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Übernehmen die Ketten Hannovers Gastro-Szene?

Kneipensterben Übernehmen die Ketten Hannovers Gastro-Szene?

Ob Pindopp, Schweinske oder Globetrotter: Inhabergeführte Kneipen, Cafés und Restaurants haben es in Hannover immer schwerer, zahlreiche Läden machten in den vergangenen Monaten dicht. Stattdessen sind Restaurant- und Bistro-Ketten auf dem Vormarsch. Muss Hannover Sorgen um die Vielfalt der Gastro-Szene haben?

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Geschlossen: Die Rotisserie Helvetia, das Pindopp und das Steakrestaurant Globetrotter.

Quelle: Montage

Hannover. Ein Aufschrei ging durch die Südstadt, als bekannt wurde, dass das alteingesessene Pindopp schließt und eine Filiale der „Extrablatt“-Kette in den markanten Bau am Altenbekener Damm zieht. Dennoch dürften in ein paar Wochen etliche Gäste ihren Cappuccino auf der idyllischen Außenterrasse genießen, womöglich sogar jene, die zuvor geklagt haben. „Die Ketten haben Erfolg, und für Individualgastronomien wird es immer schwieriger“, sagt Kirsten Jordan vom hannoverschen Branchenverband Dehoga. Damit bringt sie das Dilemma auf den Punkt: In Hannover, und nicht nur hier, schließen immer mehr inhabergeführte Bistros und Restaurants. Die Vielfalt drohe unterzugehen, befürchtet der Dehoga.

Die Gründe für das Gastro-Sterben sind unterschiedlich. „Der bürokratische Aufwand wird für Wirte immer größer“, sagt Jordan. So sind die Unternehmer jetzt verpflichtet, exakt auszuweisen, welche allergenen Substanzen in ihren Speisen enthalten sind. 13 möglicherweise Allergie auslösende Produkte hat der Gesetzgeber ausgemacht und eine Kennzeichnungspflicht vorgeschrieben, etwa für Nüsse, Milch und Eier. Gastronomen müssen die Zutaten auf ihrer Speisekarte vermerken.

Höchst aufwendig sei auch die Dokumentationspflicht in Sachen Mindestlohn, berichten Gastronomen ihrem Branchenverband. Für jeden Mitarbeiter muss die Arbeitszeit sorgfältig registriert werden. Damit soll verhindert werden, dass Beschäftigte unter der Hand länger arbeiten und den Mindestlohn umgehen. „Auch wird es immer schwieriger, Fachkräfte zu finden“, sagt Jordan. Das gelte für alle Gastro-Beschäftigten, vom Küchenchef bis zum Kellner.

Restaurantketten haben klare Vorteile. Sie können elektronische Geräte zur Arbeitszeiterfassung anschaffen. Personalabteilungen kümmern sich um die Belange der Mitarbeiter und regeln die Bürokratie. In kleinen Betrieben muss der Inhaber alle Aufgaben allein bewältigen. „Ketten müssen auch nicht immer ausgebildete Köche einstellen“, sagt Dehoga-Vertreterin Jordan. Die Filialen bieten meist ein festes Repertoire an Speisen. Nach einer gewissen Anlernzeit seien auch Hilfskräfte in der Lage, die Gerichte zuzubereiten, sagt Jordan. Das bedeute im Umkehrschluss: „Die Kreativität bleibt auf der Strecke.“

Hinzu kommen die ökonomischen Vorteile von Kettenrestaurants. Sie können größere Mengen von Zutaten kaufen und bekommen dadurch niedrigere Preise. Läuft es in einer Filiale nicht so gut, gleicht eine andere das Defizit aus. Und dann ist da noch der psychologische Faktor: „Die Menschen sehnen sich nach Verlässlichkeit“, sagt Jordan. In einem Kettenrestaurant wissen sie genau, was sie erwartet. Es komme aber auch darauf an, sagt Jordan, das Ungewöhnliche wertzuschätzen.

 

Das Pindopp

Hat im September 2015 schließen müssen, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde: das Pindopp.

Quelle:

Seit Jahresbeginn ist die seit 1981 existierende Kultkneipe in der Südstadt geschlossen. Der Gebäudeeigentümer, die Hamburger Fondsgesellschaft Quantum, hat das Auslaufen des Pindopp-Mietvertrags genutzt, um die Immobilie zu verkaufen. Erworben hat es der Extrablatt-Betreiber Umut Kus, der bereits Gaststätten am Georgsplatz und in der Grupenstraße betreibt, zudem übernimmt er derzeit das Schweinske . Eigentlich war die Eröffnung am Altenbekener Damm fürs Frühjahr geplant. Der Umbau verzögert sich aber, weil das Konzept optimiert wird. „Qualität geht vor Tempo“, sagt Kus. Im Moment rechnet er mit Spätsommer als Eröffnungstermin.

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Azurro

Die Blumenkübel stehen noch vor der Tür an der Voßstraße, genauso wie die hohen Bistrotische. Im Inneren des Restaurants Azurro erstreckt sich eine liebevoll gedeckte Tafel mit weißen Tischedecken und edlen Blumenvasen, darum gruppieren sich einladende Korbsessel. Allerdings wird sich in diesen Stühlen in nächster Zeit kein Gast mehr niederlassen, um sich im Restaurant und Weinbistro wie im heimischen Wohnzimmer zu fühlen und die feinen saisonalen Gerichte und Menüs zu genießen. Nach 20 erfolgreichen Jahren in der List hat sich Betreiberin Niki van Hilten schweren Herzens dazu entschlossen, ihr kleines Lokal aufzugeben. „Ich möchte einfach mehr Zeit für mich, meine Tochter und meinen Freund haben“, lässt sie ihre Gäste wissen. Ab sofort sucht sie daher einen neuen Mieter oder Pächter, der auch die Veranstaltungen übernimmt, die bereits bis 2017 gebucht sind. Die Lister werden den Charme des Azurro vermissen und sich freuen, wenn es einen kompetenten Nachfolger gibt. Spezielle Restaurants sind dort nämlich gerade Mangelware.

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Globetrotter

Es war eines der ältesten Steakhäuser der Stadt – doch nun hat das Globetrotter an der Breite Straße geschlossen. Bereits 1957 eröffnet das Restaurant in der Innenstadt, das Mietverhältnis zwischen der Wertgarantie Versicherung, der die Immobilie gehört, und Inhaberin Okka Heilhausen bestand seit den Neunzigerjahren. Auf der Karte standen für Fleischliebhaber die Klassiker wie Filet-, Rump- und Rib-Eye-Steaks. Dazu wurden Salate und Ofenkartoffeln serviert.
Einer Sprecherin des Versicherers zufolge hat die Inhaberin den Mietvertrag zum Ende des Monats gekündigt. Zu den Gründen wollte sie keine Angaben machen. Jedoch würden bereits Gespräche mit unterschiedlichen Interessenten für das Lokal geführt. Ob an der Breite Straße in Zukunft wieder ein Gastronom die Türen aufschließt, ist noch offen. Einige Interessenten sehen demnach auch andere Konzepte dafür vor.

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Carrots

Körner-Porridge zum Frühstück, Veggie-Burger zu Mittag im vegetarisch-veganem Café mit karottenroten Polstern: Dieses Angebot im „Carrots and Coffee“ am Wedekindplatz gehört seit Kurzem der Vergangenheit an. „Wir sind geschlossen bis zur Klärung des Mietverhältnisses“ verkündet ein nüchterner Zettel an der Tür des Lokals. Seit zwölf Jahren betreiben Ann Beyer und ihre Tochter Nadia das kleine Lokal in der Oststadt, das viel mehr ist als ein Café für biologisches, vegetarisches und veganes Essen. Die Beyers bieten auch Schulungen über Ernährung, informieren über alternative Heilmethoden, über Themen wie den Säure-Basen-Haushalt und Möglichkeiten der Entgiftung.

Auch das gehört nun der Vergangenheit an. Die Wohnungen des Hauses Numemr 1 werden in Eigentum umgewandelt, eine Einigung mit den Café-Betreiberinnen ist nicht in Sicht. „Zu 99 Prozent werden wir dauerhaft schließen, und zu 99 Prozent wird es auch keine Wiedereröffnung an einem anderen Standort geben“, sagt ein Mitarbeiter aus der Buchhaltung. Das Café sei sehr gut angenommen worden, aber der Mietstreit werde das Projekt bedauerlicherweise wohl beenden.

Der Auslöser, sich für Nahrungsmittel und ihre Auswirkungen zu interessieren, war für Ann Beyer ein sehr persönlicher. Ihre Kinder litten unter schwerer Neurodermitis, und so wurde sie Ernährungsexpertin aus eigener Betroffenheit. Tochter Nadia trat in ihre Fußstapfen, sie ist diplomierte Ökotrophologin und bei „Carrots and Coffee“ für neue Rezepte zuständig. An Kreativität hat es den Betreiberinnen nicht gemangelt. Die Palette der Gerichte reichte von Buchweizenbratlingen mit Hanfsamen, Dinkelwraps mit Bärlauchpesto über veganes Eis bis hin zu glutenfreier Apfel-Dattel-Tarte – Trend und Marktlücke zugleich, sich sich jetzt im Wortsinne schließt.

 

Maestro

Der Ort ist ein Juwel, dennoch stehen die Räume des ehemaligen „Maestro“ im Künstlerhaus seit vier Jahren leer. Auch der idyllische Biergarten im Hof des Schauspielhauses bleibt seither verwaist. Im Winter vergangenen Jahres hatte die Stadt Hannover Pläne vorgestellt, wie die „Maestro“-Räume umgestaltet werden können. Nicht mehr im labyrinthischen Keller, sondern im Erdgeschoss sollte die Gastronomie untergebracht werden. Die Finanzierung von rund 1,2 Millionen Euro wollten Stadt und Stiftung Niedersachsen gemeinsam stemmen. Doch jetzt sehen die Pläne anders aus. Im Kulturausschuss hat Kulturdezernent Harald Härke kürzlich berichtet, dass nun wieder im Keller gespeist werden soll. Die Politiker runzelten die Stirn und forderten zur nächsten Sitzung nach der Sommerpause einen Bericht über das neue Konzept. Tatsächlich sollen bereits Pächter interessiert sein. Eine Ausschreibung werde vorbereitet, sagt ein Stadtsprecher.

 

Gattopardo

Das Ambiente stilvoll, das Essen hoch gelobt und das Team ehrgeizig: Es kommt überraschend, dass das Gattopardo an der Hainhölzer Straße sein A-la-Carte-Angebot einstellt. Erst vor zwei Jahren hatte Frank Ochotta (Pier 51, Acanto) das Restaurant im Nikolaiviertel übernommen. Nun lässt das Team seine Gäste wissen, dass man sich neu ausrichten wolle. Wann und ob es weitergeht bleibt offen. Fakt indes ist, dass das Gattopardo weiterhin Veranstaltungen ausrichten möchte. Der feine Stern in der hannoverschen Gastro-Szene ging bereits 1989 auf, als Ekkehard Reimann vom Clichy sein Imperium um ein Pendant mit moderner italienischer Ausrichtung erweitern wollte. In den Anfängen schon war Ochotta mit von der Partie, kümmerte sich dann aber lange Jahre um andere Etablissements. Der moderne Purismus, der nach der Übernahme vor zwei Jahren in Lokal und Karte eingezogen ist, erntete fast ausnahmslos viel Lob.

 

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Schweinske

Am Königsworther Platz gab es seit 2006 das Schweinske, ein Hamburger Franchisebetrieb mit Rustikalküche. Seit dieser Woche ist geschlossen – auch hier zieht ein Café Extrablatt ein. Für Betreiber Umut Kus ist es das vierte in Hannover. Das Schweinske hatte zuletzt stark unter der Konkurrenz der neuen Uni-Kantine im Conti-Hochhaus gegenüber gelitten. Der Umbau ist weniger aufwendig als im Pindopp: Lüftungsanlage, Toiletten, Kühlräume und Lager seien vorhanden, der Brandschutz auf der Höhe der Zeit. „Wir müssen keine Komplettsanierung vornehmen“, sagt Kus. Eröffnung soll noch 2016 sein – „aber erst einmal ist die Südstadt dran.“

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