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1939 aus Hannover geflohen

Ein alter Herr kehrt heim

Von Simon Benne

Als junger Jude floh Kurt Wallach einst aus Deutschland. Mit 92 Jahren ist der Emigrant, der heute Keith Wallace heißt, jetzt zu einem Besuch zurückgekommen – und er kann Geschichten von guten Deutschen erzählen.
Foto: „Hier fühle ich mich zu Hause“: Der 92-jährige Keith Wallace besucht sein Elternhaus in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße. Ihm gelang die Flucht aus Deutschland, seine Eltern überlebten die NS-Zeit nicht.

„Hier fühle ich mich zu Hause“: Der 92-jährige Keith Wallace besucht sein Elternhaus in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße. Ihm gelang die Flucht aus Deutschland, seine Eltern überlebten die NS-Zeit nicht.

© Poblete

Hannover. Er lacht gerne, auch, wenn er von damals erzählt. In Kalifornien, wo er heute lebt, spielt er oft Tennis, und täglich checkt er seine Mails. Gerade ist er auf Rundreise durch Europa. Auf eigene Faust. Immer neugierig, immer voller Tatendrang. Keith Wallace ist ein junger Mann von 92 Jahren. Dabei stammt er aus einer Welt, die es längst nicht mehr gibt, und der er jetzt doch wieder ganz nahe ist. „Drei koschere Schlachter gab es in Hannover“, sagt er. „Und wir gingen jeden Sonnabend in die Synagoge, wo der berühmte Kantor Israel Alter so wunderbar sang.“

Damals hieß Keith Wallace noch Kurt Wallach, und sein Vater hatte ein Manufakturwarengeschäft in der Herschelstraße. „Würde man mich fragen, was ich gestern gegessen habe, müsste ich kurz nachdenken“, sagt er. „Aber an die Nazizeit erinnere ich mich ganz genau.“ Er war damals der letzte jüdische Schüler auf dem Goethegymnasium. Sein Vater hatte das Eiserne Kreuz, wohl deshalb wurde er noch geduldet: „Wenn bei Versammlungen alle Schüler den Arm zum Hitlergruß hoben, blieb ich still stehen.“

Mit einem Lächeln erzählt er solche Geschichten. Er blickt zurück ohne jeden Groll. „Ich verurteile die Deutschen nicht“, sagt er. Das sei ihm wichtig. Das ist seine Botschaft bei seiner Spurensuche in dieser Stadt, die einst seine Stadt war: „Viele Nichtjuden haben uns hier sehr geholfen.“ In einer sympathischen Mischung aus Deutsch und Englisch berichtet er von dem älteren Mitschüler („He was sitzengeblieben“), der eigentlich schon bei der SS war, aber doch in der Schulbank friedlich neben ihm saß. Und da war der hohe SA-Führer, der bei seinem Vater die komplette Aussteuer für seine Tochter bestellte: „Er bat allerdings darum, dass wir unseren Absender nicht auf die Lieferung schreiben.“ Und obwohl der Deutschlehrer ein Hakenkreuz am Revers trug, ließ er den jüdischen Jungen den „Erlkönig“ aufsagen und lobte ihn vor der ganzen Klasse.

Keith Wallace’ Bereitschaft, die Deutschen von damals zu entlasten, ist groß. Da misst er schon kleinen Gesten große Bedeutung zu. Dabei gab es auf dem Schulhof auch den radikalen Nazi. „Schämst du dich nicht, mit dem dreckigen Juden zu sprechen?“, herrschte dieser Kurts Freunde an. „Und nach zwei Wochen sprach tatsächlich keiner mehr mit mir“, sagt er. „Ein Einzelner macht den Anfang, und die ganze Atmosphäre verändert sich.“ Es gilt wohl im Guten wie im Bösen, dass kleine Schritte gravierende Folgen haben können und dass jeder einen Spielraum hat, den er auf die eine oder andere Weise nutzen kann.

Anfang 1937 wurde er von der Schule geworfen, aber seine Familie blieb in Deutschland: „Wir haben so viele anständige Kunden – die halten zu uns“, sagte sein Vater. Dann erschoss in Paris der junge Jude Herschel Grynszpan, den Wallace vom Jugendgottesdienst kannte („Ein schlauer Bursche“) einen deutschen Diplomaten und lieferten den Nazis so den Vorwand für die „Kristallnacht“.

Minutiös kann Keith Wallace schildern, was an jenem 9. November 1938 geschah. Wie die Nazis das Geschäft seines Vaters plünderten. Wie SS-Männer nachts in die große Wohnung seiner Familie in der heutigen Ferdinand-Wallbrecht-Straße 23 stürmten und Bücher aus dem Regal rissen. „Einen kannte ich von früher, wir hatten zusammen die Bürgerschule 17 nahe der Celler Straße besucht. Es war ihm sichtlich peinlich, aber er wusste wohl nicht, was er dagegen tun sollte.“ Sein Vater wurde verschleppt, und als er später zurückkehrte, war sein Kopf kahlgeschoren. „Er sprach nicht darüber, was passiert war. Doch jetzt war uns endgültig klar, dass wir Juden in Deutschland keine Zukunft hatten.“

Allerdings war die Emigration nicht leicht zu bewerkstelligen, sagt Wallace: Unter anderem hätten die US-Behörden die Erteilung von Visa verzögert. Er selbst konnte im Juni 1939 nach London gelangen, wo er eine Ausbildung machte. Sein Vater konnte ihm ein paar Sachen nachschicken: eine Kamera, den Feldstecher. „Zollbeamte, die seine Kunden gewesen waren, halfen ihm – und gingen dabei selbst ein hohes Risiko ein“, sagt er. Noch so eine Geschichte von guten Deutschen.

Am Nachmittag des 1. September telefonierte der 20-Jährige von London aus noch einmal mit seinen Eltern in Hannover: „Ich versicherte ihnen, dass es keinen Krieg geben würde“, sagt er. Es war der Tag des Kriegsbeginns. „Das war das letzte Mal, dass ich mit meinen Eltern sprach.“ Sie wurden nach Riga deportiert und überlebten die NS-Zeit nicht.

Er selbst gründete nach dem Krieg in England sein eigenes Geschäft. Metallveredelung. „Ich fing mit nichts an und hatte schließlich 85 Mitarbeiter“, sagt der Mann, der kommende Woche 93 Jahre alt wird, stolz. Jetzt, bei seinem Besuch in Hannover, stand Keith Wallace auch vor jenem Haus in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße, in dem er einst lebte, als er noch Kurt Wallach hieß. Vor seinem Elternhaus. Er hat es sofort wiedergefunden. Seine Gefühle? „Ich bin niemand, der sich schnell aufregt“, sagt er gelassen. Dann lächelt er: „Aber ich fühle mich hier zu Hause.“

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