Für manchen Hannoveraner ist die Karnevalszeit, die bei den Narren „Session“ heißt, ein wenig befremdlich: Da steigen sonst so seriöse Rechtsanwälte, Verkäufer, Busfahrer oder Sozialpädagogen in bunte Kostüme, setzen sich rote Pappnasen auf und sind plötzlich bester Laune. Gaby Buntrock ist so eine norddeutsche Exotin. Einmal im Jahr nimmt sie sich eine Auszeit von ihrem Beruf als Industriekauffrau und widmet sich für einige Tage Büttenreden, Prunksitzungen, Faschingsfesten, dem großen Karnevalsumzug und all den anderen Ritualen, die fest dazu gehören zum Karneval. Schon zum zweiten Mal in Folge war sie es, die Ministerpräsident Christian Wulff zur Weiberfastnacht die Krawatte abschneiden durfte.
Die Faschingszeit, sagt die 48-Jährige aus Wettbergen, sei für sie die „beste Zeit des Jahres“. Der Zufall hatte sie vor vielen Jahren sanft in diese Richtung gelenkt. Damals, es war noch in der Grundschule, teilte sich Buntrock eine Bank mit Regina Argendorf, der Tochter des damaligen Präsidenten der Lindener Narren. „Ich habe sie für den Fasching und das Tanzen bewundert und bin dann einfach mal mitgegangen.“ Es ging Buntrock dabei wie vielen der 5000 Karnevalisten: Über das Gardetanzen, das mit all seinen Verbiegungen einem Hochleistungssport gleichkommt, fand sie den Einstieg in die gut gelaunte – und offenkundig auch sehr geborgene – Welt des Karnevals. „Ich war zweimal da und bin dann einfach dabeigeblieben“, sagt sie. Wenige Monate später gehörte Gaby Buntrock dann richtig dazu. „Der Mitgliedsausweis lag an meinem Geburtstag auf dem Gabentisch.“
Die zahlreichen Erinnerungsstücke, die in ihrer stilvoll eingerichteten Wohnung an den Wänden hängen, erzählen die weitere Geschichte: Nach ihrer Zeit in der Kindergarde und der Juniorgarde folgte die Prinzenehrengarde, später tanzte Buntrock in einer Showtanzgruppe und leitete die Jugendtanzsparte. Heute ist sie Schatzmeisterin und Präsidiumsmitglied des Vereins. Wenn etwa zur Weiberfastnacht die Gäste kommen, muss sie die Kasse und die Abrechnung verwalten. Noch dazu ist sie die „letzte Frau“: Sie darf bestimmen, wann in der Veranstaltungshalle „Narhalla“ das Licht ausgeht. Zuvor steht die 48-Jährige noch auf der Bühne, aber nicht mehr als Tänzerin, sondern in einer Comedygruppe, die Sketche aufführt. Denn auch das gehört zum Leben eines Karnevalisten: Mit Mitte 30 ist für die Tänzerinnen die Karriere beendet. Die Mitgliedschaft im Verein aber kann sehr viel länger dauern: In den 17 hannoverschen Karnevalsvereinen gibt es Narren von drei bis 99 Jahren.
Nachwuchssorgen wie manch andere Vereine haben die Karnevalisten nicht. Lediglich bei den mittleren Altersgruppen, den 30- bis 50-Jährigen, gebe es derzeit „einen Knick“, sagt Angela Günther, Präsidentin des Komitees Hannoverscher Karneval, das sich als Dachverband für die Mehrzahl der Faschingsvereine in der Stadt versteht. Sie kennt sie alle: Eugenesen, Alt-Herrencorps, Funken-Garden, Blau-Weiße oder Grün-Weiße. Da gibt es einige Vereine, die sich mit „Alaaf“ grüßen, die meisten rufen aber das für Hannover festgeschriebene „Helau“, das vermutlich eine Abwandlung eines einfachen „Hallo“ ist.
„Der Karneval kommt bei den Hannoveranern von Herzen“, sagt Günther mit Nachdruck. Dass den Karnevalisten in Niedersachsen bisweilen spöttisch eine lediglich vom Rheinland kopierte organisierte Fröhlichkeit vorgehalten werde, ärgert sie. Zudem herrsche in den Vereinen nicht immer nur Einigkeit und gute Laune. Manchmal könnten das Leben in der Gemeinschaft und die erforderliche Organisation auch ein wenig anstrengend sein. Die Lindener Narren etwa hatten sich vor einigen Jahren vom Komitee losgesagt, sie wollten moderner sein, Prunksitzungen und Büttenreden auffrischen. Dafür gibt es neue Vereine, die sich allein der Unterstützung anderer widmen, so wie es in Hannover auch einige Firmen gibt, die den Fasching unterstützen. Die Lindener Narren konnten zum Beispiel Unternehmer Dirk Roßmann als Ehrensenator gewinnen. Seitdem bekommen die Mitglieder hin und wieder Schminke und andere Utensilien frei Haus.
Bei solch gemeinsamem Bemühen um den Karneval, meint Günther, sei sie doch klar zu spüren, die den Hannoveranern oft abgesprochene Begabung zum ausgelassenen Feiern. Die Norddeutschen machen eben einen anderen Fasching als in Köln oder im Ruhrgebiet“, sagt die Präsidentin. „Sie haben eine versteckte Fröhlichkeit, die erst in der Session zum Ausdruck kommt.“ Und natürlich geht es am heutigen Sonnabend nicht nur um Bier, Spaß und Kamelle. Die Karnevalisten stehen auch zu ihrer Tradition, ihr Treiben soll wie in jedem Jahr den Winter verscheuchen. „Das allerdings“, sagt Günther lachend, „werden wir in diesem Jahr wohl kaum schaffen.“
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Kommentare
Kinderfaschingsumzug in Linden Achim Brandau – 13.02.10
Der traditionelle Umzug vom Lindener Marktplatz bis zur Faust Warenannahme findet in diesem Jahr wieder statt. Treffpunkt ist um 15:00 Uhr am Rosenmontag auf dem Lindener Marktplatz. Von dort geht es mit viel "Tam Tam" über die Stephanusstraße und Limmerstraße bis in die Warenannahme auf dem Faustgelände.Ab 16:00 Uhr erwartet dort die Kinder bei Kakao und Leckereien ein Bühnenprogramm bis etwa 18:00 Uhr.
Hannöversch ich – 12.02.10
wen juckts? man, die rheinländer/pfälzer sind doch schon völlig aus dem ruder wegen der sch...kein bock drauf!