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Aus der Stadt Faust in Hannover feiert 20-jähriges Bestehen
Hannover Aus der Stadt Faust in Hannover feiert 20-jähriges Bestehen
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20:40 01.03.2011
Einst galt Faust als Zuschussgrab und Schmuddeltreff für die alternative Szene. Nach der Insolvenz präsentiert sich das Kulturzentrum als Sitz von fast 30 Vereinen und Anbieter des größten kulturellen Veranstaltungsprogramms der Stadt. Und geraucht wird nur noch draußen. Quelle: Martin Steiner

Am Anfang der neunziger Jahre hing vor dem heutigen Faust-Gelände in Linden-Nord ein großes, weißes Blatt Papier. Auf eine Stellwand gepappt zeigte es eine Zeichnung der alten Bettfedernfabrik Werner & Ehlers und eine Abrissbirne. „Das wollen wir nicht“, hatte jemand darunter geschrieben – und die Lindener sollten doch bitte ihre Nutzungsvorschläge für das Gelände formulieren. Es entstand ein buntes Bild voller Ideen. Man wollte einen Kindergarten, Räumlichkeiten für Vereine, und einer schrieb, man brauche vor allem Platz für Träume. „Viel Platz!“ Zwanzig Jahre später kann niemand sagen, ob jeder Lindener Platz für seine Vorstellungen auf dem Faust-Gelände gefunden hat. Die Geschichte des Kulturzentrums zeigt aber auf beeindruckende Weise, dass es sich lohnt, für Träume zu kämpfen.

Jonny Peter war so ein Kämpfer. Er kann sich gut an die langen Nutzertreffen erinnern, an die vielen Vorstandsdiskussionen, die Sorgen um Gelder und die Zukunft des Projekts. Er spricht langsam, akzentuiert, ruhig. „Ich habe viel Lebenserfahrung in den ersten Jahren von Faust gesammelt“, sagt der 56-Jährige. „Wer dieses Projekt überlebt hat, ist gestärkt daraus hervorgegangen.“

Der Soziologe war schon in den achtziger Jahren dabei, als Studenten Ideen zur Geländenutzung entwickelten – für den Fall, das es die Bettfedernfabrik einmal nicht mehr geben sollte. Er konnte sich die Einrichtung eines Museums für Technik und Industrie genauso vorstellen wie die Eröffnung eines sogenannten Jugendhotels. Das war 1983. Damals verbaten sich die Eigentümer der Fabrik solche Überlegungen. Es gab sie schließlich noch. Sechs Jahre später gestaltete Jonny Peter mit Gleichgesinnten wie Rainer Grube, Hartwig Niemitz und Frank-Peter Schultz eine Ausstellung mit Plänen zur Umnutzung. Zahlreiche Initiativen wie Mietergruppen, Arbeitslosenselbsthilfevereine und Künstler schlossen sich daraufhin zusammen und forderten Räume. Die Fabrikbesitzer waren wenig begeistert. „Für die war das geschäftsschädigend“, sagt Peter.

Im Sommer 1990 musste Werner & Ehlers Konkurs anmelden und die Stadt plante auf dem Gelände ein zwölfstöckiges Wohnprojekt. „Das wollten wir nicht, also handelten wir“, erinnert sich Peter. Um besser mit der Stadt verhandeln zu können, schlossen sich 1991 die Gruppen zum „Verein für Fabrikumnutzung und Stadtteilkultur“ – schlicht Faust genannt. Die ersten Gruppen erhielten Mietverträge und zogen ein.

Auch Hans-Michael Krüger kam damals dazu. Der Sozialpädagoge war in der Leinaustraße aufgewachsen und kannte das Fabrikgelände als Abenteuerspielplatz. „Wir sind über die Mauern geklettert und haben dort gespielt. Man musste nur auf die Hunde aufpassen“, erinnert sich Krüger. 1992 kam er mit der Ateliergemeinschaft Katt auf das Gelände und wollte mit Schweißgeräten Kunst fertigen. „Ich stand damals in einer der riesigen Hallen. Es gab keine Wände, nur ein Loch in der Decke“, erzählt Krüger. „Damals flogen auch noch ab und zu Bettfedern umher. Dann haben wir einfach angefangen, da zu arbeiten.“

Wenn Krüger und Peter beim Rundgang über das heutige Gelände von den Anfangstagen erzählen, müssen sie viel lachen, so absurd kommt ihnen manches heute vor. „Die Künstler in den Räumen trennten ihre Ateliers mit Betttüchern voneinander ab“, erinnert sich Peter. In vielen Ecken der Fabrik lagen Schachteln mit Bettfedern, es roch nach Öl, überall standen Rohre und Maschinen herum, und es wurde ständig geraucht. „Es war schmuddelig, aber offen für jeden“, sagt Krüger. Es gab Kunstaktionen mitten auf dem Hof und Konzerte. Zur ersten Party kamen 2000 Besucher. „Es herrschte eine sagenhafte Aufbruchstimmung“, sagt Peter, der sich für eine Geschichtswerkstatt einsetzte.

Der Leichtigkeit der Aufbruchsjahre folgte ein Zeit harter Auseinandersetzungen. Die Stadt wollte das Gelände nicht kaufen, der Eigentümer August Werner Frucht aber Geld sehen. Er erhöhte die Mieten, erwirkte eine Räumungsverfügung gegen Faust. Als ein Investor das Gelände kaufen wollte, wurde ein Brandanschlag auf ein Auto seiner Firma verübt. Der Investor zog sich zurück. Faust wurde mit Unterstützung des Landes und der Stiftung Umverteilen für 3,2 Millionen Mark zum Fabrikeigentümer und konzentrierte sich auf den Ausbau. Doch die durch den Kauf entstandenen Schulden drückten auf die Finanzierung des Zentrums. Um die städtischen Zuschüsse gab es immer wieder politischen Schlagabtausch. 2005 musste Faust Insolvenz anmelden, der Vorstand trat zurück. Faust stand vor dem Aus.

Im Insolvenzjahr 2005 ist auch Milan Müller für die Buchführung bei Faust zuständig. Der Außenhandelskaufmann kann sich noch gut an sein Vorstellungsgespräch erinnern. „Eine der ersten Fragen war, ob ich aus Linden komme. Ich sagte, dass ich in der List wohne, und hatte den Job abgeschrieben“, erinnert sich der heute 39-Jährige. Aber Müller wurde angestellt und blieb bis heute. Müller war dabei, als die Stadt mit Jens Wilhelm V einen Insolvenzverwalter einsetzte, ein neuer Gastronomievertrag ausgehandelt, eine neue Stiftung gegründet und ein neues Controlling eingeführt wurde. „Früher bekam man einfach ein paar Zettel für die Buchführung, heute sind es richtige Rechnungen“, erzählt er. Aus dem alternativen Zentrum wurde langsam ein Kulturbetrieb mit professionalisierter Geschäftsführung, der längst Marketingmittel in der ganzen Stadt einsetzt. Nach fünfeinhalb Jahren gelingt der Abschluss des Insolvenzverfahrens für das Kulturzentrum – ein in dieser Größe einmaliger Vorgang in Deutschland. „Der größte Erfolg von Faust ist, dass es Faust noch gibt“ sagt Jonny Peters heute. „Wir mussten viel lernen“, sagt Krüger. „Und trotzdem haben wir uns den alternativen Charme bewahrt“, sagt er. Faust ist heute neben dem Pavillon das größte Kulturzentrum der Stadt. Zu den Feierlichkeiten kommen heute Oberbürgermeister Stephan Weil und Bundeskulturministerin Johanna Wanka. Faust ist salonfähig geworden.

Viele einstige Wegbegleiter haben den Wandel nicht mehr miterlebt. Einige sind ins Wendland gezogen, kümmern sich um andere Projekte oder sind verstorben. Auch Krüger hat Linden verlassen und wohnt in Döhren. Für Faust ist er aber noch als Veranstaltungsleiter tätig. So schnell möchte der 54-Jährige auch nicht weg. „Wir wollten einen Ort schaffen, wo wir anders leben und arbeiten können“, sagt Krüger. „Da gehört alt werden dazu.“ Mittlerweile engagieren sich viele alte Weggefährten wieder bei Faust. Vielleicht kommt auch Peter wieder dazu, der sich zuletzt um andere Projekte gekümmert hat. Die Geschichtswerkstatt lässt ihm keine Ruhe. Räume dafür werden sich finden lassen.

Jan Sedelies

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