Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Wenn Integration zum Hürdenlauf wird

Serie "Gut angekommen?" Wenn Integration zum Hürdenlauf wird

Sie wollen arbeiten. Sie wollen studieren. Sie wollen hier eine neue Heimat finden. Doch so leicht ist es nicht. Es fängt schon beim Budget für den Sprachkurs an. Wie geht es für Liliane Umugwaneza aus Ruanda und Muhanna Younes aus Syrien nun in Hannover weiter?

Voriger Artikel
Worauf warten Sie noch?
Nächster Artikel
Programm fürs Fährmannsfest vorgestellt

„Ich möchte wieder an die Universität“: Muhanna Younes (rechts) aus Syrien hat Philosophie studiert - jetzt lernt er Deutsch, um seine Ausbildung fortzusetzen. Doch die Sprachkurse sind knapp, wie Liliane Umugwaneza erfahren musste.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Es ist verrückt. Liliane Umugwaneza, 21, entschließt sich, ihre Heimat Ruanda zu verlassen und ein paar Tausend Kilometer weit nach Europa aufzubrechen. Ruanda ist ein armes, unruhiges Land, vor 21 Jahren war es Schauplatz eines kaum vorstellbar grausamen Bürgerkrieges. Hier ging Liliane auf die höchste Schule. Sie ist gut in Mathematik und Physik, spricht Englisch und Französisch, bis sich herausstellt: Deutsch geht auch. Sie hat die fremde Sprache in den vergangenen neun Monaten schnell gelernt. Leise spricht sie, schüchtern, aber es gelingt. Im Flüchtlingsheim Ahlem lebt sie jetzt mit zwei anderen Frauen und deren Kindern in einem Raum, auch ein Baby ist dabei. Manchmal drücken Mütter ihr Kinder in die Arme, zum Aufpassen. Die junge Frau ist ein sehr freundlicher Mensch, aber sie sagt dann doch: „Es ist sehr laut, die ganze Nacht über.“ Kein Ort zum Lernen und zum Leben.

Jetzt stellte sich heraus: In einer Stadt in einem der wohlhabendsten Länder der Erde fehlt Geld für weitere Sprachkurse, obwohl dieses Land in zahlreichen Branchen Fachkräfte benötigt. Der Bildungsverein Hannover teilte mit, er könne keine weiteren Kurse finanzieren. Das Budget ist aufgebraucht. Im Juli ist für Liliane Umugwaneza Schluss mit Deutschkursen. Sie möchte gerne Krankenschwester werden, aber dazu benötigt sie den nächsten Kurs in der höheren Schwierigkeitsstufe. Zwar gibt es etliche Angebote bei Vereinen, Verbänden und Ehrenamtlichen - um eine Ausbildung im dualen System beginnen zu können, fordern Berufsschulen jedoch einen zertifizierten Abschluss. Liliane Umugwaneza wird Monate verlieren. „Vielleicht finde ich woanders einen Kurs“, hofft sie. Vielleicht fällt dem Bildungsverein noch eine Lösung ein. Ohne Sprache keine Arbeit, ohne Arbeit keine Perspektive. Es kann passieren, dass die junge Frau kein Asyl bekommt. Vielleicht bleibt dann eine Stelle in der Pflege unbesetzt, die sie genommen hätte. Verrückt.

Flüchtlinge kommen in ein fremdes Land, dessen Sprache sie meist nicht können. Schulabschlüsse, Ausbildungen und Berufe werden oft nicht anerkannt und wenn, dann nach langen Verfahren. Manche Auflage verhindert eher Integration, als sie zu befördern. Integrationskurse etwa, darin eingeschlossene Sprachkurse, zahlt die Arbeitsagentur erst, wenn ein Asylantrag genehmigt ist. Das dauert oft etliche Monate. Wer nur den Status eines Geduldeten hat oder nicht einmal dies, bleibt außen vor und muss sich Kurse selbst suchen und bezahlen. SPD und Grüne wollen das ändern. Noch ein Hindernis: Frühestens nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland darf ein Asylbewerber arbeiten - vorausgesetzt, es gibt keinen geeigneten EU-Bewerber für den Job.

Verein unterstützt Flüchtlinge

Gut vertraut mit diesen Schwierigkeiten ist Gerhard Spitta, 72 Jahre alt, Brille, weißer Bart, Oberstudiendirektor außer Dienst. Er wohnt gegenüber dem Flüchtlingsheim in Oberricklingen und ist Vorstandsmitglied im Unterstützerkreis Flüchtlingsunterkünfte. Der Verein bekommt jährlich etwa 40 000 Euro Spenden. Geld, das auch in Sprachkurse gesteckt wird. Spitta will erreichen, dass der Verein Zertifizierungen ausstellen darf, um dem Mangel zu begegnen. Auch die Volkshochschule ist bis Sommer ausgebucht, danach beginnen lange Semesterferien ohne Unterricht, bis es mit einem besseren Angebot weitergeht.

Und ein weiteres Problem steht der Beschäftigung von Flüchtlingen im Weg. Spitta stellt fest: „Wir finden schwer Arbeitgeber, die Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, wenn die nicht wissen, ob die Leute während der Lehre abgeschoben werden.“ Ein paar Überbrückungen gibt es. Die Stadt etwa hat ein Programm aufgelegt, das 46 Flüchtlingen Arbeit gibt, ein intensiver Sprachkurs ist vorgeschaltet. Sie renovieren städtische Gebäude, arbeiten auf Grünflächen und in Fahrradwerkstätten, 20 Stunden in der Woche für 1,05 Euro pro Stunde. Eine Ausbildung ersetzt solch ein Programm nicht.

In den vergangenen Tagen und Wochen hat es indes in Niedersachsen Fortschritte gegeben. Nach einem Erlass von Innenminister Boris Pistorius (SPD) dürfen Flüchtlinge mit einem Ausbildungsplatz im ersten Lehrjahr nicht abgeschoben werden. Danach steht eine Prüfung an, die amtlicherseits „Ermessensduldung“ heißt. Unternehmen hätten zur Planungssicherheit lieber die komplette Ausbildung unter Schutz. Die Menschen werden benötigt, sagt Günter Hirth, Leiter der Berufsbildung bei der IHK. „Wir brauchen Flüchtlinge. Ausdrücklich. Betriebe haben Bedarf in gewerblich-technischen Berufen, in der IT-Branche und dem Hotel- und Gaststättengewerbe.“

300 Abschiebungen
im Jahr 2014

Das niedersächsische Innenministerium hat am Donnerstag auf Anfrage aktuelle Zahlen über Abschiebungen vorgelegt. Danach wurden im vergangenen Jahr landesweit 300 Menschen abgeschoben, deren Asylanträge abgelehnt wurden. Weitere 555 Flüchtlinge wurden in EU-Staaten zurück gebracht, in die sie nach Europa einreisten (Dublin-III-Verfahren). Aus der Stadt Hannover sind 2014 danach 70 Menschen abgeschoben worden.
Im ersten Quartal des laufenden Jahres waren es landesweit 145 Abschiebungen und 83   „Überstellungen“ in EU-Staten.

Zudem können Asylbewerber, die ein Studium beginnen wollen, dies bald wohl etwas schneller. Das Wissenschaftsministerium will Flüchtlingen, die keine Zeugnisse vorlegen können, ausreichend Deutsch sprechen und einen Aufnahmetest am Studienkolleg „überdurchschnittlich gut bestehen“, ein Studium ermöglichen. Diese Regelung gilt für Studiengänge ohne Zulassungsbeschränkung.

Im Ahlemer Flüchtlingsheim lebt seit einem halben Jahr auch Muhanna Younes. Sein Zimmer teilt er sich mit sieben anderen Männern. Wenn er lernen will, tut er das nachts ab 1 Uhr, wenn die anderen schlafen. „Sonst ist es zu laut.“ Der Syrer ist 29 Jahre alt, ein höflicher und selbstbewusster Mann, aber manchmal glaubt er, dass ihm die Zeit davon läuft. In seiner Heimat studierte er Philosophie und er möchte auch hier wieder auf die Universität, weshalb weitere Sprachkurse nötig sind, er will die höchste Stufe erreichen. „Ich muss mich auf die Sprache konzentrieren“, sagt Younnes. Dann will er wieder an eine Universität, „da bin ich sicher“. Aber wer weiß, wann das sein wird. Immerhin konnte er Zeugnisse retten, er will sie prüfen lassen.

Liliane Umugwaneza und Muhanna Younes - für Gerhard Spitta sind sie „qualifizierte Menschen, die wir in unser System bringen müssen“. Sein Traum ist es nun, Paten zu finden. Für jeden der 2600 Flüchtlinge in Hannover einen.

Flüchtlinge sind Wortfinder

Petra Günther leitet die Peter-Ustinov-Schule in Ricklingen. Man kann auch sagen: eine der letzten beiden Hauptschulen in Hannover. 260 Schüler aus 20  Ländern besuchen den Unterricht. Günther zeichnet ein ungeschöntes Bild. „Ich sage mal knallhart: Von 260 Schülern haben 250 Förderbedarf. Der Rest kommt so durch.“
Vielleicht wird es besser für einige Kinder und Jugendliche. Die Schule zählt zum Projekt „Wortfinder“ von Caritas Hannover, Bistum Hildesheim und katholischer Familienbildungsstätte. Flüchtlingskinder, oft traumatisiert und lange ohne Unterricht, im Alter von 5 bis 15 Jahren, die kein Jahr in Deutschland leben, bekommen in kleinen Gruppen Sprachunterricht und Hilfe bei Schulaufgaben.

Es geht auch darum, soziale Regeln zu lernen. Das Projekt ist auf zwei Jahre begrenzt, was am Geld liegt. „Es ist ein Strohfeuer“, sagte am Donnerstag Caritas-Chef Andreas Schubert, immer mehr Flüchtlingskinder kommen. Aus dem 800.000-Euro-Nothilfefonds des Bistums stehen 40 000 Euro für hannoversche Schulen bereit. „Wortfinder“ gibt es noch in der Grundschule Fuhsestraße und dem Luthergymnasium. 34  Kinder lernen in acht Gruppen, betreut von neun Honorarkräften und zwei Ehrenamtlichen.
Spenden: Caritas Hannover. Bank für Sozialwirtschaft. IBAN: DE92 2512 0510 0001 4142 06.BIC: BFSWDE33HAN. Kennwort: 
Wortfinder.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Aktion Sonnenstrahl: Keksebacken für den guten Zweck

Etwa 40 Frauen haben im Küchencenter Staude zu Nudelholz und Ausstechern gegriffen und Plätzchen zugusten der Aktion Sonnenstrahl zu backen. Diese unterstützt seit Jahren Kinder aus sozial schwachen Familien.