Hannover. Mitarbeiter des ADAC sprechen bereits von einem Ausnahmezustand. Die Hotline für die Pannenhilfe ist seit Tagen überlastet, wer endlich durchkommt, muss sich gedulden. „Bis zu vier Stunden kann es dauern, bis wir vor Ort sind“, sagt ADAC-Sprecherin Christine Rettig. Alle Wagen der sogenannten gelben Engel seien auf der Straße, „aber der Andrang ist einfach nicht zu bewältigen“.
„Mir hat man gesagt, dass ich bis zu sechs Stunden warten müsse“, sagt ein Mann, der am Montag mit seinem Auto in der Scheidestraße in Kleefeld liegen geblieben ist. Der Abschleppwagen kommt schließlich schon nach drei Stunden Wartezeit, die der Mann in einem Café verbracht hat.
Bis zu 15 Autos befördere er derzeit täglich zu den Werkstätten, sagt Fahrer Steffen Heine vom AMF-Abschleppservice. Von 7.30 Uhr bis zum Abend sei er unterwegs, für Pausen bleibe keine Zeit. Das Telefon klingele unaufhörlich. „Wir kommen überallhin“, sagt Heine, „die Frage ist nur wann.“
Neben feuchten Zündkerzen bringen geplatzte Motoren, eingefrorenes Kühlwasser, ausgeflockter Kraftstoff und vor allem defekte Batterien die Autofahrer in Not. Neue Batterien werden bereits zur Mangelware. „Die Lieferanten kommen bei der großen Nachfrage nicht mehr hinterher“, sagt Hans-Jürgen Dohrmann vom Bosch Car Service in Seelhorst. „Die ersten können nicht mehr liefern“, sagt auch Rüdiger Jeß von der Lister Autowerkstatt. Beim Autohaus Nordstadt in der Vahrenwalder Straße spricht Teiledienstleiter Thomas Gross davon, dass derzeit sechsmal so viel Batterien ihren Dienst aufgeben wie sonst. „Wenn das so weitergeht, wird es auch bei uns eng.“ Auch die Nachfrage nach Frostschutzmitteln ist groß.
Keine Lieferschwierigkeiten haben die Stadtwerke, obwohl der Verbrauch von Gas und Fernwärme am Montag einen neuen Spitzenwert erreichte. Laut Prognose zeichnete sich am späten Nachmittag ab, dass rund 49 Gigawattstunden Gas im Laufe des Tages verbraucht werden würden – etwa 60 Prozent mehr als an den milden Tagen im Januar.
Trotz der Eiseskälte lässt die Freigabe des Maschsees weiterhin auf sich warten. Am Montag nahmen Mitarbeiter der Stadt erneut Maß. Demnach ist das Eis inzwischen bis zu neun Zentimeter dick. 13 Zentimeter müssen durchgängig gemessen werden, damit auf dem See das Schlittschuhvergnügen beginnen kann. Andere Seen, wie etwa die Ricklinger Teiche, werden grundsätzlich nicht von der Stadt freigegeben, das Betreten ist verboten. Weil sich viele Menschen nicht daran halten, mahnt die Feuerwehr zur Vorsicht. „Viele gehen davon aus, dass ihnen im Uferbereich nichts passieren kann. Das ist ein Trugschluss“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Hintz. Gerade dort könne es zu Einbrüchen kommen.
Bedrohlich ist die Kälte vor allem für Obdachlose: „Viele schlafen weiterhin unter Brücken“, sagt Wilfried Lindwedel, der nachts ehrenamtlich mit einigen Helfern Decken, Folien und Bekleidung verteilt. „Das gibt ein bisschen Linderung, aber viel kann man bei der Kälte nicht machen“, sagt er. Einige Wohnungslose schliefen derzeit auch in der U-Bahn-Station Kröpcke, sagt Üstra-Sprecherin Katja Raddatz.
Bei der Üstra, der Deutschen Bahn und dem Flughafen läuft der Betrieb wie gewohnt. Auch in den Krankenhäusern der Stadt ist es noch ruhig. Probleme werde es erst geben, falls der große Schnee kommt, heißt es einvernehmlich.
Über die Kälte freuen konnten sich die Schüler der Haupt- und Realschule Rosa Parks in der List. Da die defekte Heizung nicht für eine ausreichende Temperatur sorgte, fiel am Freitag und Montag der Unterricht aus.
Gerade recht kommt die Kälte den Organisatoren des heutigen Eishockeyspiels der Hannover Indians. „Erst wenn das Bier gefriert, macht es richtig Spaß. Das ist Eishockeywetter, darauf haben wir gewartet“, sagt Geschäftsführer Dirk Wroblewski.
So kommen Sie gut durch die kalten Tage
Achtung Wasserrohrbruch: Vor allem in Altbauten setzt der Frost den Leitungen zu. Minusgrade lassen das Wasser gefrieren – und die Rohre platzen. Noch ist die Lage überschaubar, seit Donnerstag ist die Feuerwehr im Stadtgebiet zu zehn Wasserrohrbrüchen ausgerückt. Viele Schäden allerdings werden sich wohl erst bemerkbar machen, sobald die Temperaturen steigen und das Wasser zu tröpfeln beginnt. „Gefährdet sind wenig isolierte Leitungen, die im Dachgeschoss verlegt sind“, sagt Klempnermeister Axel Stoy aus Waldheim. Sollte ein Rohr zufrieren, muss das Eis zügig aufgetaut werden, etwa mithilfe eines Heizlüfters.
Hilfe für Obdachlose: In der Stadt sind weiterhin obdachlose Menschen unterwegs, die es ablehnen, eine Unterkunft aufzusuchen. Straßensozialarbeiter sind täglich unterwegs, um diese Menschen anzusprechen und ihnen Unterstützung anzubieten. Die Diakonie bittet die Bürger um Mithilfe: Hinweise zu hilfsbedürftigen Menschen werden unter der Telefonnummer 0511-9904015 entgegengenommen. Wer Mützen und Handschuhe spenden möchte, kann sich unter der Telefonnummer 0511-990400 melden.
Tipps fürs Auto: Um Motorschäden zu vermeiden, hilft es, das Auto in einer Garage zu parken oder zumindest in windgeschützten Bereichen. Gerade bei Dieselfahrzeugen besteht die Gefahr, dass der Kraftstoff bei den kalten Temperaturen ausflockt. Defekte Batterien können vermieden werden, indem man eine Strecke von mindestens 15 Kilometern zurücklegt – bei zu kurzen Strecken kann die Batterie nicht aufladen. Der ADAC empfiehlt zudem, das Auto in der Werkstatt auf seine Winterfestigkeit überprüfen zu lassen.
Warm durch die Kälte: Um sich vor Kälte zu schützen, empfehlen Ärzte, sich nach dem Zwiebelprinzip zu kleiden. Unterhemd, Bluse, Pullover und Strickjacke bilden verschiedene Lagen. Wichtig ist, dass man diese Schichten wieder reduziert, sobald man aus der Kälte ins geheizte Haus kommt. Auch auf die richtige Schuhgröße muss geachtet werden. Wenn der Schuh zu eng anliegt und drückt, wird es schnell unangenehm kalt an den Zehen.
Manuel Becker und Vivien-Marie Drews
HAZ.de Anmeldung
9