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Aus der Stadt „Es fehlt jemand“
Hannover Aus der Stadt „Es fehlt jemand“
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00:21 12.09.2015
Von Gabi Stief
Rita Klindworth (l.) und Astrid Roselieb präsentieren ihre Ausstellung. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Es geschieht jeden Tag, irgendwo. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen durch Selbsttötung - mehr als durch illegale Drogen, Mord, Totschlag und Verkehrsunfälle zusammengenommen. Der kleine Unterschied: Suizid ist ein Thema, über das man nicht spricht. Angehörige schämen sich; Freunde sind verstört. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass nach jedem Selbstmord im Schnitt sechs weitere Personen selbst professionelle Unterstützung brauchen, um den Verlust zu verkraften.

Auch Sabine Rothert, Rita Klindworth und Astrid Roselieb stürzte der Selbstmord eines geliebten Menschen in eine tiefe Krise. Die eine verlor ihre Mutter, die andere ihren Ehemann, die dritte ihren Bruder. Alle drei legten selbst Hand an.

Astrid Roseliebs Bruder starb mit 33 Jahren. 20 Jahre lang hatte er versucht, seine Depressionen mit Hilfe von Psychiatern und Therapeuten in den Griff zu bekommen, bevor er den Kampf aufgab. Sieben Jahre ist das her. „Es fehlt jemand“, sagt die Schwester. „Das wird sich wohl auch nicht ändern.“ Als Angehöriger mache man sich hunderttausend Vorwürfe, obwohl einem rational klar sei, dass man keine Schuld trägt.

Die Wissenschaft weiß noch sehr wenig über die Ursachen für Selbsttötungen. Fest steht: 70 Prozent sind Männer, im Schnitt 57 Jahre alt. In 90 Prozent der Fälle können psychische Erkrankungen, Depressionen, traumatische Erlebnisse oder Angststörungen als Auslöser vermutet werden. Selten äußern die Betroffenen jedoch ihre Suizidgedanken - die Familie trifft der Schicksalsschlag umso härter.

Astrid Roselieb hat es geholfen, in einer Selbsthilfegruppe mit Fremden, die Ähnliches erlebt haben, zu reden. Sabine Rothert hat die Gruppe unter dem Dach des bundesweit tätigen Vereins Agus (Angehörige um Suizid) vor genau zehn Jahren, in Hannover gegründet. Zwei Jahre zuvor hatte sich ihre Mutter, die ebenfalls unter Depressionen litt, mit 57 Jahren das Leben genommen. Rothert hat damals lange nach Erklärungen gesucht. Sie hat Schulfreundinnen der Mutter angerufen, um mehr zu erfahren. Erst im Austausch mit anderen Angehörigen von Suizidopfern hat sie wieder die Kraft zum Leben gefunden. Mittlerweile arbeitet sie in einem Bestattungsunternehmen, wo sie eine eigene Form der Therapie fand, indem sie friedlich Verstorbene und ihre Familien begleitet. Die Angst vor einem neuen Schicksalsschlag ist aber geblieben. „Die Unbeschwertheit ist weg.“

Rothert teilt sich die Vereinsleitung mittlerweile mit Rita Klindworth und Astrid Roselieb. Am heutigen Donnerstag, am WHO-Welt-Suizidpräventionstag, werden sie im Haus der Region eine Ausstellung unter dem Titel „Suizid - keine Trauer wie jede andere“ eröffnen. Sozialdezernent Erwin Jordan wird reden.

Am Abend sind Suizidbetroffene in die Marktkirche eingeladen, um der Verstorbenen zu gedenken. Alle drei haben erlebt, wie einsam es wird, wenn Freunde und Bekannte von einem Selbstmord erfahren. Viele wüssten nicht, wie sie reagieren sollen. Der Rat der Frauen: Der Satz „Ich habe an dich gedacht“ oder eine Umarmung sei sehr hilfreich. Ganz wichtig: Nicht die Straßenseite wechseln, um einer Begegnung auszuweichen!

Die Ausstellung „Suizid - keine Trauer wie jede andere“ wird heute um 17 Uhr im Haus der Region, Hildesheimer Straße 18, eröffnet und ist bis zum 23. September zu sehen. Heute um 19.30 Uhr findet in der Marktkirche eine ökumenische Andacht für Suizidopfer des vergangenen Jahres statt.

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