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Das Essen in Hannover kommt ganz in Pink

Erfahrungen mit Foodora Das Essen in Hannover kommt ganz in Pink

Kochmuffel bescheren Bringdiensten gute Umsätze – der Lieferservice Foodora ist mit einem neuen Konzept groß im Geschäft, auch in Hannover, wo sich 85 Restaurants daran beteiligen. Doch was haben die Lokale davon – und was die Kunden?

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Tempo, Tempo: Tim Wermter arbeitet als Werkstudent beim Bringdienst und bringt Essen in die hannoverschen Haushalte.

Quelle: (Foto: Katrin Kutter)

Tim Wermter schwingt sich auf sein Fahrrad. Das ist dezent schwarz. Der Fahrer jedoch fällt auf: Der 23-Jährige trägt ein pinkfarbenes Poloshirt, auch sein Fahrradhelm ist in dieser Farbe gehalten. Pink dominiert auch bei dem Rucksack, den Wermter sich auf den Rücken schnallt. Kuriere mit solch knalligen Shirts sieht man immer häufiger in der Stadt: Sie gehören zur Fahrradflotte von Foodora, die mit ihrem Lieferservice für Essen jetzt auch in Hannover erfolgreich ist.

Gut für Kochmuffel: Der Lieferdienst Foodora ist meinem einem neuen Lieferkonzept groß im Geschäft.

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Das Unternehmen mit Sitz in Berlin bringt das Essen vom Koch zum Kunden. Das läuft so: Auf der Internetseite des Unternehmens oder einer App findet man die Restaurants, die mit der Firma zusammenarbeiten. Der Hungrige bestellt, der Kurier bringt das Essen nach Hause oder ins Büro. Die Bestellung muss mindestens 12 Euro kosten, dazu kommt eine Liefergebühr von 3,50 Euro. Foodora stellt selbst eine Flotte von Kurieren bereit und liefert nicht nur für ein spezielles Restaurant oder eine Pizzakette aus, sondern arbeitet mit einer ganzen Reihe von lokalen Restaurants in der Stadt. In Hannover seien mittlerweile - ein knappes halbes Jahr nach Start - 85 Restaurants beteiligt, sagt Julius Wiesenhütter, der für das Gebiet „Central Germany“ zuständig ist. „Duke Burger“ aus der Langen Laube macht mit, ebenso wie das Café „Bar“ aus Linden oder „Sushi Berlin“ in der City.

Als „gesunde Alternative zu herkömmlichen Lieferdiensten“ und als „Essen mit Wow-Effekt“ preist Wiesenhütter die Angebote. Wow-Effekt? Damit meint der 24-Jährige, dass „die Bestellung in der angekündigten Zeit ankommt, dass das Essen gut verpackt ist und warm bleibt“. Das alles sollte eigentlich selbstverständlich sein. Doch nahezu jeder, der sich mal Essen nach Hause bestellt hat, hat Erfahrungen mit labbriger Pizza und matschiger Pasta gesammelt.

Je kleiner der Haushalt, desto seltener wird gekocht

Rund 30 Minuten - in Ausnahmefällen ein paar Minuten mehr - dürfen bei Foodora zwischen Bestellung und Lieferung vergehen. Dieses Zeitlimit bringt allerdings eine Einschränkung mit sich: Wer nicht in Zentrumsnähe oder in Linden lebt, ist von der Versorgung durch den Bringdienst weitgehend abgeschnitten. Wer auf der Website des Unternehmens zum Beispiel eine Adresse in Kirchrode eingibt, erhält die Nachricht: „Wir haben keine Restaurants gefunden.“

Foodora ist die derzeit modernste Variante des Bringdienstes. Und das ist mittlerweile ein Riesengeschäft. Je kleiner der Haushalt, desto seltener wird gekocht. Junge Erwachsene, gerade wenn sie allein leben, stehen selten am Herd. Je weniger Menschen regelmäßig kochen, desto größer ist der Zulauf für Bringdienste aller Art, wie Domino‘s Pizza, der asiatische Chung Express oder auch lieferando.de. Das 2014 gegründete Foodora-Unternehmen ist die deutlich hippere Variante - und diejenige, die viel Geld in Werbung investiert. Mit pinkfarbenen Aufklebern, pinkigen Rädern, die zu Werbezwecken in der Stadt abgestellt wurden, und Werbematerial hat sich der Lieferservice ziemliche Bekanntheit verschafft. Der Konkurrent Deliveroo, der nach demselben Konzept arbeitet, ist bislang nicht in Hannover angetreten. Ob und wann es so weit sein könnte - dazu will man sich in der Zentrale nicht äußern. Es heißt nur allgemein: „Hannover ist ein spannender Markt mit tollen Restaurants, zu denen das Geschäftsmodell von Deliveroo gut passen würde.“

Foodora beschäftigt ausschließlich Fahrradkuriere. „Das Rad ist in der Stadt das beste Verkehrsmittel“, sagt Timo Schäfer, der sogenannte „City Lead“ in Hannover. Wohl wahr. Doch passen die Radkuriere auch besser zum Image des jungen und gesunden Bringdienstes. Rund 40 Fahrer arbeiten hier für das Unternehmen. Wie viel sie jeweils verdienen, wollen weder Schäfer noch Fahrer Wermter sagen. Es sei sein bislang bester Nebenjob, meint der 23-Jährige, der im Frühjahr seinen Bachelorabschluss in Soziologie gemacht hat und demnächst in England weiterstudiert. Jetzt hat er einen Vertrag als Werksstudent. Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) heißt es, dass Foodora den Fahrern Mindestlohn oder knapp darüber zahle.

"Wir erreichen damit junge Leute"

Die Gewerkschaft betrachte „die prekären Beschäftigungsverhältnisse der Kurierfahrer skeptisch“, sagt Jonas Bohl von der NGG. „Zudem raten wir den beteiligten Gastronomen zur Vorsicht: Die Gastronomie begibt sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Online-Plattformen - ähnlich wie es die Hotellerie mit Buchungsplattformen gemacht hat.“ Das meint: Hotels, die heute nicht bei den einschlägigen Plattformen wie HRS oder Booking.com auftauchen - denen sie üppige Provisionen zahlen -, haben es schwer.

Wer bei Foodora mitmacht, verspricht sich, natürlich, Werbung, Umsatz - und auch neue Kunden. Die Altdeutsche Bierstube in der Altstadt macht beim pinken Lieferservice mit. „Wir erreichen damit junge Leute“, sagt Chefin Frauke Ott, „das ist ganz toll.“ Besonders gut gefällt Ott, dass dank des Bringdienstes „die deutsche Küche populärer wird“. Für Gastronom Kadir Elveren hingegen, der mit seiner Frau die Francesca & Fratelli-Pizzerien betreibt, steht der Dienstleistungsgedanke im Vordergrund: Wenn seine Kunden mal keine Lust hätten, vor die Tür zu gehen, könnten sie unproblematisch über Foodora bestellen. Außerdem gefällt Elveren, dass der Bringdienst umweltbewusst nur mit Rädern unterwegs sei.

Der Lieferdienst arbeitet mit möglichst unterschiedlichen Restaurants zusammen, um den Kunden eine große Auswahl zu bieten. Die Gastronomen können entscheiden, zu welchen Zeiten sie auf der Foodora-Seite erscheinen: Brennt gegen 20 Uhr im Restaurant die Hütte, kann sich der Gastronom von der Online-Bestellung ausloggen.

Die Provision soll bei 25 bis 30 Prozent liegen

Solch ein Entgegenkommen macht den Restaurantbetreibern die Sache schmackhaft. Doch will das Unternehmen ein großes Stück vom Kuchen abhaben: Foodora kassiert nicht nur die Liefergebühr von 3,50 Euro, sondern für jede Bestellung auch eine Provision. Über deren Höhe schweigen das Unternehmen und die Gastronomen eisern. Laut Einschätzung eines Experten soll Provision bei 25 bis 30 Prozent pro Bestellung liegen.

Viel Geld, dennoch ist Christoph Elbert, Chef von Boca, 11a und Plümecke, gut auf das Unternehmen zu sprechen. „Die helfen, uns von schlechten Bringdiensten zu befreien“, meint er. Elbert macht trotzdem nicht bei dem Lieferservice mit. Grundsätzlich könne er sich das vorstellen, sagt er, doch wäre das im Moment einfach zu viel. Die Mitarbeiter seien schon jetzt am Rande ihrer Kapazitäte, sagt seine Partnerin Verena Schindler.

Foodora jedenfalls führt, wie man hört, eifrig Gespräche mit hannoverschen Gastronomen und sucht dringend weitere Kurierfahrer. Die pinke Offensive geht weiter.

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