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Wer sein Rad liebt, nimmt es mit in die Wohnung

Fahrrad-Kultur Wer sein Rad liebt, nimmt es mit in die Wohnung

Immer öfter finden Fahrräder vor dem Bücherregal statt auf dem Bordstein einen Platz. „Das zeigt, dass sich viele Leute ein Fahrrad wegen des Prestiges kaufen“, sagt Ralph Bastian, Besitzer des Fahrradgeschäft Radkontakt. Für ihr Prestigeobjekt geben Hannoveraner gern ein bisschen mehr aus.

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Das Rad kommt mit rauf: Dass sich schicke Fahrräder nicht nur auf der Straße sehen lassen können, weiß auch Radverkäufer Ralph Bastian.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Wer sein Fahrrad liebt, nimmt es mit in die Wohnung. Dort steht es dann im Wohnzimmer zwischen Bücherregal, Stehlampe, Sofa und Schreibtisch. Das hat zwei Gründe. Erstens ist das Rad in der Wohnung womöglich sicherer, als für jedermann zugänglich angekettet an einer Straßenlaterne. Zweitens: Das Fahrrad ist ein Statussymbol geworden.

„Man sieht das oft in der Werbung. Ob das nun Plakate oder Zeitschriften sind - häufig steht ein Fahrrad in der Wohnung rum“, sagt Ralph Bastian. Der 48-Jährige besitzt das Fahrradgeschäft Radkontakt in Linden-Nord und weiß daher um die Bedürfnisse der Radfahrer in Hannover. Dass ein Fahrrad inzwischen auch zur Zierde im eigenen Heim steht, „zeigt, dass sich viele Leute ein Fahrrad wegen des Prestiges kaufen“, sagt Bastian. Auch Bastian trägt sein Fahrrad durchs Treppenhaus in seine Wohnung. Ist ja schließlich auch ein Designerstück. „Es gibt schöne Fahrräder aus den Achtzigern“, schwärmt er. „So ein Eddy Merckx oder so einen Italiener, die würde ich mir auch hinstellen und gar nicht damit fahren“, sagt er. „Also, es ist schon ein bisschen Herzblut dabei.“

Hohes Diebstahlrisiko 
in Hannover

Überdurchschnittlich hoch ist in Hannover das Risiko, Opfer eines Fahrraddiebstahls zu werden. Das geht aus Zahlen des Bundeskriminalamts hervor. Im vergangenen Jahr hat es in der Stadt 4776 Fahrraddiebstähle gegeben. Das sind, gerechnet pro 100 000 Einwohner, 912 Diebstähle – und damit 44 Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt. Damit gilt die Stadt als eine der 30 deutschen Städte mit dem höchsten Diebstahlrisiko. An der Spitze der Liste steht Münster: Die kleine Uni-Stadt mit dem hohen Radverkehrsanteil verzeichnete mit 5193 Fahrraddiebstählen sogar absolut gesehen mehr als Hannover. Gemessen an der Bevölkerung sind es 1719 Diebstähle pro 100 000 Einwohner und damit 171 Prozent des Bundesdurchschnitts.
Die Aufklärungsquote beträgt in Münster nur 7,5 Prozent – in Hannover sind es immerhin 12,8 Prozent. Deutlich besser ist die Aufklärungsquote etwa in Wolfsburg mit 22,5 Prozent – dort hat die Polizei aber mit 389 Diebstählen pro 100 000 Einwohnern (insgesamt: 479) deutlich weniger zu tun.
Die sicherste Radfahrerstadt ist den Zahlen zufolge das nordrhein-westfälische Remscheid. Dort wurden 2015 nur 50 Räder gestohlen, das sind auf 100 000 Einwohner gerechnet 46 Räder (Aufklärungsquote: 10 Prozent). Exakt im Bundesdurchschnitt dagegen liegt Oldenburg. 1265 Räder pro 100 000 Einwohnern wurden dort gestohlen.

Von Conrad von Meding

Eigentlich ist das Fahrrad ein simples Fahrzeug. Doch drum herum hat sich eine komplexe Wissenschaft entwickelt, in technischer wie optischer Hinsicht. „Je mehr man weiß, desto schöner ist das dann auch“, meint Bastian. Das zeigt allein die Bandbreite an Modellen und Ausstattung. Beim bundesweit vertretenen Radgeschäft B.O.C. sieht man mit 41 Prozent Wachstum die größte Nachfrage in Hannover bei Rennrädern, dicht gefolgt von den motorisierten Pedelecs mit 30 Prozent mehr Verkäufen. Zudem sei die Nachfrage nach City- und Hollandrädern ungebrochen - lediglich Mountainbikes seien inzwischen weniger nachgefragt. Die wachsende Vielfalt in der hannoverschen Radkultur beobachtet Bastian seit etwa sechs Jahren. „Man sieht es ja auf den Straßen, was hier so alles rumfährt“, sagt der passionierte Radfahrer.

In seinem Geschäft steht die Individualität hoch im Kurs. „Es gibt einige Kunden, die noch nie ein Fahrrad gekauft haben und jetzt einmal investieren wollen“, sagt er. „Der Weg zum richtigen Fahrzeug ist aber manchmal nicht so einfach.“ Viel sei zu bedenken: Wie groß soll der Rahmen sein? Lohnt sich ein teurer Sattel? Wann ist eine Naben- oder Kettenschaltung sinnvoll? Und welcher Radlertyp ist ein Kunde überhaupt? Wenn das Rad zu seinem Fahrer passen soll, geht der Griff in die Tasche schon mal etwas tiefer. „Das machen auch viele“, sagt Bastian - denn immer mehr Hannoveraner entschieden sich gegen ein Auto und für ein Fahrrad.

Fahrrad ist nicht gleich Fahrrad: Je nachdem, in welchem Terrain man unterwegs ist, ist ein spezielles Modell gefragt.

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Überhaupt: Das Verhältnis von Fahrrad- und Autofahrern. Das ist auch das vorherrschenden Thema, über das in Bastians Laden gesprochen wird. „Ich bekomme jede Woche zwei oder drei Fahrräder mit einem Unfallschaden rein“, berichtet er. Grund sei oft die Unaufmerksamkeit der Autofahrer. „Wenn man zehn Kilometer mit dem Rad durch die Stadt fährt, hat man mindestens drei Beinahe-Unfälle. Das macht schon ein bisschen Angst“, sagt der 48-Jährige. Dabei wolle er die Fahrradfahrer nicht in den Himmel loben: Durch die wachsende Anzahl von Radfahrern auf den Straßen sei die Verkehrssituation für Autofahrer oft schwer zu überblicken. „Aber da muss es dann vielleicht andere Verkehrskonzepte geben“ - klar, so ein Satz geht einem Fahrradhändler leicht über die Lippen. Die Lange Laube als Straße mit Vorrang für Radler sei ein Anfang, aber sicher noch nicht die letzte Lösung. Auch Toleranz im Straßenverkehr vermisst der Fahrradverkäufer. „Könnte jeder ein bisschen mehr von haben. Nicht nur auf der Straße, sondern überall.“

Dass ein Fahrrad seiner Kunden gestohlen worden sei, habe er in den fünfeinhalb Jahren, die er nun sein Fahrradgeschäft führt, hingegen nicht gehört. Dabei stechen die Zweiräder optisch zwischen den Massenprodukten hervor und sind oft mit kostspieligen Teilen ausgestattet. Das Ausbleiben der Diebstähle begründet Bastian ebenfalls mit dem individuellen Design. „Ein Profi würde nicht so dumm sein, ein Einzelstück zu klauen“, sagt Bastian - es sei denn, er baue das Rad auseinander und verkaufe die Einzelteile. Das ist jedoch mit Mühe verbunden. Vielleicht ist es aber auch ein anderer Umstand, der den Dieben die Tour vermiest: Wer sein Fahrrad liebt, nimmt es mit in die Wohnung.

Von Nils Oehlschläger

Interview: „Auch der Eisverkäufer hat im Winter wenig zu tun“

Nachgefragt bei Ingo 
Kloppmann von ATB Sport an der Marienstraße.

Herr Kloppmann, selbst mit einer Kleinstreparatur wie einem zu flickenden Reifen gibt es im Fahrradfachgeschäft derzeit bis zu 14 Tage Wartezeit. Geht es der Branche zu gut?
Naja, der Eisverkäufer hat im Winter auch weniger zu tun als im Sommer, sagt man bei uns in der Branche. Aber im Ernst: Ja, wir haben gut zu tun. Die zu reparierenden Kundenräder stehen bei uns bis weit in den Verkaufsraum.

Gefühlt werden die Fahrräder ja immer teurer. Werden sie zugleich immer reparaturanfälliger?
Schon die Voraussetzung der Frage stimmt nicht. Ich habe vor 25 Jahren hier im Geschäft angefangen, und seitdem sind die Räder, gemessen an der Qualität, inflationsbereinigt nicht teurer geworden.

Aber ich bekomme im Fachgeschäft doch kaum noch ein Rad unter 699 Euro – und dann sind oft nicht einmal Leuchten und Schutzbleche dabei ...
Wir sprechen jetzt ja nicht über spezielle Mountainbikes, sondern über den Radtyp, den 80 Prozent der Bevölkerung fahren: das Trekkingrad. Für solch ein gutes, stabiles Alltagsrad hat man in den Achtzigerjahren umgerechnet 800 Euro bezahlt, und das kostet es heute auch noch. Die an dem Rad verbaute Technik allerdings ist deutlich besser geworden. Allein die Gangschaltungen sind viel weniger anfällig als damals, die Felgen sind verbessert, die Leuchttechnik ist deutlich besser geworden.

Aber dann dürften bei Ihnen doch nicht so viele Räder zur Reparatur herumstehen?
Ich denke, der Grund ist ein anderer. Vielen Menschen fehlt es an der Zeit, sich intensiv um ihr Rad zu kümmern. Viele nutzen es im Sommer, stellen es im Herbst in den Keller – und wenn wieder Sommer wird, merken sie erstaunt, dass vieles nicht mehr funktioniert. Und dann werden wir von Reparaturanfragen überrollt.

Ist es nur die fehlende Zeit? Oder fehlt den Leuten auch der Bezug dazu, ihr Rad noch selbst zu reparieren? Früher hat man so etwas meist vom Vater gelernt und an die eigenen Kinder weitergegeben...
Also, ich habe es von meiner Großmutter gelernt, aber im Kern stimmt das: Es gibt zwar einerseits die echten Radbegeisterten, die alles selbst machen und jede Schraube am Rad persönlich kennen, aber inzwischen auch eine große Mehrheit, die nie selbst Hand anlegt. Ob aus Zeitgründen oder weil sie es nie gelernt haben, das weiß ich nicht.

Was ist denn der häufigste Fehler, den die Leute im Umgang mit ihrem Rad machen?
Zu wenig Luftdruck. Früher hat man ein Rad aufgepumpt, und der Druck hielt die gesamte Saison. Heute stellt die Industrie aus Gewichtsgründen Schläuche her, die den Luftdruck nicht mehr so gut halten, da muss man mindestens alle drei bis vier Wochen nachpumpen. Und zwar mit hohem Druck: 28-Zoll-Fahrradreifen brauchen 4,54 bis 5 Bar, Rennreifen teils noch mehr. Also doppelt so viel wie ein normaler Autoreifen. Wenn zu wenig Druck drauf ist, verschleißen die Reifen. Außerdem ist hoher Druck gut, damit nicht jede Scherbe auf dem Weg ein Loch im Reifen produziert. Die Leute investieren extrem viel Geld in angeblich pannensichere Reifen – dabei würde mehr Luftdruck den gleichen Effekt erzeugen.

Interview: Conrad von Meding

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