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Erdogan-Anhänger fordern 
Boykott von Geschäften

Einrichtungen in Hannover Erdogan-Anhänger fordern 
Boykott von Geschäften

In Deutschland machen Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gezielt Stimmung gegen türkische Geschäftsleute, die der sogenannten Gülen-Bewegung nahestehen. Eine Liste, die im Internet kursiert, ruft zum Boykott bestimmter Geschäfte auf - darunter vier Einrichtungen in Hannover.

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Mahmut Altinzencir, Geschäftsführer des Gülen-nahen "Forum Dialog Niedersachsen", ist in Sorge. Auch zum Boykott von Geschäften am Steintor wurde aufgerufen.

Quelle: privat/Schaarschmidt (Symbolbild)

Hannover. Auf der Liste, die der HAZ vorliegt, werden 31 Einrichtungen genannt – darunter auch zwei Läden, ein Verein und eine Schule in Hannover. Betroffen sind bundesweit Restaurantbesitzer, aber auch Bauunternehmer, Bäcker, Gemüsehändler und Friseure.

Erdogan macht den Prediger Fetullah Gülen für den Putschversuch im Juli verantwortlich. "Seither werden unsere Mitglieder auf der Straße bedroht", sagt Mahmut Altinzencir, Geschäftsführer des Gülen-nahen "Forum Dialog Niedersachsen" in Hannover. Der Konflikt spalte die türkische Gemeinschaft in Deutschland: "Es ist nur noch ein kleiner Schritt zur Gewalt." In sozialen Netzwerken würden Gülen-Anhänger offen angefeindet. In einer Datei haben diese nun ihrerseits Dutzende Fälle von Drohungen in Niedersachsen dokumentiert.

Sicherheitskreisen sind Listen bekannt

In Sicherheitskreisen kennt man die derzeit kursierenden Listen. Man habe "darauf ein Auge", hieß es. Immer wieder habe es seit dem Putschversuch verbale Attacken gegen Gülen-Anhänger gegeben. In Nordrhein-Westfalen kam es zu zwei Anschlägen auf Bildungseinrichtungen. Vertreter kurdischer Gemeinden befürchten unterdessen, dass aufgrund der Repressalien in der Türkei Zehntausende Erdogan-Gegner in Deutschland Zuflucht suchen könnten.

Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, verurteilte die Boykott-Aufrufe als inakzeptabel. Dass es einen politischen Boykott von Geschäften geben könne, habe bislang außerhalb seiner Vorstellungskraft gelegen: "Das ist mit unseren Werten unvereinbar – da müssen bei uns alle roten Lampen angehen."

Einige der betroffenen Unternehmer vermuten, dass der Aufruf von Verbänden stammen könnte, die der Partei Erdogans nahestehen, etwa der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) oder der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Die weisen den Verdacht zurück: "So etwas gibt es bei uns nicht", sagt Yılmaz Kiliç, Vorsitzender des Ditib-Landesverbandes Niedersachsen. Er verurteile den Aufruf. Ähnlich äußert sich Ilhami Oguz von der UETD: "Was in der Türkei passiert, darf das Leben hier nicht beeinflussen." Er betont jedoch, dass die Gülen-Bewegung in der Türkei als terroristische Vereinigung gelte: "Wenn die Politik in Deutschland erlaubt, dass diese Leute Schulen bauen, dann ist das ihre Entscheidung."

"Viele haben Angst um ihre Familien"

Ein türkischer Mann in Hannover sagt: "Klar bin ich ein Gülen-Anhänger", sagt der 41-Jährige. "Als mir ein Bekannter die Mail schickte, habe ich mich auch gar nicht darüber gewundert, dass mein Name darauf steht."

Sein Geschäft steht – ebenso wie ein weiteres Unternehmen, ein Verein und eine Schule in Hannover – auf einer Liste in einer E-Mail, die derzeit im Internet kursiert. Darin wird zum Boykott bestimmter türkischer Unternehmen aufgerufen, deren Betreiber der Gülen-Bewegung nahe stehen sollen. "Große Auswirkungen aufs Geschäft hat das bei uns aber nicht", sagt der 41-Jährige. "Nur etwa 30 Prozent meiner Kunden sind Türken." Privat muss er dagegen Abstriche machen. "Ich bin dieses Jahr zum ersten Mal nicht im Urlaub nach Hause in die Türkei geflogen", sagt er. Die Situation dort sei ihm zu unübersichtlich, zu sehr fürchte er, von der Polizei aufgegriffen zu werden.

Vor Anfeindungen sind die Gülen-Anhänger aber auch in Deutschland nicht sicher. "Manche von uns sagen, dass in Deutschland 1933 eine ganz ähnliche Stimmung geherrscht haben muss", sagt Mahmut Altinzencir ratlos. Der promovierte Jurist, Geschäftsführer des Gülen-nahen "Forum Dialog Niedersachsen", blickt sorgenvoll auf sein Handy: "Ich war letztens vor deinem Haus" heißt es in einer der Nachrichten, die er vorliest. "Ich werde deine Mutter ..." in einer anderen. Es sind offene Drohungen. Dutzende solcher Anfeindungen gegen Anhänger der Gülen-Bewegung hat Altinzencir inzwischen gesammelt. Seine Einrichtung dokumentiert sie seit einiger Zeit.

In der Türkei geht Präsident Erdogan massiv gegen die Anhänger der Bewegung vor. Der Prediger Fetullah Gülen verurteilte den Putsch zwar öffentlich, auch seine Anhänger in Deutschland gingen sogleich auf Distanz. Doch vergebens: "Der Konflikt spaltet längst auch die türkische Gemeinschaft in Hannover", sagt Altinzencir. Er kann von Menschen berichten, die ihre eigenen Verwandten bei den türkischen Behörden angezeigt hätten. Und von Erdogan-Kritikern, die Angst haben, in die Türkei zu reisen, da sie fürchten, dort verhaftet zu werden. Fast unbemerkt von der deutschen Mehrheitsgesellschaft spielen sich in der türkischen Gemeinde menschliche und politische Dramen ab.

Auf der Straße als Terroristen beschimpft

"Unsere Mitglieder werden von Menschen, die sie jahrzehntelang für ihre Freunde hielten, auf der Straße als Terroristen beschimpft", sagt Altinzencir. In Hannover sei es zwar noch nicht zu Gewalttaten gekommen. Doch auch hier hetzten Imame in Moscheen, die von der Türkei beeinflusst seien, die Gläubigen gegen die Gülen-Anhänger auf. So hätten es ihm zumindest Mitglieder des „Forum Dialog“ berichtet. "Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Gewalt", fürchtet er. "Viele haben Angst um ihre Familien."

Dazu gehört auch der Vorsitzende des "Vereins für Toleranz und Miteinander", dessen Name ebenfalls auf dem Boykottaufruf auftaucht. "Unsere Familien werden auf der Straße angesprochen, manche Eltern haben ihre Kinder schon aus unserem Verein genommen", sagt er. Aus Angst vor Angriffen will auch er seinen Namen veröffentlicht sehen. Der Verein darf jedoch genannt werden, denn für ihn kann die Situation nicht viel schlimmer werden. "Unser Vermieter, auch ein Türke, hat uns den Mietvertrag fristlos gekündigt", sagt der Vorsitzende. "Wir hoffen, dass wir ein neues Zuhause für unsere Mitglieder finden."

In der Türkei haben viele Regierungskritiker die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas bessern könnte. Inzwischen hätten sich erste Erdogan-Kritiker aus der Türkei an seine Einrichtung gewandt, berichtet Altinzencir: ein Arzt und Journalisten, die aufgrund von Repressalien jetzt nach Hannover gekommen seien. "Ich rechne damit, dass viele fliehen, wenn der Ausnahmezustand dort erst gelockert ist und sie ausreisen können", sagt er.

Die Familie des 41 Jahre alten Ladenbesitzers hat diese Möglichkeit nicht. "Meine Eltern haben in der Türkei ein gut laufendes Unternehmen, das sie nicht zurücklassen können", erklärt er. "Ohne das hätten sie nichts mehr, wovon sie leben könnten."

Von Simon Benne und Jörn Kießler

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