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Aus der Stadt Exilsyrer in Hannover bangen um ihre Familien
Hannover Aus der Stadt Exilsyrer in Hannover bangen um ihre Familien
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19:08 18.03.2012
Beschang Mohamed und seine Landsleute freuen sich über viele Besucher, die sich an ihrem Stand neben der Markthalle informieren. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Dingdang. „Adel, wie geht’s? Gibst du mir noch ‘ne rote Pall Mall? Danke.“

Dingdang. „Hallo Adel. Nur die vier Herri, danke.“

Dingdang. „Adel, wie geht’s dir?“ Danke. Wie soll es schon gehen?

So geht es vorne in Adel Alis Kiosk in Linden-Mitte zu.

Hinten, hinter dem Verkaufsraum, zwischen einer großen Kühltruhe, Lebensmitteln und Fotos, sitzt er in den vielen kleinen Pausen des Kioskalltags auf einem alten Bürostuhl am Computer und schaut im Internet, was in Syrien passiert, seiner Heimat. Hier hinten besteht die Welt aus verbrannten Leichen. Einem Kind mit aufgeschlitztem Gesicht auf einem Foto. Aus Gewalt und Tod. Bis zum nächsten Dingdang, dem Signal seiner Kiosktür.

Adel Ali ist vor 13 Jahren nach Deutschland gekommen. Er wollte nicht länger in Syrien leben, hatte Angst vor dem Assad-Regime. In Linden-Mitte betreibt er den „Lindener Royal“-Kiosk. „In Hannover kann dich nicht einfach jemand erschießen, ohne dass er bestraft wird“, sagt Ali. Deswegen sei er gegangen. „Ich habe Angst um meine Verwandten, meine Freunde, die in Syrien leben“, sagt er. Seine Familie ist aus der Hauptstadt Damaskus in den Norden des Landes gezogen, kurz nach Beginn der Aufstände vor einem Jahr. „Dort ist es etwas sicherer.“ Seine Familie habe alles aufgegeben. „Zum Glück kann ich sie etwas unterstützen.“

Ali hat Angst, dass seine Familie getötet wird. Die Welt dürfe nicht mehr wegschauen, sagt er. „Sie müssen eingreifen, militärisch.“ Das Einfrieren von Konten im Ausland reicht ihm nicht. „Hat Assad hier Geld bei der Sparkasse? Dem gehört das ganze Land Syrien!“

Bis heute, ein Jahr nach den ersten toten Demonstranten, hat es die Weltgemeinschaft nicht geschafft, das Morden in Syrien zu stoppen. „Ich habe schon so vielen Leuten erzählt, was in Syrien passiert“, sagt Ali. Und als eine kleine Pause entsteht, klickt er auf ein neues Video. „Wer macht so etwas?“ Die Bilder und Videos einer Facebookseite und verschiedener Blogs könnten nicht grausamer sein. „Kinder werden mit Messern aufgeschlitzt“, sagt Ali. „Wer macht so etwas?“ Er zündet sich eine Zigarette an, American Spirit.

Neben ihm steht Beschank Mohamed. Der 24-Jährige studiert in Bocholt Internationales Management. In den Semesterferien wohnt und arbeitet er bei Ali in Hannover. Wenn er nicht im Kiosk steht, unterstützt er die Mahnwache der syrischen Revolution in der Karmarschstraße. Aktivisten aus Hannover, einige der etwa 5000 in der Stadt lebenden Syrer, haben vor mehr als sieben Monaten ein Zelt neben der Markthalle aufgestellt, seit Oktober gibt ein weißer Baucontainer Schutz. Die Miete zahlen sie selbst, das angrenzende Wirtschaftsministerium gibt kostenlosen Strom, die Stadt erneuert jeden Monat umstandslos die Genehmigung, die Polizei fragt regelmäßig, ob alles gut ist.

Beschank Mohamed sitzt dort mit anderen Exilsyrern, um zu informieren. „Etwa 50 Menschen kommen jeden Tag hier rein, zeigen ihre Solidarität“, sagt Mohamad Asaad, einer der Sprecher der Initiative. Asaad wohnt seit 17 Jahren in Hannover, mit Freunden hat er den Verein „Syrischer Frühling“ gegründet. Es brodelt in ihm. Alkordi ist vor 16 Jahren nach Hannover gekommen. „Syrien war 49 Jahre lang ein Gefängnis“, sagt er und lässt dabei die Kugeln seiner Gebetskette durch die Finger gleiten. „Seit einem Jahr ist Syrien ein Friedhof.“ Alkordi hat seit drei Wochen nichts von seiner Mutter gehört.

Beschank Mohamed telefoniert regelmäßig mit seiner Familie in Syrien. „Es ist absurd: Ich höre den Lärm von Explosionen oder Schüssen im Hintergrund, aber meine Verwandten sagen nur: alles gut.“ Sie haben Angst, dass das Regime von Machthaber Assad mithört.

Normalität gibt es für die Exilsyrer nicht. „Wir sind immer hier, wenn wir können“, sagt Asaad. Die Aktivisten sammeln Geld und Sachspenden, helfen Syrern bei Behördenfragen, haben auch schon Hilfsmittel nach Syrien geschickt und einen Fernsehbericht über syrische Agenten in Deutschland übersetzt und ins Internet gestellt. Auch arabische Sender haben die Version ausgestrahlt.

„Wir leben in Hannover“, sagt Mohamad Asaad. „Unsere Körper sind hier. Unsere Herzen und unsere Seelen aber sind bei den Menschen in Syrien.“

Gerd Schild

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