringen muss, die durch das Reinigen der Endoskope verursacht werden. „Mit dem Klinikneubau hatten wir die einmalige Gelegenheit, nicht nur eine moderne Betriebsorganisation aufzubauen, sondern sie auch mit innovativer Medizintechnik auszustatten“, sagt der Projektleiter.

Ebenfalls im ersten Obergeschoss untergebracht wird die Akutdialyse mit 17 Plätzen und die sogenannte Weaning-Einheit mit 16 Betten: Hier werden Patienten, die über einen längeren Zeitraum künstlich beatmet wurden, wieder von der Maschine entwöhnt. Auch eine Station mit 40 Komfortbetten für Privatpatienten wird auf der Etage eingerichtet, weshalb sich die ursprüngliche Bettenzahl von 535 auf 575 erhöht.

Über dem massiven Sockelgeschoss des Gebäudekomplexes „schweben“ drei fünfgeschossige Bettenhausriegel mit 284 Patientenzimmern – alle nach Osten ausgerichtet, mit Blick auf die Ihme oder ins Grüne. Sie sind zwar noch nicht ganz bezugsfertig, aber fast. Die Nasszellen sind bereits komplett, sämtliche Anschlüsse installiert, die Fußböden verlegt. Auch die Stationsstützpunkte –  sprich: Stationsküchen – sind großenteils eingerichtet, ausgestattet unter anderem mit elektronisch gesteuerten Kühlschränken zur Lagerung von Medikamenten.

Zahlen zum Siloah

105 mal 150 Meter Grundflächen  47 000 Quadratmeter Nettogeschossfläche, ein Untergeschoss mit Wirtschaftshof, zwei Sockelgeschosse, drei fünfgeschossige Bettentrakte40 000 Kubikmeter Schutt und Erde wurden bewegt
36 000 Kubikmeter Beton für den Neubau verarbeitet
5000 Tonnen Bewehrungsstahl
1200 Kilometer Kabel, 275 Kilometer Kabel davon für die EDV-Versorgung
3000 Meter Geothermiesonden
5000 Meter Spundwände
Bauzeit: 2007 bis 2014
Kosten: 192,5 Millionen Euro
Mehr als 1000 Mitarbeiter werden im Gebäude arbeiten
13 medizinische Fachabteilungen erhält die neue Klinik: Chirurgie mit Allgemein- und Viszeralchirurgie, Thorax- und Gefäßchirurgie, Innere Medizin mit den Fachrichtungen Pneumologie, Kardiologie, Onkologie, Gastroenterologie, Nephrologie, Anästhesie und Intensivmedizin, Urologie, Radiologie, Laboratoriumsmedizin.

Der lange Weg bis zum Neubau

Von der Planung eines Großprojekts bis zur Realisation können viele Jahre vergehen. Die Vorbereitungen für die neue Großklinik in Hannover begannen bereits 2003. Wegen des hohen Investitionsbedarfs beriet seinerzeit der niedersächsische Krankenhausplanungsausschuss, in dem Vertreter der Krankenkassen, Kliniken und des Sozialministeriums saßen, ob entweder das Oststadtkrankenhaus oder das Siloah abgerissen werden sollte. Hintergrund waren auch die neu eingeführten Fallpauschalen, wodurch mittelfristig 825 von insgesamt 5650 Klinikbetten in der Region Hannover gestrichen werden sollen.

2004 fällt die Vorentscheidung: Ein Neubau mit 600 bis 700 Betten auf dem Gelände des Siloah-Krankenhauses für rund 100 Millionen Euro soll die vier sanierungsbedürftigen Kliniken Siloah, Oststadt, Hautklinik Linden und Lungenklinik Heidehaus ersetzen.
2006 stimmt der Krankenhausplanungsausschuss einem 535-Betten-Neubau zu; 2008 gibt das Land grünes Licht, den inzwischen auf 184 Millionen Euro taxierten Neubau mit 96 Millionen Euro zu fördern.

2010 beginnen die ersten Vorarbeiten für den Neubau. Im Juli wird das marode, sechsgeschossige Bettenhaus dem Erdboden gleich gemacht. Zuvor mussten schon eine Kita und ein Altenwohnheim auf dem Gelände weichen. Bereits im April 2010 wird ein 200-Betten-Interimskrankenhaus auf dem Siloah-Gelände bezugsfertig. Von der 11,5 Millionen Euro teuren „Zwischenlösung“ verspricht sich die Geschäftsführung eine bessere Klinikauslastung während der gut dreijährigen Bauphase. Außerdem kann der Neubau jetzt in einem „Guss“ errichtet werden, nicht wie ursprünglich geplant in zwei Bauabschnitten.

Im September 2010 wird der Grundstein für die neue Klinik gelegt. 
 Äußerst belastend für Anwohner, Patienten und Beschäftigte geraten die Gründungsarbeiten. Weil der Baugrund für den mächtigen Neubau aus aufgeschüttetem Material aus der Nachkriegszeit stammt, werden 925 Bohrpfähle aus Stahl, die mit Beton verfüllt werden, zur Stabilisierung in den Boden gerammt. Außerdem müssen 5000 Meter Spundwände gesetzt werden, um das Untergeschoss zu stabilisieren und gegen Grundwasser abzusichern. Hinzu kommen 3000 Meter Erdsonden bis in eine Tiefe von 149 Meter. Mit dem konstant 14 Grad warmen Wasser soll das Gebäude im Sommer gekühlt werden, im Winter werden der Hubschrauberlandeplatz und die Zufahrt zum Wirtschaftshof damit eisfrei gehalten. Die Arbeiten dauern mehr als drei Monate.

Im März 2012 feiert das Klinikum Region Hannover mit mehr als 120 Gästen Richtfest; bis zu diesem Zeitpunkt sind für rund 100 Millionen Euro Aufträge vergeben worden. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2013 geplant. Doch während des Innenausbaus kommt es unter anderem wegen der Insolvenz eines großen Unternehmens zu Verzögerungen.

Am 1. Juli 2014 soll Hannovers erster Krankenhausneubau nach 30 Jahren eröffnet werden; vorher ist ein dreimonatiger Probebetrieb geplant, damit zum Start alle Handgriffe und Abläufe sitzen.

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