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Eine Villa hat ihre Seele wiedergewonnen
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Restaurierung abgeschlossen Eine Villa hat ihre Seele wiedergewonnen

„Ein Ort jüdischen Lebens“: Die Villa Seligmann wurde 1906 vom Architekten Hermann Schaedtler entworfen, der auch den Lister Turm plante. Nach jahrelanger Restaurierung eröffnet in der Villa das Europäische Zentrum für Jüdische Musik – und sogar der Bundespräsident will kommen.

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Nach jahrelanger
 Restaurierung eröffnet
 in der Villa Seligmann das
 Europäische Zentrum
 für Jüdische Musik – und sogar der Bundespräsident will kommen.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Kein Schritt wird zufällig sein. Nichts soll ungeplant geschehen am 17. Januar. Dafür sorgt schon das Protokoll von Bundespräsidialamt und Staatskanzlei: „Wenn der Wagen des Bundespräsidenten hält, soll ich exakt vier Meter entfernt stehen“, sagt Andor Izsák und misst eine Spanne mit den Händen ab. „Und wenn er aussteigt, muss ich ihm den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister vorstellen.“ Er macht eine Pause. „Die kennen sich zwar alle, aber das ist nun mal so vorgesehen“, sagt er dann.

Andor Izsák, geboren 1944 im jüdischen Ghetto von Budapest, ist nervös. Denn für ihn wird sich am 17. Januar ein Lebenstraum erfüllen. Mit einem Festakt wird an jenem Tag in der Villa Seligmann an der Hohenzollernstraße das „Europäische Zentrum für Jüdische Musik“ offiziell eröffnet, dessen Direktor er ist. Seine Mission hat der Organist und Dirigent im Bewahren jeder Musik gefunden, die bis zum Holocaust bei Gottesdiensten in den Synagogen Europas erklang. Jahrelang hat er dafür gekämpft, mit seinem Institut in diese großbürgerliche Villa einziehen zu können, die der jüdische Conti-Direktor Siegmund Seligmann 1906 erbaut hatte. Zuletzt beherberge sie die städtische Musikschule. „Diese Villa war einmal ein Ort jüdischen Lebens“, sagt Izsák. Und jetzt, da sie es wieder wird, hat sich sogar der Bundespräsident angekündigt.

Bei solchen Terminen vollziehen Staatsoberhäupter in der Regel nur physisch nach, was gedanklich bereits geschehen ist. Wie Darsteller werden die Politiker zugegen sein, wenn Izsák an der Haustür ein Gebet sprechen wird, das „Shma Israel“, und dann die Mesusa anmontiert, jene Schriftkapsel, die am Eingang jedes jüdischen Hauses hängt. Nach einem Segensspruch, dem „Schehechejanu“, werden sie gemeinsam in die Villa einziehen. Die Reihenfolge der Redner und der Musikstücke dort ist längst bis ins Kleinste festgelegt. Doch kraft ihrer Präsenz besiegeln die Politiker etwas, das nicht selbstverständlich ist: Jüdische Kultur hat wieder einen festen, würdigen Platz in der Stadt und in Deutschland überhaupt.

„Ich habe immer daran geglaubt, das wir es schaffen“, sagt Izsák. Dabei hatte er immer wieder gegen massive politische Widerstände und mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, ehe die Siegmund-Seligmann-Stiftung, deren Ehrenvorsitzender er heute ist, das Gebäude vor vier Jahren für zwei Millionen Euro von der Stadt kaufen konnte. Auch die Renovierung erwies sich als Millionenprojekt, das sich über Jahre hinzog. Zuletzt, als die Arbeiten schon fast fertig waren, gründeten mehrere Unterstützer noch die Siegmund-Seligmann-Gesellschaft und die „Freunde der Villa Seligmann“, um das Geld für die jährliche Abschreibung der Villa aufzubringen. Überhaupt konnte der umtriebige Netzwerker Izsáks seinen Traum nur realisieren, da er immer wieder Sponsoren für seine Sache begeistern konnte – darunter die Stiftung Stahlwerke Georgsmarienhütte, die Continental AG und Hörgeräte-Unternehmer Martin Kind. Auch die Mediengruppe Madsack hat einen namhaften Betrag beigesteuert.

„Vor gut drei Jahren machte mich der damalige Ministerpräsident Christian Wulff auf Andor Izsáks Vorhaben aufmerksam“, sagt Drogerieunternehmer Dirk Roßmann. Er habe sich schnell entschlossen, das Projekt zu unterstützen und zum Kauf der Villa 500 000 Euro beigesteuert – auch da er die deutsche Schuld gegenüber dem jüdischen Volk vor Augen gehabt habe. Rossmann beließ es nicht bei einer Finanzspritze, sondern er engagierte sich auch persönlich für die Stiftung: „Christian Wulff leitete über Jahre den Vorsitz des Kuratoriums, dessen Mitglied auch ich von Anfang an bin“, sagt er.

„Wulff hat uns immer unterstützt“, sagt Izsák. Als frisch gebackener Ministerpräsident reiste er 2003 mit Izsák nach Budapest, wo der Musiker als Säugling das Ghetto überlebt und wo er später seine Liebe zur Orgelmusik entdeckt hatte. Für Wulff dürfte der Besuch in Hannover weit mehr als ein Pflichttermin sein.

Derzeit laufen in der Villa die letzten Renovierungsarbeiten noch auf Hochtouren. „Jetzt sehen die Intarsien wieder aus wie vor 100 Jahren“, sagt Diplom-Restauratorin Barbara Helmrich, als sie mit einem Pinsel behutsam Schellack auf die Holzvertäfelung im einstigen Esszimmer der Seligmanns aufträgt. Bei der Restaurierung hat sie hinter drei Schichten Tapete die alte textile Wandbespannung wieder entdeckt und von Kitt und Kleister befreit: „Seidenbrokat mit Goldfäden“, sagt sie fast ehrfürchtig. Alte Schablonenmalereien an den Decken erstrahlen im neuen Glanz, und sogar kleine Holzleisten werden mit original Stiften von 1906 wieder angenagelt. Lange waren prachtvolle Fußböden mit Linoleum abgedeckt, und von den Decken hingen orangefarbene Plastiklampen. Jetzt ist es, als hätte das Haus seine Seele zurückgewonnen.

„Hier“, sagt Andor Izsák und zeigt auf eine noch kahle Wand, „hier soll das Seligmann-Gemälde hängen.“ Der Urenkel des Conti-Direktors, Claudio Esteban Seleguan, hat ihm das von Liebermann geschaffene Porträt als Leihgabe versprochen. Daneben kommt ein Relief der 1938 zerstörten hannoverschen Synagoge – eine Steinmetzwerkstatt hat die Kopie vom Grabstein des Architekten Edwin Oppler als Geschenk angefertigt.

In der prachtvollen Halle der Villa ist bereits eine mächtige Orgel aufgebaut, die einst wohl in einer Berliner Synagoge erklang. Routiniert spielt Izsák ein paar Takte des jüdischen Komponisten Louis Lewandowski an. „In der Stimme dieser Orgel steckt viel von der Erotik der Religion“, sagt er. Am 17. Januar will er nach dem Einzug der Politiker auf dem Instrument spielen. Lewandowskis „Wie selig sind deine Wohnungen, Jakob“. Die Vertonung eines Gebetstextes, der sonst beim Betreten einer Synagoge erklingt.

Der Festakt wird am 17. Januar von etwa 14.50 Uhr an im Livestream unter www.ndr.de/niedersachsen übertragen. Eine Radio-Aufzeichnung ist dann um 20.05 Uhr auf NDR Kultur zu hören.

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