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Aus der Stadt Wie viele Gedenkstätten braucht die Stadt?
Hannover Aus der Stadt Wie viele Gedenkstätten braucht die Stadt?
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00:17 24.02.2017
Von Simon Benne
„Eine pragmatische Lösung“: Die ehemalige Volkshochschule am Friedrichswall steht seit Sommer 2015 leer.  Quelle: Collage
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Hannover

Die Scheiben sind staubblind. Ein hässliches Fangnetz verdeckt die Fassade, und zwischen den Fahrradständern am Eingang wuchert hohes Gras. Seit dem Sommer 2015 steht die frühere Volkshochschule am Theodor-Lessing-Platz leer. Die Stadt plant jedoch, das verwaiste Gebäude zu beleben: Einen „Lernort Erinnerung und Demokratie“ will sie hier einrichten. Eine Stätte der Erinnerung, an der vor allem Schülern die NS-Zeit vermittelt wird - mit interaktiven Elementen, Touchscreens und digitalen Projektionen. „Es ist wichtig, an die Lebenswelt von Jugendlichen anzuknüpfen“, sagt Karljosef Kreter vom städtischen Team Erinnerungskultur.

Zahlreiche Orte erinnern heute an die NS-Zeit. Eine Übersicht.

„Angesichts des erstarkenden Populismus ist das ein sinnvolles Projekt“, sagt auch Friedrich Huneke, Geschichtslehrer und Dozent an der Leibniz-Uni: „Für Schulen ist der zentral gelegene Ort gut erreichbar.“ Der Historiker engagiert sich auch in dem Beirat für das Projekt, den die Stadt eingerichtet hat. Er sagt: „Natürlich wäre ein Neubau schön gewesen, doch da dieser sehr teuer wäre, ist die VHS eine pragmatische Lösung.“

In der Gedenkstätte Ahlem haben Schüler der Sophienschule Kränze als Erinnerung an die Holocaust-Opfer niedergelegt. Am 27. Januar ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. 

Gleichwohl wächst die Kritik an dem Projekt: Die CDU monierte den Standort bereits, auch die Grünen zeigen sich bemerkenswert zurückhaltend: Man müsse den Vorschlag erst einmal „in Ruhe prüfen“ und auch Experten einbeziehen, erklärt Daniel Gardemin, kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Ratsfraktion.

Gedenken ist ein Stück Selbstvergewisserung

Dass die Erinnerung an die NS-Zeit wachgehalten werden muss ist in Deutschland demokratischer Konsens. Gedenken ist auch ein Stück Selbstvergewisserung; es dient dazu, die eigene Haltung zu bestimmen und zu demonstrieren. Kann es also des Guten gar nicht genug geben? Nach dem Motto „Viel hilft viel?“ Aber wie viel Gedenken braucht die Stadt? Und wie muss dieses beschaffen sein?

Kranzniederlegung zum Gedenken an die Pogromnacht am 9.11.1938.

„Wir haben in Hannover bereits eine Vielzahl solcher Lernorte“, sagt Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Er zählt auf: Da ist das Mahnmal am Opernplatz, die Gedenkstätte für die zerstörte Synagoge in der Roten Reihe, die Aegidienkirche. Die Pläne für die VHS hätten ihn „verwundert“, sagt Fürst: „Dort müsste man schon ein ganz besonderes, eigenes Profil finden.“

Die Erinnerungskultur hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Das Gedenken ist dezentraler, kleinteiliger und emotionsorientierter geworden. Geschichtslehrer versuchen, bei Schülern Empathie zu wecken, indem sie Einzelschicksale von NS-Opfern aus ihrem Stadtteil thematisieren und lokale Originalschauplätze besuchen. Deren Aura soll Geschichte konkret und erlebbar machen. Inzwischen gibt es virtuelle Stadtrundgänge, die Besucher mit Smartphone oder Tablet zur früheren Synagoge oder „Judenhäusern“ führen. Und mehr als 350 Stolpersteine wurden seit 2007 in Hannovers Gehwegen verlegt - vor allem auf Initiative der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Setzt Erinnerungstätte in der VHS neue Akzente?

Deren Geschäftsführerin Gabriele Lehmberg sieht die VHS-Pläne mit gemischten Gefühlen: „Einen authentischen, lebendigen Lernort für Schulklassen gibt es in Hannover doch bereits - wozu brauchen wir noch einen weiteren?“, fragt sie.

Gabriele Lehmberg hat die Gedenkstätte Ahlem mit aufgebaut. Diese wurde erst 2014 wiedereröffnet, nach einer aufwendigen Neugestaltung für 6,3 Millionen Euro. Mit mehr als 15 000 Besuchern im Jahr wird sie gut angenommen, vor allem von Schulklassen. Diese Klientel erneuert sich naturgemäß mit jedem Jahrgang - und ist doch begrenzt: Die wenigsten Lehrer können zu einer Unterrichtseinheit gleich zwei Besuche an „außerschulischen Lernorten“ in den Stundenplan integrieren. Auch wenn die Erinnerungsstätte in der VHS eigene Akzente setzte, würde sie fast unweigerlich in Konkurrenz zu Ahlem treten, fürchtet Gabriele Lehmberg: „Das ist kein schöner Gedanke.“

Die Gedenkstätte Ahlem ist in Trägerschaft der Region, nicht der Stadt. „Es ist so, als würde die Stadt einen eigenen Zoo eröffnen wollen, weil der bisherige zur Region gehört“, sagt ein Historiker angesichts der Pläne für die VHS kopfschüttelnd. „Beide Institutionen haben wohl den Wunsch, etwas besonderes zu schaffen - doch das Thema taugt nicht dazu, sich zu profilieren“, mahnt auch Renate Bauschke.

Großes Mahnmal in Ahlem

Die pensionierte Schulleiterin engagiert sich im Ahlemer Arbeitskreis „Bürger gestalten ein Mahnmal“. Seit 1994 erinnert ein beeindruckendes Mahnmal an das frühere KZ Ahlem. Kurz nach dessen Fertigstellung sah sich der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, der als junger Soldat das KZ mit befreit hatte, das Mahnmal an. Er besichtigte auch die nahe Gedenkstätte Ahlem in der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule. Lauter authentische Orte. Derzeit ist geplant, auf dem KZ-Gelände, wo nur noch Fundamente im Boden an das Lager erinnern, einen Stationenrundgang mit Erklärtafeln aufzubauen.

„Die Institutionen sollten beim Gedenken zusammenarbeiten“, sagt Bauschke. Das kompetente Team Erinnerungskultur der Stadt könnte sich mit den Einrichtungen der Region in Ahlem zusammentun: „Das VHS-Gebäude ist doch unattraktiv“, sagt sie: „In Ahlem könnte man sich gemeinsam auf authentische Orte fokussieren.“ Regionspräsident Hauke Jagau wollte sich zu den städtischen VHS-Plänen nicht äußern - diese fielen nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. „Prinzipiell halte ich es jedoch für sinnvoll“, sagt er, „Kooperationen auf dem Feld der Erinnerungskultur auszubauen.“

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