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„Sie sind ein würdeloses Weib!“

Frau mit Hose im Bundestag „Sie sind ein würdeloses Weib!“

Es war die Zeit von Kommunen und freier Liebe – doch in der Politik dominierten Männer mit chauvinistischem Weltbild. Der Aufschrei war groß, als plötzlich die erste Frau im Bundestag eine Rede im Hosenanzug hielt: die Abgeordnete aus Hannover Lenelotte von Bothmer. Jetzt wäre sie 100 Jahre alt geworden.  

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„Die erste Hose am Pult“: Lenelotte von Bothmer 1970 im Bundestag. 

Quelle: dpa-Archiv/dpa/M

Hannover. Für eine historische Sekunde lag atemloses Schweigen über dem Parlament. Dann brach an jenem 14. Oktober 1970 ein Sturm der Entrüstung los – und die hannoversche Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer (SPD) hatte ihren Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Wenn auch eher als Fußnote.

Es war die Zeit von Kommunen und freier Liebe. Frauen verbrannten rituell ihre Büstenhalter, und in den Kinos lief Oswalt Kolles cineastische Aufklärungsoffensive „Deine Frau, das unbekannte Wesen“. Dennoch war das Zeichen, das Lenelotte von Bothmer setzte, revolutionär. Dabei war eigentlich egal, was sie da am Rednerpult sagte; irgendwie ging es um Schulpolitik. Entscheidend war, was die 54-Jährige dabei trug. Die Mutter von sechs Kindern, die am 27. Oktober vor 100 Jahren geboren wurde, hielt als erste Frau im Bundestag eine Rede im Hosenanzug.

Ihr damaliger Dress – beigefarbene Hosen, hochgeschlossene Kostümjacke – erinnert etwas an die Arbeitsanzüge der Kanzlerin. Damals jedoch schlugen Lenelotte von Bothmers schlipstragende Kollegen parteiübergreifend die Hände vorm Mund zusammen. „Die erste Hose am Pult!“, schrie ein empörter Zwischenrufer, als sie ihre Rede hielt. Carlo Schmid (SPD) wähnte die Würde des hohen Hauses verletzt, Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger (CSU) die Würde der Frau.
Dabei hatte Jaeger den Skandal ungewollt selbst mit ausgelöst: Der konservative CSU-Mann hatte getönt, niemals werde er einer Frau erlauben, in Hosen im Plenum zu sprechen. „Mit ihm war Lenelotte von Bothmer ohnehin über Kreuz, weil er für die Todesstrafe war“, erinnert sich Winfried Bassmann. Der langjährige Leiter des Kurt-Schwitters-Gymnasiums hatte die Menschenrechtlerin in den Siebzigern in der Anti-Apartheid-Bewegung kennengelernt; oft diskutierten sie in ihrem Haus in Isernhagen-Süd über Afrika. „Sie kaufte sich den Hosenanzug, weil Jaegers Äußerungen sie provoziert hatten“, sagt er.

Die wenigen Frauen des Bundestages, so will es die Legende, sollen damals die Köpfe zusammengesteckt haben, um ein Zeichen für die Emanzipation zu setzen (und um „Kopf-ab-Jaeger“ eins auszuwischen). Liselotte Funcke (FDP) war prinzipiell bereit, die Hosenrolle zu übernehmen, fühlte sich aber Beinkleidern figürlich nicht gewachsen. Heißt es. Also hatte die schlanke Hinterbänklerin Lenelotte von Bothmer plötzlich die Hosen an – eine studierte Germanistin, die in Hannover als Museumspädagogin gearbeitet hatte und 1969 in den Bundestag eingezogen war.

„Herr Jaeger saß auf dem Präsidentenstuhl und guckte grimmig“, erinnerte sie sich später. Sie selbst sei nervös gewesen. Den Hosenanzug habe sie als „Verkleidung“ empfunden. Eigentlich war sie nämlich passionierte Rockträgerin. Doch wer die Vorherrschaft über den öffentlichen Raum erobern will, muss bereit sein, Opfer zu bringen – und Lenelotte von Bothmers Hosenanzug gebührt in der deutschen Geschichte heute eigentlich derselbe Platz wie Helmut Kohls Strickjacke oder Joschka Fischers Turnschuhen.

„Nach ihrer Rede gab es einen Aufschrei der Konservativen“, erinnert sich Winfried Bassmann. Ein analoger Shitstorm brach über die Sozialdemokratin herein: „Sie sind keine Dame!“, hieß es in einem der oft anonymen Schmähbriefe, die sie nun erhielt: „Sie sind ein unanständiges, würdeloses Weib!“ Ein besorgter Bürger fragte sich gar, ob sie das nächste Mal gleich ganz nackt auftreten würde. „Die unflätigen Bemerkungen haben sie schon getroffen“, sagt Bassmann: „Mit einer solchen Welle der Empörung hatte sie nicht gerechnet.“

Bis 1980 blieb Lenelotte von Bothmer im Bundestag. Später verfasste die friedensbewegte Autorin, die 1997 starb, Bücher und Theaterstücke. Mehr als alle Schriften und Reden blieb jedoch dieses Bild in Erinnerung: Eine Frau, die mit Handtasche und Hosen am Rednerpult steht – und ganze Weltbilder ins Wanken bringt.

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