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Aus der Stadt Forscher entschlüsseln Symbole im Hinüberschen Garten
Hannover Aus der Stadt Forscher entschlüsseln Symbole im Hinüberschen Garten
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13:50 16.05.2011
Hartmut von Hinüber, Siegfried Schildmacher und Peter Krüger (von links) im Hinüberschen Garten. Quelle: Hagemann

Seit mehr als zwei Jahrhunderten liegen die Findlinge unter der alten Eiche beieinander. Tausende von Spaziergängern sind über all die Jahre hier vorübergegangen, und für die meisten von ihnen waren diese Steine im Wald des Hinüberschen Gartens vor allem Steine im Wald.

Für Siegfried Schildmacher jedoch ist dieser „Druidenaltar“ weit mehr: „Bei uns Freimaurern stehen drei raue Steine symbolisch für eine noch ungeschliffene Persönlichkeit“, sagt er. Er deutet auf den Steinhaufen: „An dieser Stelle beginnt der Weg vom Lehrling zum Meister.“ Schildmacher ist Stuhlmeister der Loge „Friedrich zum weißen Pferde“, und er kann in diesem Garten lesen wie in einem Buch, dessen Schriftzeichen Uneingeweihte nicht einmal als Schriftzeichen erkennen würden.

Um 1770 ließ Jobst Anton von Hinüber in Marienwerder den Hinüberschen Garten anlegen. Der 40 Hektar große Park war damals einer der ersten Landschaftsgärten englischen Stils in Deutschland, und er war Ausdruck einer Geisteshaltung: Scheinbar ungestutzt sollte sich hier die Natur entfalten können. Ideen von Freiheit und Aufklärung schwangen da mit – und die Hoffnung, dass sich auch der Mensch, zwanglos philosophierend beim Lustwandeln im Grünen, sittlich weiter vervollkommnen möge.

Der Garten als moralische Anstalt

Schon 1785 notierte der Gartenforscher Christian Cay Lorenz Hirschfeld, dass der Park „zu einer der ersten Merkwürdigkeiten in der Nähe von Hannover“ zähle und „unter allen neuen Anlagen in Deutschland einen sehr ansehnlichen Rang behauptet“.

Der Schöpfer dieses Gartens war eine Art Multimanager in Staatsdiensten. Der fortschrittlich gesonnene Jobst Anton von Hinüber verdingte sich als kurfürstlicher Generalwegebauintendant und Postkommissar, als Amtmann des Klosters Marienwerder – und er war Stuhlmeister eben jener Loge, die heute Schildmacher leitet.

In jener Zeit verzeichneten die konfessions- und standesübergreifenden Freimaurerbünde großen Zustrom. Ihre Mitglieder hatten sich im Namen von Vernunft und Aufklärung dem Ziel verschrieben, die eigene Persönlichkeit zur inneren Weisheit zu führen. „Dass mein Urururgroßvater Freimaurer war, ist lange bekannt. Doch wie sehr dies seinen Garten prägte, war noch völlig unerforscht“, sagt sein Nachfahre Hartmut von Hinüber.

Gemeinsam mit Schildmacher und dem Architekten Peter Krüger hat er den Hinüberschen Garten jetzt genauer unter die Lupe genommen. Monatelang haben die drei Forscher sich in Archiven über historische Pläne gebeugt, alte Bücher gewälzt und immer wieder den Park durchwandert. Und sie sind dabei auf eine Vielzahl geheimer Zeichen und verschlüsselter Symbole gestoßen, die sie auch in einer Broschüre veröffentlicht haben.

„Ein Rundgang durch den Garten folgt dem Weg vom Lehrling zum Freimaurermeister“, sagt Schildmacher. Unweit der Steine errichtete Jobst Anton von Hinüber damals die „Berghalle“, einen „Tempel der Humanität“, in dessen Giebel er Freimaurersprüche anbringen ließ.

„Die Halle stand für den Gesellengrad“, sagt Schildmacher. Unweit von ihr gab es einen künstlichen Friedhof. Und nahe einer Eiche, an der ein Totenschädel hing, stand die „Einsiedelei“, eine schlichte Hütte mit Bett, Kruzifix und einem Brett, auf dem Bücher über den Tod standen. All das sollte an die Vergänglichkeit gemahnen – und ist heute selbst vergangen.

Erhalten hingegen ist der „Hexenturm“. „Der Aufstieg ist etwas mühsam, doch oben wird man mit einer herrlichen Weitsicht belohnt“, sagt Peter Krüger. Es kostet eben Kraft, wenn man es auf dem Weg innerer Erkenntnis bis zum Meister bringen will. Der Turm war von Anfang an als Ruine geplant. „Auch er sollte an den Tod erinnern“, sagt Schildmacher.

Beim Bau wurden wohl Steine der abgebrochenen Bothfelder Nikolaikirche verwendet. Und Hinüber ließ mehrere Steinsäulen vermauern, die noch heute deutlich zu sehen sind: „Auch sie sind Symbole des Freimaurertums“, sagt Schildmacher.

Fundus an Symbolen

Westlich der heutigen Garbsener Landstraße ließ Hinüber auf einem Hügel einen monumentalen Obelisken errichten. Die Freimaurer pickten sich aus allen erdenklichen Kulturkreisen einen Fundus an Symbolen zusammen. Der Obelisk als Attribut des ägyptischen Sonnengottes steht bei ihnen für das Leben. „Mit dem Hexenturm, der den Tod symbolisiert, und dem Amtmannhaus am Kloster, wo Hinüber lebte, bildet der Obelisk ein gleichseitiges Dreieck“, sagt Architekt und Stadtplaner Krüger – solche Dreiecke sind geradezu die Erkennungszeichen der Freimaurer. Heute sind die Sichtachsen zwischen den drei Punkten zugewachsen.

„Wir möchten dort behutsam eine Schneise schlagen, damit das geometrische Muster wieder sichtbar wird“, sagt Schildmacher. Und er will wenigstens einen Teil jener mehr als 30 Tafeln mit englischen Sinnsprüchen wieder aufstellen, die einst an den Wegrändern zum sittsamen Leben aufriefen: „I’ll from each folly strive to fly / Each virtue to attain I’ll try / And life as I wish to die“, lautete einer: „Vor jeder Torheit fliehn, das sei mein Streben / Der Tugend will ich mich ganz ergeben, / Und so, wie ich zu sterben wünsche, leben.“

Die Broschüre „Der Hinübersche Garten in Hannover-Marienwerder – eine freimaurerische Gartenanlage“ ist für 11 Euro unter anderem in der Buchhandlung Schmorl & von Seefeld zu bekommen.

Simon Benne

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