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Erst Entwidmen, dann Verkaufen: die Gerhard-Ulhorn Kirche

Das letzte Gebet Erst Entwidmen, dann Verkaufen: die Gerhard-Ulhorn Kirche

Dies ist wohl das ungewöhnlichste Immobilienangebot Hannovers in den aktuellen Internetbörsen: Unter dem Stichwort „Kirche an der Leine“ ist das evangelische Gotteshaus der Gerhard-Uhlhorn-Gemeinde zum Verkauf inseriert.

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„Interessenten haben sich nach Nutzung als Wohnraum, für Büros oder Veranstaltungen erkundigt“, erklärt Dorothee Blaffert, die Gemeindepastorin von Linden-Nord.

Quelle: Anastassakis

Linden-Nord. Am Ende hängt es an rund 8000 Euro. Soviel kostet nach Angaben von Superintendent Thomas Höflich vom Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverband der jährliche Unterhalt der Gerhard-Uhlhorn-Kirche in Linden-Nord – „allerdings sind da noch keine Heizkosten enthalten“, sagt er.

Das Geld will die Kirche nicht mehr aufbringen, und so steht am kommenden Sonntag wieder eine Prozedur an, die die Hannoveraner schon kennen. Die Kirche mit dem grünen Dach und dem paddelförmigen, freistehenden Turm in unmittelbarer Nähe des Leineufers wird entwidmet. So nennt man es, wenn eine Kirche keine Kirche mehr sein soll, sondern ein profanes Gebäude. Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann wird den Gottesdienst halten, dann wird die Gemeinde in einer feierlichen Prozession unter Gebet und Segen Bibel, Taufschale, Abendmahlsgeräte und alle anderen christlichen Symbole aus dem Gebäude entfernen und in die Bethlehemkirche tragen.

„Ein Entwidmungsgottesdienst geht immer an die Seele“, sagt Spieckermann. Sie muss es wissen, denn die Gerhard-Uhlhorn-Kirche ist bereits das sechste evangelische Gotteshaus in der Stadt, dessen Geschichte als Versammlungsort der Gläubigen zu Ende ist.

Nicht einmal 50 Jahre hat sie gedauert, diese Geschichte. Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren die Stadtteilkirchen in Hannover wegen der vielen Flüchtlinge zu klein und mussten Ableger gründen. Das betraf auch die Bethlehemkirche, deren Gemeinde zeitweilig zur größten innerhalb der gesamten Landeskirche heranwuchs. 1955 entstand deshalb eine zweite Stadtteilgemeinde, benannt nach dem Gründer des Henriettenstiftes und späteren Abt von Loccum.

Der für gemäßigt-moderne Sakralbauten bekannte Architekt Reinhard Riemerschmid wurde mit dem Entwurf für ein Gotteshaus betraut.1963 konnte dann die Gerhard-Uhlhorn-Kirche samt angegliedertem Gemeindehaus geweiht werden. Viele Lindener und ehemalige Bewohner des Stadtteils sind hier getauft, konfirmiert oder getraut worden. Und einmal machte die Uhlhorn-Kirche sogar bundesweit Schlagzeilen. 1996 gewährte sie knapp zwei Dutzend Nigerianern monatelang Kirchenasyl, denen die Abschiebung in eine seinerzeit von einem Militärregime unterjochten Land drohte.

„Jetzt sind die Zeiten anders“

Jetzt sind die Zeiten anders. Die Bethlehem- und die Uhlhorn-Gemeinde zählen zusammen nur noch 5000 Glieder und damit nach gängigen Kriterien etwa 1000 zu wenig, um zwei Kirchen unterhalten zu können. Welche dem Sparzwang zum Opfer fallen musste ,war klar: Die historisch bedeutendere Bethlehemkirche hatte man zwischen 2009 und 2011 für 800 000 Euro saniert, die spartanisch anmutendere Gerhard-Uhlhorn-Kirche dagegen ist vor allem in energetischer Hinsicht ein schwieriger Fall. Deshalb hatten die Gemeinden schon vor drei Jahren fusioniert, seitdem konnten sich die Lindener darauf vorbereiten, dass die jüngere Kirche irgendwann zum Verkauf stehen würde. In einem Immobilienportal im Internet wird eine Summe von 410 000 Euro aufgerufen.

Viele Lindener treibt nun die Frage um, was aus der Kirche wird, die von Sonntag an nur mehr Immobilie sein darf. Sie wünschen sich, dass das Haus mit dem Turm daneben, der die Silhouette des Stadtteils mitprägt, erhalten bleibt. Ein Kulturzentrum, ein Musikraum oder ähnliche Nutzungsarten stehen im Raum. Ein Abriss ist aber nicht ausgeschlossen.

„Grundsätzlich kann ein neuer Eigentümer mit dem Gebäude machen, was er will. Es steht auch nicht unter Denkmalschutz“, sagt Superintendent Höflich. Damit wird vor allem der Turm zum Liebhaberstück, denn er ist nicht bewohn- oder anderweitig nutzbar. Dorothee Blaffert, Gemeindepastorin von Linden-Nord, berichtet von ersten Anfragen. „Die Interessenten haben sich nach Nutzung als Wohnraum, für Büros oder für Veranstaltungen erkundigt“, sagt sie.

„Die Kirche wird keine Moschee“

Eines allerdings ist ausgeschlossen, obwohl es für Linden eine Lösung ist, auf die man kommen kann: „Die Kirche wird keine Moschee“, stellt Spieckermann klar. Innerhalb der Landeskirche sei eine derartige Nachnutzung eines evangelischen Gotteshauses bisher nicht erwünscht – „die Gefühle der Gemeindeglieder erlauben das noch nicht“, sagt die Superintendentin. Dass auch in Hannover schon entwidmete Kirchen zu Synagogen gemacht worden sind, sei anders zu bewerten: „Christen und Juden haben eine engere gemeinsame Vergangenheit.“

Die Lindener sind angesichts der vielzitierten demografischen Entwicklung nicht die letzten Hannoveraner, die sich von einer Kirche trennen müssen. „Nur noch 13 Prozent der geborenen Kinder werden evangelisch getauft“, sagt Höflich und verweist auf das Credo und den entsprechenden Beschluss der Landessynode, wonach das knapper werdende Geld dringlicher in Menschen – sprich Mitarbeiter – als in Gebäude gesteckt werden soll.

Pastorin Blaffert verweist auf den Brief des Sohnes eines ehemaligen Küsters, den sie kürzlich erhalten hat. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, habe der geschrieben. Die Gemeinde solle nicht verzagen, sondern frohen Mutes nach Bethlehem ziehen. In Linden liegt das nur zehn Minuten Fußweg entfernt.

Von der Kirche zum Stadtteiltreff – weitere Entwidmungen

Aktuell in der Diskussion stehen:

  • Nazareth-Kirche (Südstadt): Die Südstädter Kirchengemeinde will einen Teil der Nazareth-Kirche umfunktionieren. Der aktuell nicht genutzte Raum unter der Empore soll zu einem Kolumbarium umgebaut werden, einer Ruhestätte für Urnen. Das Hauptschiff dient weiter als Kirche. Die Gemeinde will damit dem Wunsch nachkommen, wohnortnah bestattet zu werden.
  • Athanasius-Kirche : In den Gemeinderäumen ist bereits das Haus der Religionen aktiv. Die Südstädter Kirchengemeinde, zu der auch Paulus- und Nazareth-Kirche gehören, will die Athanasius-Kirche wahrscheinlich zum zweiten Halbjahr 2013 entwidmen. Die Gemeinde will den Raum dann als eine Art Stadtteilzentrum besonders für Jugendliche und Familien öffnen.
  • Johannes- und Matthäus-Gemeinde (List): Die fusionierte Gemeinde verfügt über zwei Gotteshäuser. Es gibt jetzt erste Gespräche über die Aufgabe eines Gebäudes als Gottesdienstraum. Die frei werdende Kirche könnte nach der Entwidmung gemeinsam von der Gemeinde und Initiativen im Stadtteil genutzt werden.

Bereits aufgegeben wurden:

  • Gustav-Adolf-Kirche (Leinhausen): Die liberale jüdische Gemeinde hat die Kirche übernommen und umgebaut. Sie dient heute als Synagoge und Gemeindezentrum mit Kindergarten.
  • Matthias-Gemeinde (Buchholz): Die Gemeinde hat ihr Gemeindehaus mit Kirchenraum In den Sieben Stücken aufgegeben. Dort ist heute ein Therapiezentrum für Jugendliche untergebracht.
  • Messias-Gemeinde (Buchholz): Die Kirche der Messias-Gemeinde wurde abgerissen. Das Grundstück fiel an die Klosterkammer zurück, die es verkauft hat.
  • Maria-Magdalenen-Gemeinde (Ricklingen): Die Gemeinde hat ihr Gemeindezentrum mit Kirche verkauft. Dort ist die bucharische jüdische Gemeinde untergekommen.
  • Corvinuskirche (Stöcken): Die Kirche ist bereits entwidmet. Der Verkauf ist problematisch, da das Gebäude seit Kurzem unter Denkmalschutz steht.
  • Bodelschwingh-Kirche (Ledeburg): Die Gemeinden in Stöcken und Ledeburg sind vor einigen Jahren fusioniert. Nach der Corvinuskirche soll nächstes Jahr auch die Bodelschwingh-Kirche entwidmet werden. Die Gemeinden wollen die katholische St.-Christopherus-Kirche am Stöckener Markt übernehmen und den Katholiken ein Nutzungsrecht einräumen. Die Verhandlungen über die Details ziehen sich aber seit längerer Zeit hin. Wenn Verhandlungen und Baumaßnahmen an der Christopherus-Kirche abgeschlossen sind, will die evangelische Gemeinde die Bodelschwingh-Kirche aufgeben.

von Bärbel Hilbig

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