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Das sagen Hannovers Briten zum Brexit

Europe first! Das sagen Hannovers Briten zum Brexit

Der Brexit wäre eine Katastrophe, sagt Ernie Lack, früherer Offizier der Royal Air Force – und trifft damit die Stimmung der Hannoveraner. Am Donnerstag wird in Großbritannien mit einem Volksentscheid über den Austritt den Landes aus der Europäischen Union entschieden.

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"Wir Engländer glauben immer noch an unser mythenumwobenes Empire": Ernie Lack und seine deutsche Frau Elisabeth hoffen, dass Großbritannien in der EU bleibt. 

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Das sei schon sehr bedauerlich, sagt der Gentleman. Doch leider habe er zu spät erfahren, wie man sich als Auslandsbrite in die Wählerliste für das Brexit-Referendum eintragen kann. Daher kann er an der Abstimmung nicht teilnehmen. Aus seiner Haltung macht Ernie Lack gleichwohl kein Geheimnis: „Ich bin eindeutig gegen den Brexit, der Austritt wäre eine Katastrophe“, sagt der 92-Jährige, der in der Südstadt lebt. „Wir Engländer glauben leider oft immer noch an unser mythenumwobenes Empire, aber that’s difficult.“

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Geboren wurde Ernie Lack in Burma, sein Vater war ein farbiger Mediziner aus Trinidad, er selbst wuchs teils in Edinburgh auf. Lack ist Kind des Empires. „Darauf bin ich auch stolz.“ Doch zur Geschichte seiner Familie gehört nicht nur die Größe der britischen Tradition, sondern auch das Überwinden alter Feindschaften in Europa. Als junger Offizier der Royal Air Force kam Lack gleich nach dem Krieg auf den Fliegerhorst Wunstorf. Dort lernte er seine Frau Elisabeth kennen, eine Deutsche. Ihre Kinder wuchsen zweisprachig auf.

„Unsere Familie hat ganz unterschiedliche Menschen zusammengeführt“, sagt Lack. Sein Bekenntnis zu Europa ist auch sehr persönlicher Natur. Seine Frau sieht das genauso: „Kein vernünftiger Mensch in Europa käme heute noch auf die Idee, Krieg gegen seine Nachbarn zu führen, da hat sich die EU bewährt“, sagt Elisabeth Lack. „Man darf nicht vergessen, dass das nicht selbstverständlich ist.“

Showdown für die Brexit-Entscheidung

Am Donnerstag fällt in Großbritannien die Entscheidung, ob das Land in der Europäischen Union bleiben will oder dem Kontinent den Rücken kehrt. Die Briten führten einen harten Wahlkampf, und wer den Brexit will, der fordert mehr Großbritannien, Eigenständigkeit gegen eine als übermächtig empfundene Brüsseler Bürokratie, mehr Stolz. Hannover hat zahlreiche besondere Verbindungen zur Insel, viele Menschen verfolgen deshalb mit Spannung, was dort geschieht.

Honorarkonsul Gunter Dunkel ist einer von ihnen. Dunkel ist Vorstandschef der Nord/LB, im Ehrenamt aber auch Vertreter für das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland. Als er vor Kurzem in London war, erlebte der Banker erneut, worüber die Nation dort abstimmt. „Es geht nicht um Fakten und nicht um Ökonomie. Es geht um Emotionen und auch um einen Aufstand gegen das Establishment.“ Hierzulande diskutiert man Zahlen. Aber Dunkel hält die Folgen eines möglichen Brexits auf Niedersachsens Wirtschaft für „überschaubar“. Nur knapp ein Zehntel aller Exporte gehe nach Großbritannien. Auch eine Entfremdung fürchtet er nicht, die gemeinsame Geschichte sei stärker. Eine Meinung zum Brexit hat er auch. Er darf sie nur nicht sagen. Er ist Honorarkonsul im Dienste Ihrer Majestät, und das Königreich verlangt Neutralität.

"England gehört zu Europa"

Mit einer parteiischen Sicht auf das Referendum haben Besucher im Shakes­peare am Gutenberghof kein Problem. In der vielleicht englischsten Kneipe der Stadt ist man sich weitgehend einig: „England gehört zu Europa“, sagt Christian Fritsche. Tischnachbarin Katja Foth weist zwar darauf hin, dass man als Europäer nicht mit allem einverstanden sein muss, was in England läuft. „Die Flüchtlingspolitik verurteile ich, alle Länder müssen aufnehmen.“ Trotzdem kann sie sich einen Brexit nicht vorstellen, vor allem nicht als Hannoveranerin. „Wir haben schließlich eine sehr lange gemeinsame Geschichte mit London.“ Und Marc Hohlfeld, dem in der öffentlichen Diskussion drüben die „relativ arrogante Einstellung, alles immer auf Europa zu schieben“, missfällt, ist sicher: „Austreten ist die falsche Entscheidung. England braucht langfristig Europa.“ Und Europa offenbar England.

Shakespeare-Wirt Bernd Rodewald bezieht zahlreiche Getränke über einen Direktimport, etwa das Johannisbeerkonzentrat Ribena Blackcurrent. „Vom Blackcurrent schmeckt nur das Original. Wer weiß, wie schwierig Direktimporte werden, wenn Zollgrenzen bestehen.“

Wie ist die Stimmung in Großbritannien?

Von einer Isolation Großbritanniens war nicht die Rede, als Manuela und Sebastian Damerow im Mai 2012 von Hannover in die schottische Universitätsstadt Dundee zogen. „In den sozialen Medien, auf der Arbeit und unter Bekannten ist Brexit definitiv ein Thema. In unserem Umfeld haben wir aber noch keine Brexit-Unterstützer getroffen“, sagen die Biochemiker. Vor allem seit dem Mord an der Politikerin Jo Cox wirkten die Menschen vereinter und bestimmter gegen einen Austritt. Angst vor einem Austritt aus der EU haben die Damerows aber nicht. „Da wir in einigen Jahren wieder nach Deutschland zurückkehren wollen, würde sich für uns wahrscheinlich nichts ändern.“

Während auf der Insel über Abspaltung gestritten wird, arbeitet das Rathaus weiter an einer alten Liebe. Kulturdezernent Harald Härke ist daran beteiligt: „Bristol ist die älteste Städtepartnerschaft Hannovers. Ein Brexit kann diese vertrauensvolle Freundschaft nicht zerstören. Im Gegenteil: Beide Städte arbeiten auf 2017 hin, wenn wir gemeinsam das 70-jährige Bestehen der Partnerschaft feiern“, sagt er. Nicht unmöglich, dass auf internationaler Ebene zu diesem Zeitpunkt bereits verhandelt wird, wie man voneinander loskommt.

Simon Benne, Conrad von Meding, Gunnar Menkens und Isabell Rollenhagen

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