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Aus der Stadt Das flexible Gewissen des Ex-Genossen Erkan
Hannover Aus der Stadt Das flexible Gewissen des Ex-Genossen Erkan
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00:36 25.05.2018
Mustafa Erkan (rechts) mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Quelle: privat
Hannover

Die jüngste Nachricht, die der ehemalige Sozialdemokrat Mustafa Erkan über die sozialen Medien verkündete, begann so: „Für mich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ich bin sehr stolz darauf, heute von meinem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan als Kandidat für die große türkische Nationalversammlung nominiert worden zu sein... Ich bin hoch motiviert, für meine Heimat Politik zu gestalten und werde weiterhin 100 Prozent geben: Für mein Antalya und für meine Türkei.“ Das war die Nachricht auf Facebook, begleitet von türkischen und deutschen Fahnen.

Handschlag mit Erdogan

Seine Kandidatur unterstreicht ein Foto, das ihn beim demonstrativen Handschlag mit dem Autokraten Erdogan zeigt. Und wenn der Eindruck nicht täuscht, dann ist Mustafa Erkan in diesem Moment tatsächlich ein sehr stolzer Mann, der neben einem sehr mächtigen Mann stehen darf. Erkan, 33 Jahre, hatte keine Trikots als Geschenk dabei, wie neulich die deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Erkans Gabe an den Staatschef ist eine größere: Er ist nun Mitglied der türkischen Regierungspartei AKP. Er ist Erdogans Mann.

Der Politiker ist nicht irgendjemand in der SPD. Eine Wahlperiode lang, von Februar 2013 bis Oktober 2017, saß der Neustädter im niedersächsischen Landtag. „Einer von uns“ war seine Webseite aus dieser Zeit überschrieben. Erkan ließ sich mit Parteigrößen der SPD fotografieren, mit Gerhard Schröder, dessen früherer Frau Doris Schröder-Köpf und dem damaligen Außenminister Sigmar Gabriel. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 zog er ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft über und posierte darin vor dem Landtag. 15 Jahre lang engagierte sich Mustafa Erkan für die SPD, wenngleich mitunter auf eine Weise, die etwa im Ortsverein Neustadt am Rübenberge nicht jedem gefiel. So soll er, um eine interne Wahl zu gewinnen, etwa 60 Menschen mit Migrationshintergrund überzeugt haben, in die Partei einzutreten und für ihn zu stimmen. Viele dieser Mitglieder sollen nun wieder ausgetreten sein.

Loyaler Genosse

In seiner Zeit als Landtagsabgeordneter galt er als loyaler Genosse. Wenn er von seiner Fraktion ans Rednerpult des Landtags geschickt wurde, konnte man sicher sein, dass Erkan die Parteilinie vehement verteidigen würde. Ein Parteisoldat im besten Sinne. Dass er bereits damals gelegentlich mit gemeinsamen Fotos türkischer Politgrößen kokettierte, störte niemanden. Das alles war schließlich vor dem Putschversuch im Juli 2016, der die Türkei tief verstörte – und die Politik in dem Land so nachhaltig veränderte. Und außerdem war auf diesen Bildern neben türkischen Politikern und Erkan auch gelegentlich Schröder zu sehen. Vielen in der Partei galt der frühere Kanzler als Förderer des ehrgeizigen Deutsch-Türken.

Doch dann verlor Erkan eine kleine, aber wichtige Wahl, die nur Routine zu sein schien, und danach veränderte sich alles. Per Münzwurf entschieden Genossen aus Neustadt und Wunstorf, dass Erkan zur jüngsten Landtagswahl nicht wieder antreten durfte. Bald darauf vermeldete der Sozialdemokrat, er arbeite nun als Berater des türkischen Außenministers. In einem Interview mit der „Neuen Presse“ stellte Erkan, der vier Jahre im Herzen des Parlamentarismus mitwirkte, eine gewagte These auf: „Die Türkei ist in bestimmten Fragen demokratischer als Deutschland.“ So werde der Staatspräsident vom Volk gewählt. Und kein Mensch in der Türkei werde willkürlich verhaftet. Journalisten, die im Gefängnis säßen, unterstützten „zum Beispiel terroristische Organisationen“. Im Mai trat Erkan schließlich aus der SPD aus, um im Juni sein politisches Glück in Antalya zu versuchen. Auch die Fotos haben sich geändert. Statt Schröder und Gabriel sieht man nun Erdogan und Außenminister Mevlut Cavusoglu an seiner Seite.

“Er hat sich ein neues Nest gesucht.“

In der SPD haben sie für diesen Seitenwechsel kein Verständnis. Die Erzählung von einem demokratischen Staat, in dem es Menschenrechtsverletzungen nicht gebe, nehmen sie Erkan ohnehin nicht ab. „Er ist ein geltungsbedürftiger Mann, dem es um seine Karriere geht, ausgestattet mit einem sehr flexiblen Gewissen“, sagt ein führender Genosse, ihn wundere diese Entwicklung nicht. Erkans Neustädter Kontrahent Ferdinand Lühring schätzt ihn so ein: „In der SPD kommt er nicht mehr weiter. Da hat er sich ein neues Nest gesucht.“

Auch Mustafa Erkan hat seine frühere politische Heimat nicht vergessen. Zu Pfingsten teilte er auf Twitter aus: „Wer dem Volk seinen beliebtesten Politiker (Außenminister) wegnimmt, muss mit Volkes Retourkutsche auch leben können!“ Er meinte Sigmar Gabriel. Dazu setzte er ein Bild von SPD-Chefin Andrea Nahles.

Von Gunnar Menkens

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