Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Klinik soll todkrankes Baby abgewiesen haben
Hannover Aus der Stadt Klinik soll todkrankes Baby abgewiesen haben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:07 15.04.2014
Schwere Vorwürfe: Im Kinderkrankenhaus auf der Bult soll ein todkrankes Baby abgewiesen worden sein, weil die Mutter keinen Krankenschein hatte. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Das Kinderkrankenhaus Auf der Bult sieht sich einem schweren Vorwurf gegenüber: Die Klinik soll das einen Monat alte Baby einer Asylbewerberin nicht behandelt haben, weil die Frau kein Dokument vorlegen konnte, das die Übernahme der Kosten regelt. Nur wenige Stunden später starb der schwer kranke Säugling. Die Staatsanwaltschaft hat den Leichnam am Dienstag obduzieren lassen, um zu klären, ob Fremdverschulden vorliegt. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen fordert jedoch schon jetzt von der Landesregierung, die Bestimmungen bei der Krankenversorgung von Asylbewerbern zu ändern. Der Fall beweise, dass „die eingeschränkte Krankenversorgung für Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge unerträgliche Risiken birgt“, sagt Geschäftsführer Kai Weber.

Laut einem Bericht der „Bild“ suchte die aus Ghana stammende Asylbewerberin Vida M. am Donnerstagmorgen mit ihrem knapp einen Monat alten Sohn die Klinik auf – als Notfall. Er war gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder genau einen Monat zuvor als Frühchen in der Henriettenstiftung auf die Welt gekommen. Unmittelbar nach der Geburt war das Kind mit Atemproblemen in die Kinderklinik eingeliefert und neun Tage später entlassen worden. Im April soll sich sein Zustand jedoch wieder verschlechtert haben, weshalb seine Mutter in der vergangenen Woche mit ihm in die Kinderklinik fuhr.

Was von diesem Zeitpunkt an geschah, ist nun Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Prüfungen. Die junge Frau, die bis vor Kurzem noch in einem Flüchtlingswohnheim in Kirchrode lebte, wirft der Klinik vor, bei ihrer Ankunft an der Rezeption abgewiesen worden zu sein. Man habe das Kind nicht behandeln wollen, weil sie keinen sogenannten Krankenschein habe vorweisen können. Mit diesem Schein sichern Kommunen Ärzten zu, die Kosten für die Behandlung von Flüchtlingen zu übernehmen, wenn diese nicht krankenversichert sind.

„Ein Arzt hätte sich das Kind anschauen müssen“

Die Mutter fuhr daraufhin zu einer Kinderärztin, die die kritische Lage sofort erkannte und einen Rettungswagen rief. Wieder in der Kinderklinik angekommen, zeigte das vier Wochen alte Kind jedoch keine Lebenszeichen mehr. Die Ärzte versuchten daraufhin, den Jungen zu reanimieren. „Die Reanimation musste leider erfolglos eingestellt werden“, sagte Kliniksprecher Björn-Oliver Bönsch. Das Krankenhaus meldete den Fall daraufhin bei der Kriminalpolizei. „Das ist in solchen Fällen üblich, um die Todesursache zu klären“, so Bönsch. Zu weiteren Fragen äußert sich das Krankenhaus mit Verweis auf die noch laufenden Ermittlungen nicht.

Auch die Kinderärztin, die nach Informationen der HAZ den Rettungswagen rief, lehnte am Dienstag eine Stellungnahme ab. Bei der Staatsanwaltschaft will man sich noch nicht zu den Ermittlungen äußern. „Da wir mehrere Sonderuntersuchungen angeordnet haben, werden wir die endgültigen Ergebnisse der Obduktion frühestens nächste Woche vorliegen haben“, sagte Behördensprecherin Kathrin Söfker. Dann soll entschieden werden, ob die Staatsanwaltschaft weiter ermittelt.

In diesem Fall ist vor allem zu klären, was sich am vergangenen Donnerstag an der Aufnahme der Kinderklinik abspielte. Nach Informationen der HAZ spricht die Mutter des Säuglings weder Deutsch noch gut Englisch. „Eine Freundin von ihr übersetzt für sie, auch wenn sie mit uns redet“, sagt eine Sozialarbeiterin aus dem Flüchtlingswohnheim, in dem die Frau bis vor Kurzem wohnte.

„Egal wie die Rahmenbedingungen waren, ein Arzt hätte sich das Kind anschauen müssen“, sagt Birgit Löhmann, Theologische Geschäftsführerin des Diakoniekrankenhauses Friederikenstift. Auch Kai Weber vom Flüchtlingsrat ist sich sicher: „Natürlich liegt ein Fehlverhalten der Klinik vor, wenn der Tod des Babys darauf zurückzuführen ist, dass die Mutter mit dem schwerkranken Kind an der Pforte abgewiesen wurde.“ Wären Mutter und Kind über eine reguläre Krankenkasse versichert gewesen, wären sie höchstwahrscheinlich ohne Probleme aufgenommen werden, sagt Weber. Er dringt nun auf eine Gleichstellung für Asylbewerber bei der Krankenversorgung. „Die Landesregierung ist jetzt aufgefordert, analog zum sogenannten Bremer Modell einen Vertrag mit der AOK abzuschließen und eine Krankenkassenkarte auch für Flüchtlinge auszugeben.“

Von Jörn Kießler und Veronika Thomas

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der mögliche Plan der Stadt, ein dringend benötigtes neues Gymnasium befristet im leer stehenden Schulzentrum Ahlem unterzubringen, hat im Stadtelternrat Hannover für Irritationen gesorgt.

Bärbel Hilbig 17.04.2014

Wenn Kirsten Rotter auf Patientenbesuch im Kinderkrankenhaus Auf der Bult unterwegs ist, bringt sie ein kleines Orchester mit. In ihrer Weste mit den vielen Taschen stecken Klöppel, Kastagnetten und Klangfrösche, ihr Rollwagen ist vollgepackt mit vielen anderen Klangüberraschungen.

Veronika Thomas 17.04.2014

Zwei mutmaßliche Trickbetrüger sitzen seit Sonnabend in Untersuchungshaft. Die beiden 18 und 21 Jahre alten Männer aus Litauen wurden von der Polizei in der Innenstadt gestellt.

14.04.2014
Anzeige