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Eine Gasmaske fürs Jesuskind

„Hannoversches Krippenspiel 1943“ Eine Gasmaske fürs Jesuskind

In den Baracken polnischer Zwangsarbeiterinnen entstand 1943 ein ganz besonderes Krippenspiel. Jetzt erlebt es als Hörspiel seine Premiere.

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„Beeindruckende Persönlichkeit“: Grazyna Kamien-Söffker mit einem Bild von Natalia Tułasiewicz.

Quelle: Surrey

Hannover. Es sind schon seltsame Geschenke, die das Jesuskind da zur Geburt bekommt: Eier und Essensmarken gehören dazu, eine Gasmaske und ein Schutzhelm, wie man ihn bei Bombenangriffen braucht. Der heilige Josef bekommt in dem Theaterstück ein paar Zigaretten. Lauter Dinge, die man im Krieg besser gebrauchen kann als Gold, Weihrauch oder Myrrhe. Vor genau 70 Jahren schrieb Natalia Tułasiewicz, eine Lehrerin aus Hannovers heutiger Partnerstadt Posen, ihr „Hannoversches Krippenspiel 1943“. In den kalten Holzbaracken der polnischen Zwangsarbeiterinnen an der Hansastraße wollte sie ihr „Hanowerskie Jaselka 1943“ inszenieren, „zur Freude der Herzen und Seelen“ ihrer Leidensgenossinnen, wie sie schrieb.

In den Baracken polnischer Zwangsarbeiterinnen entstand 1943 ein ganz besonderes Krippenspiel – jetzt erlebt es als Hörspiel seine Premiere.

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In dem Stück besuchen Maria und Josef Hannover, „diese vom Krieg endlos gequälte Stadt“. Nicht in den Stall von Bethlehem kommen sie, sondern in die Baracken der Zwangsarbeiterinnen. Die Frauen dort berichten Maria von ihrem harten Leben, ihrer Sehnsucht nach Daheim und von der Arbeit in der Pelikan-Fabrik Günther Wagner. Die verschleppten Frauen beschenken die heilige Familie – und Maria segnet sie: „Verliert nie die Hoffnung.“ Wünsche und Wirklichkeit, Glaube und Realität gehen da ineinander über. Mit dem Krippenspiel wollte Natalia Tułasiewicz den Arbeiterinnen ein Stück Heimat in der Fremde geben. Ein Stück richtiges Leben im falschen.

Jetzt, nach 70 Jahren, erlebt das Krippenspiel in Deutschland seine Premiere – als Hörspiel: Die Historikerin Janet von Stillfried hat den Text von Verwandten der Autorin aus Polen bekommen. „In den Baracken kam es damals zu keiner Aufführung mehr – die Frauen waren durch die Arbeit und die Bombenaalarme zu geschwächt“, sagt Grazyna Kamien-Söffker. Die Übersetzerin, die selbst aus Polen stammt, hat das ungewöhnliche Krippenspiel jetzt gemeinsam mit der Polnischlehrerin Anna Marcisz als Hörspiel arrangiert, in einer deutschen und einer polnischen Version. Gefördert wurde das 
Integrationsprojekt vom städtischen „Gesellschaftsfonds Zusammenleben“.

Krippenspiel 465,30 kB

Rund 30 polnische und deutsche Jugendliche – darunter ein Geschichtskurs der IGS Roderbruch – sprechen die Rollen. Zur Vorbereitung haben sie sich mit der Geschichte der Zwangsarbeiter beschäftigt sowie Tagebucheinträge und Briefe gelesen, die Natalia Tułasiewicz vor 70 Jahren in Hannover schrieb: „Diese starke Persönlichkeit hat uns sehr beeindruckt“, sagt der 15-jährige Julian Roth, der ebenso wie sein Bruder Florian im Hörspiel einen der Engel spricht.

Tatsächlich war die Autorin eine bemerkenswerte Frau: Anders als die anderen Zwangsarbeiterinnen war die tiefgläubige Polin freiwillig nach Hannover gekommen – als geheime Gesandte der polnischen Exilregierung und einer katholischen Untergrundorganisation. In den Baracken organisierte sie Gebetskreise und Lesungen, sie gab Polnisch- und Deutschunterricht. Als eine griechische Arbeiterin ein Kind von ihrem französischen Geliebten bekam, organisierte Natalia Tułasiewicz dessen Taufe. Der Säugling inspirierte sie zu dem Krippenspiel: Baracke statt Stall, die heilige Familie unter Zwangsarbeitern, der Friedensfürst im Bombenkrieg – die Autorin schuf damit ein sehr berührendes Dokument der Zeitgeschichte und des Glaubens. Natalia Tułasiewicz selbst starb mit nur 38 Jahren: Sie wurde enttarnt und am Ostersonntag 1945 in Ravensbrück vergast, zwei Tage vor der Befreiung des KZ. Papst Johannes Paul II. sprach sie 1999 als Märtyrerin selig.

„Sie selbst hatte die Hoffnung, dass ihr ,Hannoversches Krippenspiel‘ nach dem Krieg einmal im Radio zu hören sein würde“, sagt Grazyna Kamien-Söffker. Jetzt geht dieser Traum in Erfüllung: Das Hörspiel, das im Medienzentrum der Region und in der IGS Roderbruch eingespielt wurde, ist auf Deutsch am Sonnabend und am 21. Dezember, jeweils um 13 Uhr, sowie auf Polnisch Anfang Januar bei Radio Flora zu hören. Im kommenden Jahr wollen die Jugendlichen eine CD an die Gedenkstätte Ahlem übergeben. Und sie wollen sich noch einmal mit Natalia Tułasiewicz beschäftigen. Wieder ganz zeitgemäß, in einem Comic-Projekt.

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