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Enercity-Chef Michael Feist geht in Ruhestand

Führungswechsel Enercity-Chef Michael Feist geht in Ruhestand

Michael Feist hat die Stadtwerke in die neue Energiewelt geführt. Nach zwölf Jahren geht der Enercity-Chef Ende März in den Ruhestand. Das Unternehmen agiert heute wie ein Mini-Konzern: Das Stammgeschäft verliert an Bedeutung, der Gewinn kommt zu einem großen Teil aus Beteiligungen. Die Kunden in Hannover haben davon nur wenig mitbekommen. 

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2003 wurde Michael Feist neuer Stadtwerke-Vorstand.

Hannover. Dass die Stadtwerke kein ganz normales Unternehmen sind, hat Michael Feist spätestens bei seiner ersten Bilanzvorlage erfahren. Während in der weiten Welt der Wirtschaft oft nur der Vorstandschef das Zahlenwerk erläutert und allenfalls seinen Finanzmann ein paar Details ergänzen lässt, kamen bei Enercity auch die Vorsitzenden von Aufsichts- und Betriebsrat ausgiebig zu Wort.

So ist das eben, wenn ein Unternehmen mehrheitlich der Kommune gehört - und die Politiker mitreden wollen.

Interview

Ein ausführliches Interview mit Michael Feist finden Sie hier.

Für einen Manager, der zuvor viele Jahre beim Mineralöl-Multi ExxonMobil war und von der strategischen Planung eines Raffineriesystems über das Marketing im Tankstellengeschäft bis zur Vermarktung von Gasvorkommen im Mittleren Osten viele Stationen durchlaufen hatte, muss das befremdlich gewesen sein. Doch Feist hat sich solche Regungen nie anmerken lassen, zumindest nach außen - wer wollte, musste schon sein zuweilen leicht amüsiertes Mienenspiel in diese Richtung deuten. „Das ist eben ein Profi“, sagt ein Aufsichtsrat: „Die Kommunalpolitik hat er ertragen.“

Die Frage nach seinen Kompetenzen hatte er bereits vor seinem Amtsantritt vor zwölf Jahren geklärt. Sollen die Stadtwerke unternehmerisch geführt oder politisch gelenkt werden? Seine Antwort: „Ich konnte und wollte ein Unternehmen nach unternehmerischen und wirtschaftlichen Kriterien führen.“ An die Vereinbarung, Politik und Stadtwerke sauber zu trennen, hätten sich die städtischen Anteilseigner bis zum letzten Tag konsequent gehalten, sagt Feist. Am 31. März geht er in den Ruhestand.

Feist über ...

... Ökostrom

„Es gibt inzwischen 1,5 Millionen Betreiber solcher Anlagen – das sind schließlich Wähler. Und es ist immer schön, moralisch und mit Blick auf das eigene Vermögen auf der richtigen Seite zu stehen. Wenn man als oberste Priorität den Ausstoß von CO2 reduzieren will, gibt es schnellere und billigere Wege als die heutige teure Subventionierung von Ökostrom.“

... Mehrum

„Ich bin nicht sicher, ob die letzte Messe für Kraftwerke wie Mehrum schon gelesen ist. Wenn im Jahr 2022 die letzten Atommeiler vom Netz gehen, werden die Strompreise voraussichtlich steigen. Denn blieben sie so niedrig, könnten die Betreiber ihre Brennstoffkosten nicht mehr decken – und würden dann diese Anlagen vom Netz nehmen.“ 

... Ruhestand

„Ich freue mich auf den Ruhestand, es ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für mich. Um Abstand zu gewinnen, gehen wir direkt nach der Verabschiedung erst einmal sechs Wochen auf Reisen. Unser Lebensmittelpunkt wird in Hannover bleiben. Muße bedeutet frei zu sein von öffentlichen Geschäften – diese Muße werde ich pflegen.“

Die kleine Politik hat sich der 66-Jährige vom Hals halten können - dafür prägte die große das Geschehen auf dem Energiemarkt umso mehr: Erst machte die Abschaffung der Gebietsmonopole wahllose Abnehmer zu wechselwilligen Kunden, dann stellte die Energiewende das Geschäftsmodell etablierter Versorger infrage. Viele Stadtwerke berührte der Boom bei Windkraft- und Solaranlagen nur am Rande, weil sie ihren Strom einkaufen - Enercity aber produziert seine Kilowattstunden selbst und leidet unter dem Verfall der Großhandelspreise.

Den rasanten Siegeszug der erneuerbaren Energien hat Feist wie viele andere auch unterschätzt: „Aus heutiger Sicht würden wir sicher nicht noch einmal in Kohle investieren.“ Doch als die Stadtwerke ihre Anteile am Meiler in Mehrum aufstockten, lagen die Preise an der Strombörse eben noch deutlich höher. Zudem war es eine Art Tauschgeschäft: Der damalige Partner Eon wollte die Beteiligung loswerden.

Und nicht nur diese: Der damals noch unangefochtene Marktführer stellte 2009 auch seine Anteile an der Thüga-Gruppe zum Verkauf. Die Holding ist die große Unbekannte der Branche: Mit ihrer Beteiligung an rund hundert Stadtwerken ist sie das größte Netzwerk kommunaler Energie- und Wasserversorger in Deutschland - nur die wenigsten Kunden aber haben je von ihr gehört. Das ist in Hannover nicht anders, obwohl die Thüga auch knapp ein Viertel der Anteile an Enercity hält.

Susanna Zapreva übernimmt

Lokale Energiewende: Dass künftig eine Frau den Enercity-Vorstand führen würde, hatten die meisten Mitarbeiter erwartet. Da in den meisten städtischen Unternehmen Männer den Ton angeben, wollte die rot-grüne Ratsmehrheit bei dieser Personalie unbedingt ein Zeichen setzen. Dass die Headhunter allerdings bis nach Wien reisen müssten, um eine Nachfolgerin für Michael Feist zu finden, kam aber für viele überraschend. Susanna Zapreva solle die Stadtwerke grüner machen und auch kundenfreundlicher, verlautet aus dem Aufsichtsrat.

Als Geschäftsführerin der Wien-Energie hat die 43-Jährige den Anteil der Ökostromproduktion verdoppelt und die konventionellen Kraftwerke abgeschrieben. Die Kunden hat sie über Beteiligungen an „BürgerInnen-Solarkraftwerken“ in diese Energiewende eingebunden. Die promovierte Elektrotechnikerin hat einen Vertrag über fünf Jahre und zieht mit Mann und Sohn nach Hannover.

Gemeinsam mit Kollegen von anderen Stadtwerken drehte Feist kurz entschlossen den Spieß um: Die kleinen Versorger übernahmen die große Thüga - seither ist Enercity sozusagen an sich selbst beteiligt. Auf so eine Entwicklung hätten zu Beginn von Feists Amtszeit nur die wenigsten gewettet - Stadtwerke galten seinerzeit als Auslaufmodell. Etliche Kommunen verkauften ihre Versorger; in Hannover war die Entscheidung gegen den Verkauf weiterer Unternehmensanteile sehr knapp ausgefallen.

Heute agiert Enercity wie ein Konzern im Miniaturformat: Ein Großteil der schrumpfenden Gewinne kommt aus Beteiligungen wie der Thüga oder des Wärmespezialisten Danpower, während das Stammgeschäft - die Versorgung Hannovers mit Strom, Gas, Fernwärme und Wasser - an Bedeutung verloren hat.

Anfänglich habe er sich mit der Strategie des Stadtwerke-Chefs sehr schwergetan, erzählt ein städtischer Vertreter aus dem Aufsichtsrat: „Feist ist kein Visionär, sondern ein Super-Realist und ein harter Kaufmann.“ Mit den Jahren sei sein Respekt aber gewachsen. Insbesondere durch den Thüga-Deal habe er die Risiken durch die Energiewende abgefedert. „Feist steht für einen Professionalisierungsschub - und der hat Enercity gutgetan“, sagt ein anderer Aufseher.

Stadtwerke wollen jede achte Stelle abbauen

Kraftwerke im Minus: Das Überangebot an Ökostrom trifft die Stadtwerke Hannover hart. Wegen des Preisverfalls im Großhandel wird das Unternehmen mit seinen drei Kohle- und Gaskraftwerken in den nächsten zehn Jahren kein Geld mehr verdienen. Zudem rechnet Enercity damit, wegen des schärferen Wettbewerbs kontinuierlich Kunden zu verlieren – 2025 werden nur noch zwei von drei Hannoveranern ihre Energie von den Stadtwerken beziehen, heißt es im Unternehmenskonzept „K2025“.

Im vergangenen Jahr ist der Gewinn um rund 9 Prozent auf knapp 89 Millionen Euro gesunken, mittelfristig könnten die Überweisungen an den Kämmerer fast um ein Drittel schrumpfen. Das trifft auch die Belegschaft: Jeder achte der aktuell rund 2500 Arbeitsplätze soll wegfallen.

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