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Aus der Stadt Experten fahnden nach Ursache für Stromausfall in Hannover
Hannover Aus der Stadt Experten fahnden nach Ursache für Stromausfall in Hannover
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23:19 14.07.2011
Mindestens mit zum Problem beigetragen hat ein Problem im Umspannwerk neben dem Kraftwerk Mehrum. Quelle: dpa
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Hannover

Eigentlich ist alles doppelt gesichert. Fast jede Umspannstation in Hannover hat zwei separate Zugangspunkte im Hochspannungsnetz, über die bei einem Defekt auf der einen Seite die Stromversorgung über die andere Seite sichergestellt werden kann. Mittwochabend um 22.34 Uhr aber brachen all die komplizierten Sicherungsmechanismen zusammen; wie eine Dominobahn kippte innerhalb von Sekunden eine Umspannstation nach der anderen aus dem hannoverschen 110-Kilovolt-Netz. „Die Spannung war zusammengebrochen, und ohne Spannung kann auch kein Strom fließen“, versucht Stadtwerke-Sprecherin Bianca Bartels sich an einer vereinfachten Darstellung des komplizierten Vorgangs.

Normalerweise wird im Stromnetz der Stadtwerke mehr elektrische Energie hergestellt als verbraucht wird. Die Überschüsse verkauft enercity an der Strombörse. Mittwochabend aber kam es zu einer Doppelpanne: Im Gemeinschaftskraftwerk Stöcken (gehört enercity, VW Nutzfahrzeuge und Continental) fiel wegen eines Defekts einer der beiden Kraftwerksblöcke aus. Fast zeitgleich gab es ein Problem im Umspannwerk neben dem Kraftwerk Mehrum (Kreis Peine, gehört zu enercity). Ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Pannen gab, wird noch untersucht. Jedenfalls war damit plötzlich zu wenig eigener Strom im Netz und zugleich die einzige geöffnete Verbindung ins europäische Höchstspannungsnetz (bis zu 380 Kilovolt) gekappt. Wer genau aufgepasst hat, konnte registrieren, wie sich das Netz kurz aufgebäumt hat: Es gab einen Sekundenausfall, dann war kurz wieder Strom da, und eine weitere Sekunde später lag ganz Hannover im Dunkeln.

In der Leitzentrale der Stadtwerke dürfte hektisches Treiben eingesetzt haben. Nach dem Ausfall der Außenverbindung Mehrum schaltete das Unternehmen zwei „alternative Netzkupplungen“: Erst bei Wülferode, dann bei Stöcken wurden Zugänge ins Europanetz geöffnet. So kam es, dass bereits neun Minuten nach dem Stromausfall, also um 22.43 Uhr, das Umspannwerk Wülferode (versorgt Wülferode und Bemerode) wieder ans Netz ging. Fast zeitgleich flammten die ersten Lichter in Wülfel, Mittelfeld, Döhren, Seelhorst, Bemerode-West auf. Nach 18 weiteren Minuten stand die Europaleitung im Norden, und die Stadtwerke nahmen erst Burg, Herrenhausen, Leinhausen und Stöcken und dann Linden, Calenberger Neustadt und Nordstadt wieder in die Stromversorgung auf. Am längsten dauerte der Blackout mit einer Stunde und 21 Minuten in den Stadtteilen List, Sahlkamp und Vahrenheide.

  • Ausfälle bei Ampeln: Bei 20 von insgesamt 500 hannoverschen Ampelanlagen funktionierte nach dem Ausfall die automatische Rückkehr in den Normalbetrieb nicht mehr. Fachfirmen werkelten noch am Donnerstag an den Systemen.
  • Staunen über Straßenbeleuchtung: In einigen Straßenzügen bot sich nach dem Wiederhochfahren des Stroms ein erstaunliches Bild, etwa in der List. Dort funktionierten zwar die an Hauswänden aufgehängten Leuchten, die auf Masten installierten Standleuchten aber nicht. Mitnichten seien dort unterschiedliche Leitungsnetze in Betrieb, beschwichtigt Stadtwerke-Sprecherin Bartels. Zum Einschalten der Beleuchtungen müssten aber bestimmte Impulse ins Netz gesetzt werden, die möglicherweise nicht überall zeitnah erfolgt seien.
  • Werbung leuchtete weiter: Erstaunen gab es auch, dass zum Beispiel die Großflächenwerbung am Bredero-Hochhaus durchgehend beleuchtet war – sie ist offenkundig an die Notversorgung des Gebäudes angeschlossen. Auch die Grundschule am Lindener Markt war zwar leer, aber dauerbeleuchtet – sie gilt als Evakuierungsraum in Katastrophenfällen. So weit aber kam es in der Nacht zum Donnerstag in Hannover nicht. „Hannover ist glimpflich davongekommen“, kommentierte Oberbürgermeister Stephan Weil gestern: Stadtwerke, Feuerwehr und Polizei hätten „gut reagiert und die Lage schnell in den Griff bekommen“.

Stärker als andere waren die großen Industriebetriebe Hannovers von dem Blackout betroffen, weil die energieintensiven Produktionsanlagen nicht mit Notstromaggregaten betrieben werden können. Außerdem dauert das Wiederanfahren der Maschinen länger.

Bei VW Nutzfahrzeuge in Stöcken standen die Bänder zweieinhalb Stunden lang still, normalerweise werden in diesem Zeitraum etwa 100 Fahrzeuge produziert. Bei der Conti stoppte der Blackout die Produktion in Vinnhorst und Vahrenwald sowie im Mischsaal im Werk Stöcken, wo Kautschuk verarbeitet wird. „Wir konnten erst gegen 10 Uhr am Donnerstag die letzte Anlage wieder in Betrieb nehmen“, sagt Sprecherin Antje Lewe. Im Druckzentrum der Mediengruppe Madsack in Kirchrode war nach Angaben des technischen Leiters Uwe Dörries die Rotationsmaschine betroffen, auf der die HAZ gedruckt wird. „Wir haben gegen 1 Uhr und damit zwei Stunden später als üblich angefangen.“ Größtenteils seien die Zeitverluste aber aufgeholt und die Zeitungen pünktlich ausgeliefert worden.

  • Krankenhäuser: In der MHH und den Regionskliniken liefen Notstromaggregate bis zum frühen Morgen, obwohl der Strom im Stadtgebiet bereits vorher verfügbar war. „Eine Vorsichtsmaßnahme für unser mit 1457 Patienten voll belegtes Haus“, sagte Hans Adams, der Leiter Katastrophenschutz und Notfallmedizin an der MHH. Vermeintlicher Brandgeruch löste einen Großeinsatz der Feuerwehr aus – zum Glück war es ein Fehlalarm. In der Notaufnahme des Nordstadtkrankenhauses musste eine Patientin mit Herz-Kreislauf-Stillstand reanimiert werden, während die Notstromaggregate liefen. „Auch dabei ergaben sich keinerlei Komplikationen“, erklärte Sprecher Bernhard Koch.
  • Bahnverkehr: Fernzüge und S-Bahnen konnten fahren, weil die Bahn eine eigene Stromversorgung für ihre Oberleitungen hat. Das Licht im Hauptbahnhof blieb dank Notstromversorgung an. Bei der Üstra fiel der Fahrstrom aus. „Unsere Fahrer haben die Bahnen in den Tunneln so ausrollen lassen, dass sie die Stationen erreichten. Wir mussten nicht evakuieren“, teilte das Unternehmen mit. Betriebsleitstelle und unterirdische Beleuchtung seien am Laufen gehalten worden. Die Linien 4, 5 und 6 konnten gegen 23.30 Uhr wieder fahren, einige andere erst zum Frühverkehr.
  • Flughafen: Zu Flugausfällen kam es nicht. Im Terminal C lief nur eine Notbeleuchtung. In einem der Parkhäuser funktionierte die Schranke nicht und wurde schließlich abgebaut, damit zehn Autofahrer herausfahren konnten.
  • Sparkassen und Banken: Geldautomaten versagten für eine halbe Stunde den Dienst. Ausnahme waren einige Geräte der Sparkasse in der Innenstadt, weil sie eine separate Stromversorgung haben.

Bernd Haase, Tobias Morchner, Conrad von Meding

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