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Tanzakademie Brakel

Eine der renommiertesten Ballettschulen Hannovers schließt

Von Dr. Heike Schmidt

Nur das leise Aufsetzen der Ballettschläppchen ist zu hören. Dazu Klaviermusik. Jana, Clara und Josefine ist die Konzentration in die kleinen Gesichter geschrieben.
Als Paar führten Eckard und Loni Brakel jahrzehntelang die Ballettschule im ehemaligen Pumpenwerk.

Als Paar führten Eckard und Loni Brakel jahrzehntelang die Ballettschule im ehemaligen Pumpenwerk.

© Decker

Hannover. Die drei Mädchen gehören zu der jüngsten Generation von Ballett-Elevinnen, die sich in der großen Spiegelwand der Tanzakademie Brakel in der Königsworther Straße betrachten. Vom kommenden Jahr an werden sie sich eine neue Ballettschule suchen müssen: Am Donnerstag schließen sich die Türen einer der renommiertesten Ballettschulen Hannovers nach über 40 Jahren für immer. Loni und Eckard Brakel hören auf.

„Wir sind jetzt 81 und 78 Jahre alt, da darf man wohl in Rente gehen“, sagt Eckard Brakel und lächelt. Einen Nachfolger hat das Paar nicht gefunden. Doch es ist kein Abschied mit Schwermut, eher einer mit Wehmut, in die sich auch ein klein wenig Stolz mischt: Einer ihrer Schüler, Stephan Brinkmann, wird im kommenden Jahr eine Professur für Modernen Tanz an der Folkwang-Schule erhalten. Dass er das künstlerische Erbe von Tanzpädagoge Kurt Jooss dort weiterführen wird, liegt auch ein wenig an dem Ballettpaar aus Hannover. Beide haben bei Jooss studiert, und Eckard Brakel hat als einer der ersten seine Technik dokumentiert, sodass Schüler davon profitieren können.

Der Boden im Saal glänzt, obwohl ihn schon Tausende von Spitzenschuhen berührt haben oder zu hohen Sprüngen abgehoben sind. An einigen Stellen ist er etwas stumpfer. Doch sein Alter sieht man ihm kaum an. Die Schläppchen von Jana, Clara und Josefine haben noch keine Spuren hinterlassen. Ausgelassen hüpfen sie umher. Die drei Mädchen sind zwischen vier und sechs Jahre alt. Sie gehören zu den Jüngsten, die bei Eckard und Loni Brakel in die gleichnamige Tanzakademie gehen. Ursprünglich wollte das Tanzpaar keine Ballettstunden für ganz kleine Kinder anbieten. Dass sie vor etwa zehn Jahren von diesem Konzept abrückten, lag an einer simplen Beobachtung: „Die Kinder von heute sind sehr viel weiter als noch zu Beginn der Siebzigerjahre. 1969 gründete das Paar die „Tanz Akademie Brakel“, seit 1984 ist die Schule im ehemaligen Pumpenwerk in der Calenberger Neustadt untergebracht.

Loni und Eckard Brakel haben selbst erst spät mit dem Ballett angefangen: Loni Brakel entdeckte mit 16 Jahren, Eckard Brakel mit 18 Jahren den klassischen Tanz für sich. Beide wollten zum Theater. „In Linden gab es damals das Johann Strauß Operettentheater, da war ich jeden Abend“, erinnert sich Loni Brakel, die dann letztendlich über eine Freundin zum Tanzen kam. Bei ihrem Ehemann war es ähnlich. Auch er wollte zur Bühne. „Das Schauspiel wäre das nächste gewesen“, meint Eckard Brakel, „aber ich konnte mit der Sprache nicht das ausdrücken, was ich sagen wollte. Ich fand das Tanzen ehrlicher.“ Also wandte er sich dem Ballett zu. In der Tanzschule begegnete er seiner späteren Frau, mit der er sich auch an der Folkwang-Schule bewarb: „Dort hat Jooss uns gesehen und genommen.“ Schon damals habe man an der Folkwang-Schule nicht nur auf die körperlichen Fähigkeiten, sondern besonders auch auf die persönliche Ausdrucksstärke geachtet. Eine Maxime, die sich Loni und Eckard Brakel ebenfalls zu eigen gemacht haben: Bei Brakel kommt es nicht in erster Linie darauf an, an der Stange Spitze zu sein.

„Vielleicht sind aus dieser Schule nicht so viele Balletttänzer hervorgegangen, aber Generationen haben hier ein Gefühl für Kunst und Kultur bekommen“, meint Kirstin Harms. Für sie war es selbstverständlich, ihre Tochter Josefine bei Brakel zum Unterricht anzumelden, „weil es eben eine renommierte Ballettschule ist“. Ausschlaggebend für die Entscheidung war aber auch, dass bei Brakels die Musik nicht aus dem CD-Player kommt, sondern immer eine Pianistin am Klavier sitzt und sich mit ihrem Spiel auf die Geschwindigkeit der Kinder einstellt.

Heute spielt Lisa Weinstein für die Kleinsten. Der Aufforderung „Bitte schön!“ kommt sie genauso prompt nach wie dem „Danke schön“, das ihr Spiel beendet. Die Klavierspielerin hat auch Kornelia Winnicka überzeugt. Ihr Tochter Clara ist schon seit zwei Jahren dabei. Jetzt ist sie fünf Jahre alt und weiß schon ganz genau, was es bedeutet, wenn Ballettlehrerin Natalia Speer sagt, die Füßchen sollen sich ein Küsschen geben – dann müssen die Kinder diese parallel und eng zusammenstellen. Das ist eine einfache Übung, die aber Grundlage für alles Weitere ist. Und gerade auf diese Grundlagen haben Loni und Eckard Brakel immer Wert gelegt.

Beide studierten bei Jooss. Er hatte 1928 das Folkwang-Tanztheater-Experimentalstudio im Ruhrgebiet gegründet, das in den 1930er Jahren als die „Wiege des deutschen Ausdruckstanzes“ galt. Aus seinen Meisterklassen ging auch das Folkwang-Ballett hervor, das die später international bekannte Choreografin Pina Bausch führte. „Pina hat ein paar Klassen unter uns studiert“, erinnert sich Loni Brakel. Später habe man gemeinsam getanzt. International seien sie unterwegs gewesen. Bei Festspielen in Florenz, Venedig, Paris oder auch in Dresden sind sie aufgetreten. Daran erinnert sich das Paar besonders gut: „Wir gaben eine Nachmittagsvorstellung, und das Publikum war so begeistert, dass die Abendvorstellung erst später beginnen konnte, da wir eine Stunde länger als vorgesehen auf der Bühne standen.“

Die Zuschauer im Ballettsaal an diesem Nachmittag sind fast durchweg weiblich: Während die Kinder tanzen, warten die Mütter am Rand. „Es gibt Mütter, die hier wie ihre Töchter mit Ballett angefangen haben“, flüstert Harms.

Und es wird weiter gehen. Wenn auch nicht in den Räumen des ehemaligen Pumpenwerkes in der Calenberger Neustadt: Natalie Speer wird die Kleinsten in ihrer eigenen Schule betreuen. Dann werden die Schläppchen einen anderen Boden berühren. Den Grund aber haben Brakels gelegt.

dpa

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