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Pfandsystem

Einwegpfand kann Erwartungen nicht erfüllen

Von Gunnar Menkens

Freitags nicht, und sonnabends besser auch nicht. Dann strömen alle zum Leergutautomaten im Getränkemarkt und wollen Pfandgeld zurück. Moderne Geräte - trotzdem werden immer weniger Mehrwegflaschen verkauft. Eine Geschichte über Maschinen, Menschen und den Pfandschlupf.
Eigentlich sollte das Einwegpfand ökologisch sinnvolle Verpackungen stärken. Das aber klappt nicht.

Eigentlich sollte das Einwegpfand ökologisch sinnvolle Verpackungen stärken. Das aber klappt nicht.

© dpa

Hannover. Auf wie viele Arten können Menschen Ungeduld ausdrücken? Durch Augenrollen. Durch genervte Blicke zu Gleichgesinnten, auf der Suche nach Solidarität. Durch symbolisches Wegdrehen. Durch „Geht’s auch schneller da?“-Geraunze. Auf-die-Uhr-sehen. Durch demonstrative Gelassenheit, um soziale Überlegenheit auszudrücken. Tatsache bleibt: Vor roten Ampeln und Leergutautomaten sind alle Menschen gleich.

Ein Getränkemarkt in der List. Auf dem Parkplatz belauern sich aus den Augenwinkeln drei Konkurrenten im Wettstreit um die Poleposition vorm Pfandflaschenrücknahmeautomaten, einer Erfindung der Neuzeit. Drei Gehirne beweisen, wozu Menschen fähig sind. Blitzartig berechnen sie Entfernung und eigene Geschwindigkeit zum Eingang, um die Werte in Bezug zu setzen zu Tempo und Position der Kontrahenten. Einer merkt: Er hat keine Chance und tut gleichgültig, als habe er nie teilgenommen. Ein leicht muffig riechender Mann gewinnt das Rennen, eine kurzzeitige Tempoverschärfung genügte, zwei orangene Plastiktüten im XXL-Format schaukeln an seinen Armen.

Läden mit mehr als 200 qm Fläche müssen Flaschen annehmen

Seit 2006 sind Geschäfte in Deutschland verpflichtet, alle handelsüblichen Flaschen zurückzunehmen und Pfand auszuzahlen, wenn sie mehr als 200 Quadratmeter Verkaufsfläche haben. Vorher genügte es anzunehmen, was man selbst verkauft hatte. Nur, dass Kunden sich damals erinnern mussten, wo sie welches Getränk gekauft hatten. So betrachtet, sind anonyme Automaten ein Fortschritt.

Die Stunde des deutschen Pfandsystems sollte damals schlagen und das Mehrwegsystem gestärkt werden, indem auf Einwegflaschen ein 25-Cent-Pfandaufschlag erhoben wurde. Das Ziel war, in naher Zukunft 80 Prozent aller Getränke in umweltfreundlichen Mehrwegflaschen und Getränkekartons zu verkaufen. Unternehmen entwickelten hochmoderne Leergutautomaten, die Hunderte unterschiedliche Flaschen erkennen. Sie erfassen die Form, erkennen das Gewicht und scannen Strichcodes.

Anteil der Mehrwegflaschen ist rückläufig

Das Ergebnis ist laut einer Mitteilung des Umweltbundesamtes von 2011 ernüchternd: Der Mehrweganteil geht immer weiter zurück, der „Trend zu Einwegflaschen aus Kunststoff ist ungebrochen“. Mehrweg macht danach nur noch knapp über 50 Prozent aus. Es waren einmal mehr als 70 Prozent. Einwegpfand, scheint es, hält nicht vom Kauf ab.

In den XXL-Tüten vorm Leergutautomaten scheint sich diese Entwicklung niederzuschlagen. Bierflaschen für acht Cent Pfand sind darunter, Wasserflaschen für 15 Cent, aber etliche Einwegbehälter, das Stück für 25 Cent Pfand. Hinter dem Sieger stellen sich die Verlierer des Parkplatzduells auf, und bald stellt sich die Frage: Wie viele Flaschen passen in eine Plastiktüte im Format XXL? 100 mal 0,5 Liter? 50 mal 1 Liter? Wie oft wird dieser Mann weitere Polyethylenterephthalatgefäße in den gummiummantelten Schlund dieses robust designten Leergutempfängers legen, bis das Gerät sie alle mit einem Sirren erfasst und am Ende einer Art Förderband einen Abgrund herunterstürzen lässt?

Ungeduld am Leergutautomaten

Wenn es vier Sekunden dauert, bis eine Flasche diesen Weg zurücklegt - wann wird die Schlange sich aus dem Getränkemarkt bis hinter die sensorgesteuerte Eingangsschiebetür auf den Parkplatz winden? Formen der Ungeduld machen sich breit. Vorlassen scheint nicht drin zu sein, und fragen tut keiner. Und dann, die Schlange ahnte es, schiebt der Automat Flaschen zurück an den Absender. Empfänger unbekannt.

Ein Mitarbeiter kommt. „Nicht so schnell reinwerfen!“, sagt er fachmannhaft und wirft die Flasche langsam rein. Aber zu schnell langsam. Sie kommt zurück. Zweiter Versuch. Gescheitert. „Dann weiß ich auch nicht, die müsste er eigentlich nehmen.“ Das Gerät siegt. Es macht keine Ausnahme, es will einfach nicht. An der Kasse hat sich unterdessen eine Minischlange gebildet, weiteres Personal ist nicht in Sicht. „Hallo?“, ruft einer von der Kasse und sieht zum Leergutautomaten, wo Kunden offenbar bevorzugt behandelt werden. Die Geduld des Mitarbeiters ist zu bewundern. Er ist den ganzen Tag hier, die Kunden sind bald wieder draußen.

Begriffsverwirrung und zahlreiche Ausnahmen

Umweltschützer beklagen eine Begriffsverwirrung. Einwegflaschen gelten als Pfandflaschen, obwohl die nach der Rückgabe einfach zerschreddert werden, was wesentlich unökologischer ist. Die Verpackungsverordnung kennt zudem zahlreiche Ausnahmen, für die es logische Begründungen kaum gibt. Für Wein, Sekt, Schnaps, Fruchtsaft und Milchgetränke zahlen Kunden kein Pfand, ebenso wenig für Flaschen, in denen weniger als 0,1 Liter oder mehr als drei Liter sind. Hersteller, die Erfrischungsgetränken eine Spur Molke beimischen, müssen ebenfalls kein Pfand auf ihr Produkt aufschlagen - und sind deshalb im Regal preiswerter als Mitbewerber, die dies nicht tun.

Die Bürokratisierung eines simplen Systems, es geht im Grunde ja nur um Kauf und Rückgabe einer Ware, hat wunderbare neue Wörter geschaffen. Erstinverkehrbringer ist eines dieser Wörter, das Rechtschreibprogramme stets mit rotem Alarmstrich markieren: Es meint den Hersteller eines Getränks oder den Vertreiber, aber nur, wenn der Händler im Besitz des Markenrechts ist. Der Pfandschlupf, noch so eine Wortschöpfung, ist der Geldverlust eines Kunden, der sein Pfand nicht einlöst, sondern Flaschen wegwirft.

Flaschensammeln als Hilfe zum Lebensunterhalt

Von der Bequemlichkeit oder dem Unwissen dieser Zeitgenossen leben in Hannover inzwischen etliche Flaschensammler. Sie durchkämmen Papierkörbe nach Pfandflaschen, versuchen ihr Glück am Rande von Massenveranstaltungen, bei Konzerten und Fußballspielen am Maschsee, vor Altglascontainern. Cent für Cent sammeln sie ihre persönliche Hilfe zum Lebensunterhalt. Es sind junge wie alte Menschen, die sich meist abgewöhnt haben zu schauen, ob jemand zusieht, wie sie im Abfall suchen. Ihre Sammlung lösen sie in Getränkemärkten ein. Das dauert manchmal ein bisschen. Besonders, wenn die ganze Kundschaft auf einmal kommt. Freitags und am Sonnabend, wenn die Leute sowieso einkaufen, berichten Händler.

Aber nicht in jedem Großmarkt hat die Elektronik Einzug gehalten. In manchem Getränkeshop nimmt Personal Kästen und Flaschen noch persönlich in die Hand und druckt Pfandbons aus. „Der Automat beschäftigt einen sowieso dauernd“, sagt ein Angestellter. Reklamationen, Stillstand, genervte Leute, volle Behälter. „Da nehme ich es lieber selbst an, und wenn die Leute Fragen haben, kann ich gleich helfen.“

Das ist fast so wie früher bei Tante Emma um die Ecke.

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