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Aus der Stadt Professor fordert Lerngruppen statt Klassen
Hannover Aus der Stadt Professor fordert Lerngruppen statt Klassen
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00:17 12.08.2017
Fordert Intensivkonzept für Brennpunktschulen: Erziehungswissenschaftler Manfred Bönsch. Quelle: Villegas

Herr Professor Bönsch, das Land schafft an Brennpunktschulen 20 neue Sozialarbeiterstellen. Reicht das aus, um die Probleme dort in den Griff zu kriegen?

Es ist ein Anfang. Aber landesweit gesehen sind 20 Stellen nicht sehr viel. Wenn am Ende eine Brennpunktschule eine halbe, eine andere eine ganze Stelle bekommt, dann ist die Gefahr groß, dass der Effekt verpufft.

Sie fordern für Brennpunkte im Gegenteil sogar ein pädagogisches Intensivkonzept. Warum?

Weil das alte archaische Konzept von Schule – ich bilde jahrgangsweise Kohorten in Parallelklassen – dort nicht mehr greift. Wenn 90 Prozent der Kinder Migranten sind, wenn sie zudem aus schwierigsten sozialen Verhältnissen kommen, gibt es keinen Korridor der Normalität mehr, der die Klasse trägt. Das kann man aussitzen oder produktiv reagieren.

Charakteristisch für solche Schulen sind extrem verschiedene Sprach- und Lernniveaus. Kinder, die kein Deutsch können, sitzen neben guten Lernern. Wie geht man mit so etwas produktiv um?

Man muss neben Jahrgangsklassen alternative Gruppierungen bilden. Für manche Kinder kommen selbst Sprachlernklassen zu früh. Sie bräuchten Alphabetisierungsgruppen. Zudem: Die Endlos-Reihe von 45-Minuten-Stunden schaffen Kinder, die partiell oder nie eine Schule besucht haben, nicht. Da sind produktive Auszeiten wichtig.

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Was kann das sein?

Projektarbeit in semisprachlichen Fächern: Musik, Kunst oder Sport. Damit kann man auch Verständigungsschwierigkeiten überbrücken. Die Arbeit mit der Hand statt des ausschließlichen kognitiven Lernens kann sehr sinnvoll sein. Klein müssen solche Klassen sein, mit 12, 15, 18 Schülern und zwei Lehrern.

Sie plädieren sogar dafür, anfangs Beziehungsarbeit statt kognitiven Lernens anzubieten. Was bedeutet das genau?

Zugespitzt formuliert heißt das: Wir kümmern uns erst um den Menschen und nicht um Mathe. Ein Flüchtlingskind muss erst einmal in der Schule ankommen, Vertrauen fassen. Nach ersten semisprachlichen Angeboten sollte man aber recht schnell herausfinden, welche Lernniveaus die Kinder ansteuern. Wir sollten den Bildungsanspruch der Schule nicht dauerhaft verringern.

An Brennpunktschulen herrscht überdies oft ein Klima der Gewalt. Wie bricht man das auf?

In dem man zu zweit oder dritt in die Lerngruppen geht. Einer allein geht dabei kaputt, die Gefahr ist groß, dass er in die Krankheit flieht.

Sind solche Personalschlüssel überhaupt realistisch?

Ich hatte viel Kontakt zum Leiter der Berliner Rütlischule. Der war schon rein äußerlich, ein junger Mann in Motorradkleidung, eine Autorität. Ein Grundgedanke dort war, dass man das Klima mit solchen kräftigen, zupackenden Leuten verändert. Der andere war: mehr Personal. Es hat gewirkt.

Nun herrscht in Niedersachsen Lehrermangel ...

Wenn sich nicht genügend Lehrer finden, kommen wieder die Schulsozialarbeiter ins Spiel. Dann wäre es aber nötig, alle, die das Land jetzt neu einstellt, schwerpunktmäßig auf diese Schulen zu verteilen. Das könnten 50, 80 oder sogar 100 sein.

Wäre das nicht ungerecht gegenüber anderen Schulen?

Dass in Brennpunktschulen in so hoher Dichte Flüchtlingskinder mit Kindern von Arbeitsmigranten und Kindern aus schwierigen Verhältnissen aus dem Stadtteil zusammentreffen, habe ich so noch nicht erlebt. Es ist eine dramatische, zeitgeschichtliche Wende. Wenn man vermeiden will, dass der überwiegende Teil dieser Kinder im Bildungssystem scheitert, kann man nicht nur kleckerweise helfen. Eine Alternative sehe ich nicht.

Zur Person

Manfred Bönsch ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Leibniz-Universität Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Theorie und Struktur der Schule, Allgemeine Didaktik und zuletzt insbesondere Heterogenität und Differenzierung. Der inzwischen 82-Jährige hat in Braunschweig studiert und unter anderem auch in Berlin, Wuppertal und Tübingen gelehrt. Anfang des Jahres ist im Westermann-Verlag sein neuestes Buch „Starke Schüler durch starke Pädagogik“ erschienen. Bönsch gehört zu der Gruppe von Bildungsfachleuten, die schon Ende April forderten, dass Stadt und Land mit einem pädagogischen Intensivkonzept auf den Notstand in Schulen in sozialen Brennpunkten in Niedersachsen reagieren. jr

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