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Falsche Polizisten stehlen Senioren 140.000 Euro

Prozess gegen Räuberbande Falsche Polizisten stehlen Senioren 140.000 Euro

Die Schilderungen der Seniorinnen im Gerichtssaal sind herzzerreißend. Sie sind Betrügern auf den Leim gegangen, die sich am Telefon als Polizeibeamte ausgaben. Einige der betagten Opfer aus der Region Hannover - die älteste Frau ist 97 Jahre alt - haben der Bande all ihre Ersparnisse ausgehändigt. Und Schmuck.

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Betrüger gaben sich als Polizisten aus und brachten hannoversche Senioren um Tausende Euro.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Sie glaubten, die Polizisten würden ihre Wertsachen in Sicherheit bringen, vor einer Räuberbande aus Osteuropa. Aber die Polizisten waren eben keine Polizisten. Sie waren selbst die Räuberbande.

Seit gut zwei Monaten müssen sich fünf Angeklagte vor dem Landgericht wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs verantworten. Ein sechster Mann wurde am Donnerstag freigesprochen - es lag eine Verwechslung vor. Zwölf Straftaten aus August und September 2014 sind in Hannover angeklagt, die Gesamt-Schadenssumme liegt bei rund 140 000 Euro. Die Dunkelziffer ist wohl deutlich höher, doch schämen sich viele Opfer so sehr für ihre Leichtgläubigkeit, dass sie den Betrug nicht anzeigen. Eine Rentnerin aus der Region händigte den Gangstern sogar Wertsachen im Wert von 44 000 Euro aus - der Verlust riss ihr den Boden unter den Füßen weg.

Hildegard und Hannelore, Gudrun und Gertrud: Die Trickdiebe konnten bei der Wahl ihrer Opfer von den - althergebrachten - Vornamen auf das Alter der Frauen schließen. Um mögliches Misstrauen zu zerstreuen, bedienten sie sich des „Spoofings“, des Vortäuschens einer anderen Identität. Auf den Telefondisplays der Frauen erschien der Notruf 110 oder die Nummer einer hannoverschen Polizeidienststelle. Rief eine argwöhnische Seniorin zurück, meldeten sich die gleichen Kriminalbeamten wie zuvor - und die Anruferin war beruhigt. Dass die vorgeblichen Polizisten am anderen Ende der Leitung Betrüger waren und im türkischen Izmir saßen, ahnten die Opfer nicht. Eine 79-Jährige aus Kleefeld schilderte der 12. Großen Strafkammer unter Vorsitz von Michael Schweigert, wie sie hinters Licht geführt wurde.

Das Telefon klingelt. Am Apparat ist eine Frau Graf, „Kripo Hannover. Sind Sie Frau S.? Einen Moment, ich verbinde mit Kriminaloberkommissar Hoppe.“ Dieser redet auf Frau S. ein. Mehr als zwei Stunden lang, im Wechsel mit Frau Graf. „Haben Sie Geld und Schmuck im Haus? Das müssen Sie in Sicherheit bringen, so schnell wie möglich.“ Detailliert soll die 79-Jährige ihre Besitztümer beschreiben. Eine Räuberbande sei in Kleefeld unterwegs. Schließlich ist Frau S. „weichgekocht“. Packt Geld und Goldschmuck in eine Schatulle und deponiert sie zunächst in der Waschmaschine, dann vor der Haustür. Sie vertraut dem Versprechen, dass sie ihre Wertsachen in wenigen Tagen zurückbekommt. Wenn die osteuropäische Bande gefasst ist.

Frau S. wird eingeschärft, nicht aus dem Fenster zu gucken. Sie tut es doch und sieht, wie sich ein Mann den Karton schnappt und verschwindet. Wie ein Polizist wirkt er nicht. Das Telefon klingelt erneut. Fahrzeugbrief und Bankauszüge würden fehlen, mahnt die bekannte Stimme. Jetzt gewinnt der Argwohn die Oberhand. Die Frau geht zu ihrer Bank, erzählt, was sie erlebt hat. Dann kommt die Polizei, die echte. Bei ihrer Vernehmung auf dem Revier passiert Unglaubliches: „Kriminaloberkommissar Hoppe“ ruft auf ihrem Handy an: „Warum haben Sie die Rolex nicht in den Karton getan?“ Insgesamt verliert S. rund 11 000 Euro. Und viele Erinnerungen. Eine andere betagte Zeugin berichtet dem Gericht, dass sie den Betrügern das Geld ausgehändigt hat, mit dem die Nachkommen ihr Begräbnis bezahlen sollten. Sie weint.

Auf der Anklagebank sitzen Erhan K. (28), Erhan C. (28), Sabri C. (31), Mustafa B. (33) und Sven N. (33). Einige bringen schon eine gehörige Zahl von Vorstrafen mit in diesen Prozess, drei von ihnen sind geständig. Auch im Raum Pforzheim waren die Betrüger im Vorjahr aktiv; drei Frauen aus der Bande wurden vom Landgericht Karlsruhe bereits zu Haftstrafen von anderthalb und zwei Jahren (mit Bewährung) sowie vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Der Drahtzieher des Telefonbetrugs aber läuft noch frei herum - in der Türkei.

Täuschung mit Telefonnummern

Falsche Fährten: Mit dem sogenannten „Call-ID-Spoofing“ versuchen Trickbetrüger ihren Opfern vorzugaukeln, dass diese mit einem Anwalt, Polizisten oder Bankangestellten sprechen. Auf Basis der Internettelefonie wird die eigentliche Rufnummer des Betrügers unterdrückt, stattdessen taucht auf dem Display eine Nummer von Polizei oder Bank auf. Ruft ein misstrauischer Adressat eine solch vorgetäuschte „Voice-over-IP“-Nummer zurück, landet er wieder bei dem Kriminellen; dieser verschleiert seinen wahren Standort und gibt sich zugleich den Anschein von Seriosität. Experten gehen davon aus, dass durch Spoofing allein im deutschsprachigen Raum bereits weit über 50 Millionen Euro ergaunert wurden. Die Polizei rät dringend dazu, am Telefon niemals persönliche Daten herauszugeben.

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