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Von enttäuschten Urlaubern und verbeulten Autos

Ein Tag im Amtsgericht Von enttäuschten Urlaubern und verbeulten Autos

Der Alltag von Amtsrichterin Dagmar Frost in Hannover dreht sich häufig um Klagen unter Nachbarn, von Unfallgegnern und nach Kreditgeschäften. Langweilig wird ihr trotzdem nie. Denn kein Fall ist wie der andere. 

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 Richterin Dagmar Frost in Aktion.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Dagmar Frost hat viel Geduld. Die braucht eine Amtsrichterin auch. Aber nach 90 Minuten in der dritten Verhandlung, es ist 12.30 Uhr, ist auch ihr Langmut erschöpft. „Meine Herren, es reicht. Setzen sie ihren Streit bitte auf dem Flur fort.“ Die Aufforderung ist klar und durchaus laut. Die Adressaten, immerhin zwei erfahrene Rechtsanwälte, tauschen weiter böse Blicke aus und verlassen den Saal im Obergeschoss des Amtsgerichtes Hannover wortlos und zügig. Mal wieder hat sich die 54-Jährige mit ihrer meistens freundlichen, aber immer bestimmten Art durchgesetzt.

Und das ist auch notwendig, betont Frost. „Der Ton bei den Verhandlungen in Zivilverfahren ist in den vergangenen Jahren schärfer geworden.“ Die Richterin kann das beurteilen, denn sie arbeitet seit 1992 in diesem Beruf, zu dem sie eher zufällig gekommen ist. Eigentlich wollte sie eine Ausbildung zur Rechtspflegerin machen, musste aber auf die Stelle warten. Auf Anraten ihrer Mutter begann sie ein Jurastudium in Hannover. Und siehe da: „Am zweiten Tag wusste ich: Das will ich machen.“ Seit 2009 befasst sie sich vorwiegend mit zivilen Streitigkeiten.

"Zivilrecht ist meine Welt. Kein Fall ist wie der andere."

Die Themen wiederholen sich. Klagen unter Nachbarn, Unfallgegnern und nach Kreditgeschäften. Aber es wird nie langweilig, wie die Richterin in einer Pause zwischen zwei Verhandlungen berichtet. „Zivilrecht ist meine Welt. Kein Fall ist wie der andere.“ Für das, was sie sich in jedem Verfahren als Ziel setzt, gibt es ein Wort: Rechtsfrieden. „Ich habe ein gutes Gefühl, wenn sich zerstrittene Nachbarn im Gerichtssaal die Hand geben.“ Natürlich kann das nicht immer gelingen, räumt Frost ein. Bevor sie jedoch ein Urteil fällt, versucht sie, eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden - und redet den Beteiligten ins Gewissen.

So ist das auch im ersten Fall an diesem Tag. Es ist kurz vor 11 Uhr, und der Rechtsanwalt eines Klägers will von einem Reiseveranstalter Geld für seinen Mandanten herausschlagen. Der Urlauber konnte seinen Aufenthalt in der Türkei nicht genießen und fordert 50 Prozent des Reisepreises zurück. Baulärm, verdrecktes Geschirr, Verletzungsgefahr durch Eisenteile am Strand werden zur Begründung vorgebracht. Doch Frost lässt früh durchblicken: „Das wird schwierig, die Vorwürfe sind zu ungenau.“ Keine Fotos, kein Lärmprotokoll. Weil sich die Parteien nicht einigen, wird in ein paar Wochen das Urteil fallen.

Von fragwürdigen Verkaufsmethoden und Hundekot

Auch einen Autokäufer will Frost an diesem Tag überzeugen, einen Vergleich anzunehmen. Es ist fast 13 Uhr, und es geht um Schäden an einem Geländewagen, den der Kläger von einer Firma gekauft hat. Erst nach einer Woche hat er zwei große Dellen auf dem Dach entdeckt. Für die Reparatur fordert er 780 Euro. Die Gegenseite bietet etwa die Hälfte. Die Vermittlungsversuche der Richterin helfen - auch in diesem Fall - nichts. Die Streitenden treffen sich wieder und wollen sich das mehr als zwei Meter hohe Auto dann gemeinsam ansehen. Vorab warnt Frost den Käufer: „Wenn ich die Schäden mit meinen 1,65 Metern auf Anhieb sehe, haben sie den Prozess sofort verloren.“

Immerhin ein Fall klärt sich kurz vor der Mittagspause wie von selbst: Es geht um einen Hund und seine Hinterlassenschaften auf dem Rasen des Vermieters. Der mahnt die Hundehalterin mehrfach ab - doch die kümmert sich nicht um die Haufen. Es kommt zur Kündigung, der Streit füllt eine Akte auf dem Schreibtisch von Richterin Frost. Erst kurz vor der Verhandlung erfährt die Juristin, dass die Mieterin nun freiwillig auszieht. Fall erledigt - etwas früher als gedacht. Der Schlusspunkt des Verhandlungstages.

Konzentration gefragt

Solche Tage stehen bei Richterin Frost einmal pro Woche auf dem Kalender. Doch vom Feierabend ist die Juristin noch weit entfernt. In ihrem Büro im Neubautrakt des Gerichtsgebäudes hat sich in der Zwischenzeit ein neuer Stapel Akten angesammelt. Neue Fälle, in die sie sich gründlich einarbeiten muss. Die Richterin deutet darauf und sagt: „An manchen Tagen liegt hier morgens ein ein Meter hoher Turm.“ Die große Herausforderung sei es, verschiedene Sachverhalte schnell zu begreifen und die wichtigen Informationen herauszufiltern. „Das ist an manchen Tagen eine ziemliche Konzentrationsarbeit“, sagt Frost.

Bei zu viel Stress blickt die 54-Jährige an die Wände ihres kleinen Büros. Dort hängen mehrere Bilder von Eisbären, ihren Lieblingstieren. „Die gucken so entspannt, da kann ich mich gar nicht mehr aufregen.“ Es stehen auch Spielzeugautos auf einem Tisch, zu Füßen einer Justitia-Statue. Aber nicht als beruhigendes Spielzeug, sondern als Hilfsmittel im Falle komplizierter Unfälle. „Wenn ich mir gar nicht vorstellen kann, wie der von einem Beteiligten geschilderte Unfall passiert sein soll, stelle ich das Geschehen nach.“

Von Gerko Naumann

Vom Mops und den Motorradfahrern

Den Mops Bodo wird Richterin Dagmar Frost nicht so schnell vergessen. Solche Fälle bleiben in lebhafter Erinnerung. Bodos Halter hatte im März 2015 versucht, Kosten von 3162 Euro einzuklagen. Diese waren entstanden, weil das Tier lahmte und zweimal an den Hinterläufen operiert werden musste. Der Mops-Besitzer hatte Frost damals mit einem bemerkenswerten Satz davon überzeugen wollen, dass der Hund beim Kauf noch nicht gehumpelt habe: „Der Mops hat sich zusammengerissen.“ Ein Argument, dass die Richterin noch heute schmunzeln lässt, juristisch aber nie überzeugt hat.

Drei Motorradfahrer haben im November 2014 versucht, die Richterin auszutricksen – auch sie sind gescheitert. Nach einem illegalen Rennen auf der Vahrenwalder Straße sollte einer der Raser 400 Euro Strafe bezahlen und seinen Führerschein einen Monat lang abgeben. Die jungen Männer sagten unisono aus, dass sie maximal 60 Kilometer pro Stunde gefahren seien. Frost merkte schnell, dass die Aussagen abgesprochen waren, und wies sie eindrücklich auf ihre Wahrheitspflicht hin. Doch selbst das half nichts – was den Männern Verfahren wegen Falschaussagen einbrockte.     

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