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Aus der Stadt „Deutschland kann nicht alle aufnehmen“
Hannover Aus der Stadt „Deutschland kann nicht alle aufnehmen“
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00:15 30.01.2016
Von Simon Benne
„Ich habe schon Angst, dass einige hier Mist machen“: Flüchtlinge auf dem Lehrter Bahnhof. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Es sei alles anders geworden, sagt er. Binnen weniger Wochen. „Die Stimmung in Deutschland hat sich komplett verändert“, sagt Najem. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Klima kippt. Jeder Alltag wird ja geprägt von einem ganzen Bündel an sozialen Kontakten, an kaum wahrnehmbaren Begegnungen. Zu Najems Bündel gehören die Blicke im Supermarkt, wenn er mit einem Freund Arabisch spricht. Und der Abstand, den andere plötzlich in der Stadtbahn zu ihm wahren.

„Ich kann es ja sogar verstehen“, sagt der 22-Jährige, der vor anderthalb Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Da waren die Anschläge in Paris und die Übergriffe in Köln: „Wenn ich mir vorstelle, das hier wäre mein Heimatland - ich wäre jetzt auch skeptischer gegenüber Flüchtlingen.“

Najem sitzt in einem Flüchtlingswohnheim irgendwo in Hannover, blickt auf die Tischdecke und sucht nach Worten: Man dürfe Asylbewerber trotz allem nicht pauschal für die Taten Einzelner verantwortlich machen, sagt er. Die Grenzen einfach zu schließen sei keine Lösung: „Menschen aus Syrien haben doch gar keine andere Möglichkeit als zu fliehen“, sagt er beschwörend.

Najem studiert mittlerweile, sein Deutsch ist fast fließend. Er ist einer der wenigen Flüchtlinge, die jene politischen Debatten genau verfolgen, die man in Deutschland jetzt um ihn und um seine Schicksalsgenossen führt. Die meisten in diesem Wohnheim bekommen die Diskussionen schon aufgrund der sprachlichen Barriere nur aus der Distanz mit: Obergrenzen, Transitzonen, Kontingentlösungen - der öffentliche Diskurs findet in aller Regel ohne die Betroffenen statt.

„Ich bin einfach froh, dass ich in Deutschland sicher leben kann, ohne Krieg“, sagt Evin. Die Mutter eines kleinen Sohnes kam vor 13 Monaten aus Syrien hierher. Menschen wie sie sind eher Spielbälle als Akteure im politischen Räderwerk: „Deutschland hat bereits jetzt mehr als die anderen Länder getan - das wird so bleiben, egal, wie die deutschen Politiker künftig entscheiden“, sagt sie. Einige Flüchtlinge scheuen politische Stellungnahmen, weil offene Worte sie in ihren Heimatländern den Kopf kosten könnten. Andere mögen ihrem Gastland keine Ratschläge geben. Dabei hätten Flüchtlinge wie Najem durchaus etwas dazu zu sagen.

„Es muss ja nicht Deutschland alle Flüchtlinge aufnehmen - wir brauchen eine europäische Lösung“, sagt der 22-Jährige. Und er warnt die Deutschen vor wohlmeinender Naivität: „Viele geben sich jetzt nur als Syrer aus, entsprechende Papiere lassen sich leicht besorgen“, sagt er. „Deutschland muss jeden genau überprüfen, damit nicht auch Terroristen ins Land kommen.“ Im übrigen werde es Jahre dauern, mehr als eine Million Menschen zu integrieren, fürchtet er: „Es kommen ja nicht nur Ärzte oder Ingenieure. Und die Kulturen, die Mentalitäten, die Sprachen sind nun einmal grundverschieden.“

In der Flüchtlingspolitik vertreten Flüchtlinge oft sehr pragmatische und manchmal überraschend rigide Ansichten. „Es wäre falsch zu glauben, dass sie durchweg offene Grenzen für alle fordern“, sagt die Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft.

Als Betroffene sehen sie in den Flüchtlingsströmen eben keine anonyme Masse. Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass es um eine Vielzahl individueller Schicksale geht. Vielleicht differenzieren sie gerade deshalb so genau. „Es darf jetzt keinen Generalverdacht gegen Flüchtlinge geben“, sagt etwa der 24-jährige Mohammad Jawad, der vor drei Jahren aus Afghanistan nach Hannover kam. Trotzdem fürchtet er, dass in der Schar der Schutzsuchenden auch Glücksritter oder Kriminelle ins Land kommen könnten: „Ich habe schon Angst, dass einige hier Mist machen.“

Das sieht Papak ganz ähnlich. Der kurdische Alevit floh mit Frau und Tochter aus dem Iran, jetzt lebt er hier im Wohnheim. Auf die Deutschen lässt der 45-Jährige nichts kommen: „Auf der Straße bin ich noch nie schief angesehen worden, die Leute sind freundlich und respektvoll“, betont er. Die deutsche Flüchtlingspolitik sieht Papak dennoch mit gemischten Gefühlen,

„Kurzfristig ist sie richtig“, sagt der Mann, der im Iran für eine Zeitung gearbeitet hat. „Wenn jemand seine Heimat schweren Herzens verlassen muss, soll man ihm helfen.“ Langfristig sieht Papak jedoch immense Probleme auf Deutschland zukommen: „Die Infrastruktur reicht für Millionen Flüchtlinge nicht aus - und viele kommen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen“, sagt er. „Deutschland kann nicht alle aufnehmen.“

„Vielleicht war es ein Fehler, dass Deutschland seine Tore so weit aufgemacht hat.“

Er kann von afghanischen Bekannten berichten, von Asylbewerbern, die jetzt in kalten Zeltunterkünften ein perspektivloses Leben fristen. Von Träumen, die sich nicht erfüllen werden. Und davon, dass mancher die deutsche Hilfsbereitschaft mit einer Verheißung verwechselt hätte. „Vielleicht war es ein Fehler, dass Deutschland seine Tore so weit aufgemacht hat.“ Ein Satz, den man eher von einem konservativen Politiker erwarten würde als von einem iranischen Asylsuchenden.

Und dann ist da natürlich Köln.
Papak legt die Stirn in Falten, als das Wort fällt. „Eine Katastrophe, dass Flüchtlinge an so etwas beteiligt waren - das kann für uns alle böse Folgen haben“, sagt er. Er fürchtet, dass jetzt alle Flüchtlinge über einen Kamm geschoren werden. Er sagt aber auch, dass ein Grund für die sexuellen Übergriffe durchaus im Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen zu suchen sei: Männer aus Ländern, in denen Frauen nur verschleiert auf die Straße gingen, könnten teils nicht damit umgehen, dass Frauen sich in Deutschland vergleichsweise leicht bekleidet in der Öffentlichkeit zeigten. Papaks Prognose: „Deutschland wird mit der Integration noch viele Jahre lang Probleme haben.“ Sein Wunsch: „Die meisten Flüchtlinge wollen alles tun, was die Deutschen erwarten - aber diese müssen auch klar formulieren, was sie von uns verlangen.“

Mohammad Jawad fällt dazu ein afghanisches Sprichwort ein: „Eine Mauer aus losen Steinen fällt um“, sagt er. „Es braucht Mörtel, einen Kitt, der alles zusammen hält - es geht nicht, dass jeder nur in seiner Kultur lebt.“ Er wünscht sich, dass Deutschland offen ist: „Für Leute, die anständig arbeiten, die Sprache lernen, die was aus ihrem Leben machen wollen.“ Deutschland brauche Ausländer, sagt er: „Aber die richtigen.“

Der Iraner Papak nickt. In dem Punkt denken viele Flüchtlinge offenbar gar nicht so anders als viele Deutsche.

„Alle verurteilen die Übergriffe“

Nachgefragt bei Gabriele Schuppe, Migrationsberaterin bei der AWO.

Die AWO betreut in der Region Hannover drei Wohnhäuser mit insgesamt rund 300 Flüchtlingen, dazu kommt Ihre Flüchtlingssozialberatung. Wie genau verfolgen die Asylbewerber dort eigentlich die politischen Debatten, die wir um sie führen? 
Allein schon aufgrund der sprachlichen Barriere haben sie kaum Zugang zu deutschen Medien. Da ist die Integration noch ganz am Anfang: Die Menschen leben zwar in unserem Land, haben aber kaum Anteil an der öffentlichen Debattenkultur – nicht einmal, wenn es um sie selbst geht. 

Bekommen es Flüchtlinge überhaupt mit, wenn sie – etwa nach Vorfällen wie denen in Köln – teils kollektiv am Pranger stehen?
In den Wohnhäusern wird schon darüber geredet. Sexuelle Übergriffe werden von allen Bewohnern scharf verurteilt. Viele treibt auch die Frage um, ob sie jetzt in eine Art Sippenhaft genommen werden. Doch ihre Informationen bekommen sie eben nicht aus den Medien. Meist bekommen sie nur mit, was in ihrem eigenen Umfeld passiert. 

Wie gehen Sie als Betreuer damit um? Klären Sie Flüchtlinge etwa darüber auf, dass der Anteil der Deutschen steigt, die ihnen inzwischen mit Skepsis begegnen? 
Auch Flüchtlinge bewegen sich ja im öffentlichen Leben – und machen dort in aller Regel nach wie vor die Erfahrung, dass sie willkommen sind. Das Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer ist ungebrochen. Und solange die Menschen, die fliehen mussten, das so erleben und wahrnehmen, ist das für uns entscheidend – und wir werden ihnen nichts anderes erzählen. 

Interview: Simon Benne

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