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Aus der Stadt Picknick ohne Plastik ist kein Zuckerschlecken
Hannover Aus der Stadt Picknick ohne Plastik ist kein Zuckerschlecken
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00:15 13.06.2018
Von Michael Zgoll
Das Weißbrot steckt im Stoffbeutel, Obst und Gemüse gibt's auch ohne Zellophan zu kaufen, und Wasser aus der Glasflasche schmeckt immer. Quelle: Zgoll
Hannover/Nordstemmen

​Es ist ein Experiment. Picknick ohne Plastik. Ganz ohne Plastik? Geht natürlich nicht. Aber mit so wenig Ex-und-hopp-Kunststoff wie möglich. Wenigstens das. Vier Familien treffen sich jedes Jahr zum Camping-Wochenende nahe der Marienburg, an einem der vielen Teiche neben Leine und Nordstemmen. Dieses Jahr haben sich die in Hannover, Laatzen und Pattensen lebenden Freunde vorgenommen, anders einzukaufen. Für Frühstück, Grillabend und Pausensnack soll so wenig Plastik wie möglich verbraucht werden. Vorläufiges Fazit? Wer auch diese ökologische Nische besetzen und sich umweltpolitisch korrekt verhalten will, muss für den Einkauf mehr Zeit und Geld als gewöhnlich aufwenden. Stößt immer wieder auf Hindernisse. Und darf sich doch über so manches Erfolgserlebnis freuen.

Vier Familien versuchen, beim Picknick auf Plastik zu verzichten.

Die Bilder von Walen, die an Plastiktüten gestorben sind, die Berichte über gigantische Kunststoffstrudel und Massen von Mikroplastik in den Weltmeeren oder Reportagen über grenzüberschreitenden Mülltourismus – sie haben die Familien aus der Region Hannover aufgeschreckt. Und aufgerüttelt. „Es ist unvorstellbar, wie viel Plastik in den vergangenen hundert Jahren produziert worden ist und wie langlebig dieses Zeug ist“, meint Julia Bress (41). Und weil die Mühlen einer ökologisch orientierten Politik oft unendlich langsam mahlen, will der Freundeskreis  mit gutem Beispiel vorangehen. Wollen die Camper, die ihre Brötchen als Verwaltungsfachmann, Redakteurin, Projektmanagerin oder Computerspezialist verdienen, schon mal im Kleinen beginnen. „Nach unseren früheren Treffen haben wir immer drei große mit Plastikmüll gefüllte Säcke nach Hause genommen“, erzählt Andreas Bress (49). Das soll in diesem Juni anders enden.

Brot ist einfach, Käse ist Käse

Brot ist einfach. Brot gibt’s bei jedem Bäcker lose. Und statt des geschnittenen Toastbrots in Zellophan wird dieses Mal ein Kastenweißbrot aufgetischt. Frisch aus der Stofftasche. Komplizierter hatte sich der Einkauf von Wurstwaren gestaltet. Wären Sie so nett, mir die Bratwürstchen in meine Tupperschale zu packen? Die Fleischereifachverkäuferin macht’s möglich, aber nur auf der Kundenseite des Tresens. Die Betriebe sind verantwortlich für die hygienischen Zustände in ihren Läden, und darum scheuen viele davor zurück, ein möglicherweise keimbelastetes Behältnis auf ihrer Arbeitsfläche zu platzieren. Bastian Kaminiarz ist beim Einkaufen auf ein ganz anderes Problem gestoßen: „Mein Bio-Bauer auf dem Lindener Markt, von dessen Produkten ich total überzeugt bin, verkauft seine Bratwürstchen nur in eingeschweißten Gebinden.“ Also hat ihn der 42-Jährige gefragt, ob das nicht auch anders geht. Die Antwort: Das sei schwierig.

Käse. Ist Käse. Rein verpackungstechnisch. Zwischen geschnittenen Scheiben liegen Kunststofftrenner, das Einwickelpapier ist innen beschichtet. Und der Käselaib im Supermarkt, von dem die Verkäuferin Stück für Stück absäbelt, wird jedes Mal in neues Zellophan gehüllt. Aus hygienischen Gründen. Und dann ist die Ware am Tresen oft auch deutlich teurer. „Für sieben Scheiben Heumilchkäse zahle ich an der Frischetheke 4,65 Euro, abgepackt kostet eine ähnliche Menge weniger als zwei Euro“, berichtet Julia Bress.

Die Erfahrung, dass lose Ware teurer ist als in Gebinden verpackte, haben alle schon gemacht: bei Äpfeln, Tomaten, Milch oder Nüssen. Einer aus der Freundesrunde hat es geschafft, im Supermarkt die kleinen Kunststofftütchen, in die man Obst und Gemüse packen soll, links liegen zu lassen: Er legte die Ware in eine Kiste  und klebte die Etiketten mit den Preisen auf den Rand. Die Kassiererin, erzählt er, habe das toll gefunden. Doch sind Läden, die den verpackungsfreien Verkauf von Lebensmitteln zum  Geschäftsmodell erkoren haben, keineswegs Selbstläufer. In der Nordstadt, wissen die Picknicker, hat ein solcher Shop schon wieder dicht gemacht. In der Südstadt allerdings arbeitet ein Lose-Laden inzwischen so erfolgreich, dass der Chef eine Filiale  aufmachen will. In Linden.

Eis in der Waffel

Lautes Gebimmel schallt über das lauschige Ufergrundstück am Badesee. Der Eiswagen kommt. Und die Eltern nehmen ihren Erziehungsauftrag ernst: Die Kinder werden angehalten, ihre Kugeln in der Waffel zu kaufen, nicht im Plastikbecher. Überhaupt sind Chips, Schokolade und Süßkram verpönt an diesem Wochenende, den kleinen Hunger zwischendurch stillen Stockbrot und Nüsse, Äpfel und Bananen. „Und die Kinder haben nicht gemeckert“, versichert Julia Bress. Eine ökologisch vertretbare Alternative zu Gummibärchen und Co. in all den großen und kleinen Plastikbeuteln, überlegt Swantje Puin, sei ja vielleicht die bunte Tüte vom Kiosk. Vier Teufel, drei Schnecken und zwei Salino, liebevoll versenkt in der Spitztüte: So könnte man ein Relikt aus Kindertagen unter ganz neuen Vorzeichen wiederbeleben.

Sind Pfandflaschen vertretbar?

Angesichts einer mit Mineralwasser gefüllten PET-Flasche auf dem Tisch entwickelt sich eine lebhafte Debatte. Der eine hält Kunststoff, zur Pfandflasche verarbeitet, für vertretbar, der andere nicht: Schließlich könne man praktisch alle Getränke in Glasgebinden kaufen. Einig ist  sich die Runde, dass die viele Jahre nutzbare Tupperdose statthaft ist. Dass  jegliches Kunststoffprodukt, das Teil einer Kreislaufwirtschaft wird und nicht gleich wieder auf dem Müll landet, eine Chance verdient – anders als Einwegverpackungen wie Tetrapack, Yoghurtbecher oder Plastikbesteck. Andreas Bress bringt neuerdings zum Marktstand, wo er seinen geliebten Backfisch verzehrt, Messer und Gabel aus Edelstahl mit, Swantje Puin lässt sich die Köstlichkeiten der Salatbar in die eigens mitgebrachte Schale füllen.

„In vielen Bereichen können wir Kunden die Welt aber sicher nicht alleine retten, da braucht es schon gesetzliche Regelungen“, gibt Bastian Kaminiarz zu bedenken. Doch wenngleich ihm hier niemand widerspricht – die Familien sind sich einig, dass ihr Experiment eines plastikfreien Einkaufs  ein Erfolg war. Und weitergehen wollen sie diesen Weg der Müllvermeidung nun auch, trotz aller Beschwernisse, im Alltag wie bei feuchtfröhlichen Treffen an Badeseen.

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