Aus dem Dachgeschoss des Hauptstaatsarchivs am Leibnizufer dringt Rauch. Das Feuer breitet sich in den vollgestellten Räumen schnell aus, die Aktenberge und Katasterkarten sind leicht entflammbar. 1000 Jahre behördliche Zeitgeschichte sind vom beißenden Qualm umhüllt, darunter Urkunden und Dokumente von unwiederbringlichem kulturhistorischen Wert. Doch das ist erst einmal Nebensache. Aus einem Fenster im Obergeschoss ruft eine Mitarbeiterin um Hilfe, die es nicht schnell genug nach draußen geschafft hat. Während sich ein Löschtrupp mit Atemschutzmasken und Taschenlampen zu den Flammen durchkämpft, wird sie über eine Drehleiter heruntergeholt. Nach wenigen Minuten ist die Frau gerettet, die Flammen sind gelöscht, nun geht es darum, die Archivalien in Sicherheit zu bringen.
Die Bergung von Kulturgütern stand am Montag im Mittelpunkt der Übung, die die hannoversche Feuerwehr im Hauptstaatsarchiv Niedersachsen in der Calenberger Neustadt absolviert hat. Nicht erst der Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März, von dessen dokumentarischen Inhalt seit am Montag immerhin 80 Prozent geborgen sind, hat das Thema zu einem wichtigen Einsatzgebiet gemacht. Schon als die Anna Amalia Bibliothek in Weimar im September 2004 lichterloh brannte, waren die Auswirkungen verheerend – in der Bibliothek, die zu den bedeutendsten in Deutschland zählt, wurden 30.000 Bände durch Feuer und Löschwasser beschädigt, 5000 Schriftstücke völlig zerstört.
Auch Hochwasser könnte in einer Stadt, die am Fluss liegt, zum Problem für die sensiblen Sammlungen werden. „Wir müssen uns so gut wie möglich auf den Katastrophenfall vorbereiten“, sagt die stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs Hannover, Cornelia Regin. Sie ist Koordinatorin der Arbeitsgruppe „Notfallverbund Kulturgutschutz“, die sich durch Initiative der Feuerwehr im vergangenen Jahr konstituiert hat.
Neben den Feuerwehren der Region und den Katastrophenschutzbehörden haben sich eine Reihe von Archiven, Bibliotheken und Museen dem Verbund angeschlossen, darunter das Historische Museum, die Landesbibliothek, das Archiv der Region, das Wilhelm-Busch-Museum. Häuser, die besonders viele brennbare Zeitzeugen in ihren Lagern beherbergen. Im Herbst wollen die Mitglieder eine offizielle Vereinbarung unterschreiben.
Ihr Ziel ist es, sich im Ernstfall gegenseitig zu helfen: Sie wollen trockene Lagerfläche, Ausrüstung und fachkundiges Personal zur Verfügung stellen und Kühlräume für wasserdurchtränkte Papiere organisieren, um sie vor Schimmelpilzen zu bewahren. Das alles muss in der Not so schnell wie möglich passieren. „Das A und O ist es aber, dass jede Einrichtung für sich Notfallpläne erstellt“, sagt Regin.
Dazu gehören individuelle Feuerwehr-, Alarmierungs- und Ablaufpläne und eine Prioritätenliste der Güter: Welche Dokumente sind wertvoller als andere? In welcher Etage muss was zuerst gerettet werden? Was kann länger dem Rauch und dem Löschwasser ausgesetzt werden? Damit das auch die Helfer in der Not erkennen, sollen die Archivalien künftig auffällig gekennzeichnet werden. Für den sensiblen Umgang mit dem Kulturgut brauche es natürlich ein entsprechendes Problembewusstsein, formuliert Feuerwehrsprecher Alfred Falkenberg. Einsatzpläne und regelmäßige Objektbegehungen – so etwas gibt es für die wenigsten Kulturstätten im Umland. Vielfach dienen dort Hallen oder Schuppen für den ausgelagerten Fundus. „Manche Helfer wissen dann vielleicht nicht, dass es sich dabei nicht um Altpapier, sondern um wichtiges Kulturgut handelt“, sagt Falkenberg.
Für die Feuerwehr war es am Montag wichtig zu wissen, wie lange es dauert, das Material aus der Gefahrenzone zu bringen. Ähnliches wurde vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 geprobt, als die Retter 50 simulierende Verletzte aus dem Stadion gebracht hatten. Diesmal hat der Leiter des Hauptstaatsarchivs, Manfred von Boetticher, „Kulturgut“ präparieren lassen: Seine Mitarbeiter haben zwei Kubikmeter Papier in Kisten gepackt, darunter Postrechnungen aus dem Jahr 2001, die schon lange in den Schredder kommen sollten.
Der Übungseinsatz ist Knochenarbeit. Gut 40 Feuerwehrleute schleppen die gewichtigen Kartons in Akkordzeit in das Erdgeschoss, während Kulturschaffende verwandter Einrichtungen die Rolle der Schaulustigen übernommen haben. 87 Stufen führen hinab und wieder hinauf, die Schutzhelme- und Uniformen sind hinderlich. Die Schritte der Männer werden mit jeder Treppe schwerer. „Meine Beine fühlen sich an wie Blei“, sagt einer. Parallel werden auf der angrenzenden Wiese zwei Schutzzelte für die Archivalien errichtet, die später zu Altpapier werden. „Eine Stunde“, bilanziert Feuerwehrsprecher Falkenberg, als der letzte Karton sein Ziel erreicht hat. Die Zeit für zwei Kubikmeter muss nun auf das Material in den einzelnen Gebäudeabschnitten und im gesamten Haus hochgerechnet werden. „Ich würde das auch gern noch mal mit nassem Kulturgut üben“, sagt Hausherr von Boetticher. Doch für diesen Tag reicht es.
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