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Aus der Stadt Ein Tag als Fensterputzer
Hannover Aus der Stadt Ein Tag als Fensterputzer
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00:19 11.09.2014
Die Fensterputzer der Nord LB arbeiten in schwindelerregender Höhe. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Der richtige Umgang mit einem Fensterleder und einem Abzieher ist mir durchaus vertraut. Als ich mein Können dann aber tatsächlich beweisen soll, verzichte ich dankend – auch wenn der Plan ein anderer war. Aus dem „Ausprobiert“ wird ein „Zugeschaut und Festgehalten“. Man muss das verzeihen, wenn das Selbstexperiment in einer nicht einmal zwei Quadratmeter großen Kabine 75 Meter über dem Innenhof der Nord/LB am Aegidientorplatz stattfinden soll.

Weil diese Kabine an zwei meines Erachtens ziemlich dünnen Stahlseilen hängt, ziehe ich es vor, mich mit beiden Händen am Geländer festzuklammern. „Aber die Aussicht ist doch ganz schön“, sagt Jörg Loers trocken und bückt sich nach seinem Putzeimer. Der 48-Jährige putzt seit 20 Jahren Fenster, seit sieben Jahren an der Fassade der Landesbank.

„Wer nicht schwindelfrei ist, braucht sich gar nicht erst zu bewerben“, sagt sein Kollege Klaus-Dieter Böning. Er organisiert seit zwölf Jahren in dem 83 Meter hohen Gebäude am Aegidientorplatz für die Gebäudereinigungsfirma Perfekta den Betrieb. „Wir sind nur für die Fenster zuständig“, sagt der 50-Jährige etwas ironisch. Allein die Glasfassade besteht aus 14 000 einzelnen Scheiben und umfasst etwa 40 000 Quadratmeter. „Die müssen aber von beiden Seiten geputzt werden“, sagt Böning. An vielen Stellen ist das 2002 fertiggestellte Haus zudem doppelt verglast. Böning und Loers haben nur einen weiteren Kollegen.

„Dafür müssen wir uns nicht mehr um die schrägen Glasdächer kümmern“, sagt Böning. 2006 kam es bei den Reinigungsarbeiten an der Seite zum Rathaus zu einem schrecklichen Unfall. Zwei Mitarbeiter von Perfekta waren dabei, die Fassade zu putzen, als ein Lastwagen die mobile Hebebühne rammte, in deren Korb die Männer standen. Einer der beiden schaffte es, sich an dem Geländer festzuhalten. Der zweite wurde aus dem Korb geschleudert und stürzte 20 Meter tief auf den Friedrichswall.

Fensterputzen in schwindelerregender Höhe: Jörg Loers und sein Kollege Klaus-Dieter Böning sorgen für den Durchblick an der Nord/LB.

Der 49-Jährige starb noch am Unfallort. „Die beiden waren auch für die Arbeiten auf den Schrägen verantwortlich“, sagt Böning. Nachdem der 24 Jahre alte Kollege nach dem Unfall aber nicht mehr in seinen Beruf zurückkehrte, wurde die Aufgabe an eine Fremdfirma vergeben. „Die Kletter-Spezialeinheit kommt aber immer nur, wenn die Schrägen dran sind“, sagt Böning. „Andere schwierige Stellen putzen wir selbst.“ Dazu gehören unter anderem die gläsernen Gänge, die in mehreren Stockwerken die Gebäudeteile miteinander verbinden. „Die müssen wir vor allem sauber machen, wenn mal wieder die Dreharbeiten für einen Tatort anstehen“, sagt Böning. So können die Zuschauer Hauptkommissarin Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler dann durch die Glastunnel des Landeskriminalamtes alias Nord/LB eilen sehen. Klaus-Dieter Böning aber muss hoch in den 17. Stock. Heute wollen sein Kollege Loers und er die Südwest-Fassade des Gebäudes putzen.

Während der Aufzug nach oben rast, erzählt Böning eine Anekdote. „Die Aufzüge waren früher noch schneller“, sagt er. Vielen Mitarbeitern der Nord LB sei aber schlecht und die Geschwindigkeit des Lifts daraufhin gedrosselt worden. Böning und Loers sind da Schlimmeres gewohnt. Um an ihren Arbeitsplatz zu kommen, fahren sie einen auf Schienen sitzenden Hebearm bis an die Kante des Dachs. Von dort aus senken sie dann die Kabine ab, von der aus sie die Scheiben sauber machen. „Wir fangen jeden Tag um 5 Uhr morgens an“, sagt Böning. „Wenn dann nach etwa einer Stunde die Sonne aufgeht, machen wir schon mal ein paar Minuten Pause und genießen den Blick über die Stadt.“

Das kann ich mittlerweile auch. Nach etwa zehn Minuten in der Gondel habe ich mich an den Wind und das Wackeln gewöhnt. Auch mein Vertrauen in den Sicherheitsgurt, mit dem ich mich an der Kabine eingehängt habe, ist gewachsen. Fensterputzer wäre dennoch kein Job für mich. Um 5 Uhr morgens anfangen? Ist einfach nicht meine Zeit.

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