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Ein etwas anderer Streifzug durch Hannover

Podcast Ein etwas anderer Streifzug durch Hannover

Der Hannover-Podcast „Schöne Ecken“ zeigt die Stadt aus der etwas anderen Perspektive. Im Sprengel Museum interessieren sich die Podcaster Helge Kletti und Cornelis Kater vor allem für eine Uhr mit Faltblattanzeige. Lukrativ ist das alles nicht.

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„Hören ist schön. Es gibt viel zu entdecken“: Cornelis Kater und Helge Kletti produzieren den  Podcast „Schöne Ecken“. Dabei fangen sie auch besondere Geräusche ein – da wird das Scannen der Preise an der Supermarktkasse plötzlich zum Klangkonzert.

Quelle: Akbaba

Hannover. Es ist 17.42 Uhr. Helge Kletti und Cornelis Kater wollen sich Kunst angucken und zwar im Sprengel Museum. „Wir schließen in 18 Minuten“, sagt die Kassiererin und beäugt die jungen Männer ungläubig. Die beiden zucken mit den Achseln, tauschen Geld gegen Eintrittskarten und marschieren los - vorbei an Gemälden, Fotografien und Installationen. Nach acht Minuten sind sie durch. Die Kassiererin sieht irritiert aus. „Wir haben alles gesehen“, verkündet Kletti. Und: „Ich fühl mich gleich besser. Das macht etwas mit meiner Seele.“ Er meint die Räume, nicht die Gemälde. Gut, dass Museumschef Ulrich Krempel nicht in der Nähe ist.

Seit zwei Jahren treffen Helge Kletti und Cornelis Kater sich regelmäßig, um Podcasts aufzunehmen, Audiodateien also, die über das Internet angeboten werden. „ Schöne Ecken“ nennen sie ihren Podcast. Mit Mikrofon, Puschel am Hemd, Aufnahmegerät und Funkstrecke begehen die beiden 35-Jährigen markante Gebäude in Hannover, stellen Stadtteile und ihre Menschen vor. Ihre bisherige Erkenntnis: „Hannover ist absolut durchschnittlich, und das ist auch absolut okay so.“
Der Besuch im Sprengel Museum ist bereits die 53. Folge. Die Fotos von Boris Mikhailov, immerhin Träger des Spectrum-Preises für Fotografie der Stiftung Niedersachsen 2013, lassen die Podcaster links liegen. Dafür entdecken sie eine verstaubte Uhr mit Faltblattanzeige und stoßen schließlich auf eine Gruppe im Stuhlkreis. Kletti: „Malt ihr die Bilder, die hier überall rumhängen?“ „Nein. Wir machen eine Kunsttherapie“, lautet die Antwort aus der Gruppe.

Hier können Sie den ungewöhnlichen Streifzug Probe hören:


Kater und Kletti setzen auf Improvisation. „Völlige Ahnungslosigkeit bei absoluter Selbstsicherheit“, nennen sie das. Sie begehen die Gebäude vor der Aufnahme nicht, sondern lassen sich treiben, überraschen. Ein kurze Internetrecherche reicht ihnen als Vorbereitung. Das Konzept in den Worten von Cornelis Kater: „Helge läuft neben mir her und erzählt dummes Zeug. Ich schneide das dann zusammen und mache einen Podcast daraus.“

Es ist das Abseitige, das Besondere, das Skurrile, das die beiden suchen. Im International Neuroscience Institute sprechen sie nicht mit Prof. Majid Samii. Stattdessen befühlen sie den Marmor im Treppenhaus, probieren das orientalische Gebäck in der Caféteria aus und fahren Fahrstuhl. Oder sie erkunden in der Medizinischen Hochschule Hannover das Netz der unterirdischen Versorgungswege. „Wir gucken, wie weit wir legal kommen“, sagt Kater.

Für sie sind die Podcasts ein Hobby. Geld verdienen die beiden damit nicht. Über den Online-Bezahldienst „Flattr“ kommen ein paar Euro rein. Aber wirklich lukrativ ist das nicht. So leicht lassen sich Internetnutzer dann eben doch nicht davon überzeugen, freiwillig Geld für Inhalte zu bezahlen - und guten Beiträgen damit quasi ein monetäres Kompliment zu machen. Für die beiden 35-Jährigen bedeutet das: weiter arbeiten. Kater ist im technischen Telefondienst der Leibniz-Uni tätig. Kletti macht ein Referendariat an einer Berufsbildenden Schule. Er hat Lebensmittel- und Politikwissenschaft studiert. „Es wäre natürlich ein Traum, wenn das Hobby auch noch finanziell lukrativ wäre“, sagt Helge Kletti.

Doch die Realität sieht anders aus: Kaum ein Podcaster verdient mit seinen Beiträgen Geld. Schließlich können Audiospuren allerorten umsonst heruntergeladen werden. „Ein Podcaster muss schon ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal haben, damit Nutzer bereit sind, freiwillig für die Inhalte Geld zu zahlen“, sagt Ewald Wessling, Professor für neue Kommunikationsformen an der Hochschule Hannover. Wessling glaubt nicht, dass sich mit dem Bezahldienst „Flattr“ der Lebensunterhalt eines Podcasters bestreiten lässt. „Podcaster müssen sich für Unternehmen interessant machen, die auf ihrer Seite Anzeigen schalten.“

Eine Ausnahme ist der aus Hannover stammende Tim Pritlove. Der in Berlin lebende Medienmacher und frühere Chef des „Chaos Computer Clubs“ hat sich mit seinem Interview-Podcast „CRE: Technik, Kultur, Gesellschaft“ einen Namen gemacht. Tim Pritlove spricht mit Experten über Feminismus, Bierkultur und Pornografie genauso wie über Städteplanung, Hirnforschung und die Bundeswehr. Nach eigenen Angaben verdiente Pritlove im vergangenen Jahr bis zu 2500 Euro im Monat durch „Flattr“. Anfang Mai lädt er nach Berlin zur „re:publica 2013“. Eine dreitägige Konferenz für die Podcast-Szene. Kletti und Kater werden dabei sein.

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