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Ein Prost auf den gepflegten Unsinn

HAZ-„Lüttje Lage“ wird 20 Ein Prost auf den gepflegten Unsinn

Am 1. April 1996 erklärte der legendäre Jo Freter den HAZ-Lesern, warum ihre Zeitung jetzt eine Kolumne hat, die wie ein Schnaps-Bier-Gemisch heißt. Seither kämpfen die Schreiber im Lokalteil oben links Tag für Tag gegen die Widrigkeiten des Lebens – und viele Leser fühlen mit.

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Schreiben ist leichter als trinken: Die „Lüttje Lage“-Autoren Rüdiger Meise (von links), Uwe Kranz, Bernd Haase, Uwe Janssen, Volker Wiedersheim und Felix Harbart mit Kaltgetränk. Natürlich nur fürs Foto. 

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Sagen wir mal, Sie wären HAZ-Redakteur und hätten in der vergangenen Woche einen wegweisenden Kommentar geschrieben. Über die Zukunft der Stadt oder die Verfehlungen der Politik oder die Unzulänglichkeiten des örtlichen Fußballvereins. Und dann gehen Sie auf eine Geburtstagsfeier, wo die Leute wissen, wo Sie arbeiten. Worauf werden die Sie wohl ansprechen? Auf die letzte „Lüttje Lage“.

Seit genau 20 Jahren heißt die tägliche Glosse im Lokalteil der HAZ jetzt nach jenem eigenwilligen Getränk, das die Hannoveraner oft zitieren, wenn sie nach regionalem Kulturgut gefragt werden. Gemeinsam haben Getränk und Textlein dies: In ihrer Ecke muss es für ein paar erholsame Minuten mal nicht ganz so ernst zugehen.

Dieses unernste Sujet muss man mögen, oder man muss es lassen, auch das gilt für Textform wie Getränk - und es gilt für Schreiber wie Leser. Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre aber haben gezeigt: Die Leser der HAZ schätzen kaum eine Spalte in ihrer Zeitung so wie die „Lüttje Lage“. Weil dort Schreiber, die ansonsten bemüht sind, die Welt der Nachrichten kritisch und unnachgiebig zu durchpflügen, einfach mal das wahre Leben beschreiben können. So, wie es ist. Oder wie es sein könnte.

Fünf Regeln für eine gute "Lüla"

  • Der Autor ist meistens der Dumme: Es ist leicht, eine Geschichte zu erzählen, in der man der Held ist. Nur ist sie meist nicht witzig. Und nicht wahr.
  • Das Normale ist das Besondere: 
Die scheinbar unscheinbare Begebenheit ist besser als die wilde Geschichte, die der Nachbar erzählt hat.
  • Die Geschichte ist wahr. Oder fast: Das Leben ist lustig genug. Da muss man nichs erfinden. Na ja, nicht viel.
  • Wut im Bauch schadet nur: 
 Sie wollen endlich mit der nervigen Telefongesellschaft abrechnen? Besser nicht in der „Lüttjen Lage“.
  • Es flutscht beim Schreiben: 
Wenn nicht, wird’s meist nicht gut.     

Dabei baut sich jeder Schreiber diese Welt so auf, wie sie ihm für die Länge von, der reinen Lehre nach, 52 Zeilen gefällt. Bernd Haase zum Beispiel hat sein Heimatdorf Twenge in 20 Jahren zu einer derartigen Berühmtheit gebracht, dass hin und wieder Menschen dort hindurchfahren, um zu gucken, ob es Twenge wirklich gibt. Dabei ist Twenge in seinen Texten oft nicht mehr als eine Projektionsfläche für den Rest der Welt. Wenn Haase in Twenge gegen den Maulwurf kämpft, dann steht dieser Kampf für unser aller ewiges Ringen mit den Widrigkeiten des Lebens. (Auch wenn Haase selbst sagen würde, es stehe schlicht dafür, dass der blöde Maulwurf ihm jedes Jahr den Garten kaputt macht.)

Der Kosmos von Simon Benne wiederum ist in der Regel der heimatliche Küchentisch. Um den herum sitzen seit längerer Zeit vier Damen, darunter drei Töchter, und seit Kurzem, im Kinderstuhl, ein Sohn. Folgerichtig stehen häufig Erziehungsfragen im Vordergrund, zumindest scheinbar. Hinter allem liegt bei Benne die Frage, wann ein Mann ein Mann ist und warum. Und ob er es bleiben darf. Trotz allem. Diese Frage treibt auch HAZ-Grandseigneur Hans-Peter Wiechers um, wenn Hund und Ehefrau von der Couch aus sagen, wo es langgeht, während er bei der Fahrt mit der Straßenbahn gerade festgestellt hat, dass die Welt von heute viele Kapriolen und Knalltüten zu bieten hat, zu denen er mal ein paar Fragen hätte.

Darüber, warum die „Lüttje Lage“ (oder „Lüla“, wie wir sie nennen) so beliebt ist, können wir nur spekulieren. Eine Theorie geht so: Auch Ihnen, unseren Lesern, zerbuddelt der Maulwurf den Garten. Stellt das Finanzamt unlesbare Schreiben zu. Verweigert die Nachkommenschaft den Gehorsam. Tanzt der Haushund auf der Nase herum. Und man fühlt sich eben einfach besser, wenn man weiß, dass man mit solcherlei Sorgen nicht alleine ist auf der Welt. Wie man so sagt: Es verschont weder Arzt noch Lehrer. Noch HAZ-Redakteure.

Was ist Ihre liebste "Lüttje Lage"?

Haben Sie eine Lieblings-Lüla? Eine, die bei Ihnen am Kühlschrank hängt oder die Sie der Verwandtschaft ausgeschnitten und in einen Briefumschlag gesteckt haben? Dann schreiben Sie uns und erzählen Sie uns, warum Sie sich an das Stück erinnern. Wir suchen die „Lüla“ heraus und bringen Sie noch einmal zur Veröffentlichung. Unter den Einsendern verlosen wir zehn signierte Bücher „Erstgeborene, Mittelkind und Nesthäkchen“ von HAZ-Autor Simon Benne. Schreiben Sie per Post an HAZ-Lokalredaktion, Stichwort: „Lüttje Lage“, 30148 Hannover, oder eine E-Mail mit demselben Stichwort an hannover@haz.de. Bitte geben Sie Ihren Namen und eine Post- oder E-Mail-Adresse an.

Wären wir Profisportler oder Bambi-Gewinner, würden wir jetzt allen danken, die unter unseren Sottisen Tag für Tag zu leiden haben, weil wir unser Innerstes und häufig das unserer Liebsten in der Zeitung nach außen kehren. Es gehört Fingerspitzengefühl dazu, viele Tausend Leser regelmäßig am Privatleben teilhaben zu lassen, ohne sich zu Hause handfesten Ärger einzuhandeln. Und es gehört viel Gleichmut dazu, einen „Lüttje Lagen“-Schreiber zum Mann, zur Frau oder sonstwie in der Verwandtschaft zu haben. Die Strategien der häuslichen Vermittlung sind dabei übrigens höchst unterschiedlich. Mancher sagt vor dem Verfassen der aktuellen Glosse mal kurz zu Hause Bescheid. Andere schweigen. Und ziehen dann am nächsten Morgen beim Frühstück den Kopf ein.

Warum unter den „Lüla“-Schreibern der letzten 20 Jahre so vergleichsweise wenig Frauen sind? Tja. Weil Frauen vernünftiger sind? Zu klug, um in einer solch unseriösen Ecke jedwede Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen? Oder zu bescheiden, um jeden Alltagserfolg in der Zeitung zu verbraten? Wir wissen es nicht.

Wenn Sie mögen, nehmen Sie die folgenden "Lüla"-Videos als das, was sie sein soll: Ein Tusch ans Leben. Ein Hoch auf den Unsinn. Und ein Dank an unsere Leser, die sich seit 20 Jahren über die „Lüttje Lage“ freuen und uns das auch häufig mitteilen. Darüber freuen wir uns riesig. Wenn sonst schon alles so ernst ist.

"Lüttje Lage": Mal di testa - von Rüdiger Meise

"Lüttje Lage": Geht auf, wenn Ihr Brote seid! - von Volker Wiedersheim

"Lüttje Lage": Der kleine Baum - von Bernd Haase

"Lüttje Lage": Die Blechtrommel - von Simon Benne

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