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Forscher rekonstruieren Arbeiten von Leibniz

9700 Papierschnipsel Forscher rekonstruieren Arbeiten von Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Langschläfer – und ein Nachtarbeiter. 20.000 Schnipsel hat der Gelehrte hinterlassen. In einem einzigartigen Projekt rekonstruiert die Leibniz-Bibliothek nun das Konvolut „Mathematica“.

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Neue Ordnung
fürs Archiv:
Georg Ruppelt
(v. l.), scheidender Chef der Leibniz-Bibliothek, Fraunhofer-Forscher Bertram Nic­kolay und Michael Kempe sowie Siegmund Probst vom Leibniz-Archiv.

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Irgendwann muss Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) gemerkt haben, dass er in seine Zettelwirtschaft Ordnung bringen muss. Unaufhörlich füllte der Langschläfer und Nachtarbeiter Blatt um Blatt mit seinen Einfällen. Über seine Arbeitsweise sagte er selbst: „Mir kommen manchmal morgens, während ich noch eine Stunde im Bett liege, so viele Gedanken, dass ich den ganzen Vormittag, ja mitunter den ganzen Tag benötige, um sie mir durch Aufschreiben klar werden zu lassen.“

Auf handgeschöpftem Papier notierte Leibniz alles nacheinander und über alle Fächer der Wissenschaften hinweg. Eben noch schrieb er eine Idee zur Mathematik auf, eine Zeile später war er bei der Philosophie. Um die Schnipsel nach Themen sortieren zu können, zerschnitt er die Blätter. Ordnung entstand, als er sich ein Schränkchen anschaffte und den Stoff in Schubladen ablegte, nach nach Fächern sortiert. So arbeitet ein Universalgenie.

Leider bestand dann dieser Nachlass aus rund 20.000 Schnipseln - zerschnittene Papiere, lose Zettel, Blattfragmente, die es der Nachwelt unmöglich machten, Leibniz’ Gedanken in chronologischer Reihenfolge zu rekonstruieren. „Das war seit vielen Jahren unser Wunsch und unser Ziel“, sagte am Freitag Georg Ruppelt, noch bis Ende des Monats Direktor der Leibniz-Bibliothek.

Die entscheidende Hilfe kommt aus Berlin. Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) gilt als erste Adresse, um verloren geglaubte Dokumente wieder herzustellen. Sein weltweit beachtetes und preisgekröntes Glanzstück war die Wiederherstellung von Stasi-Akten, zusammengefügt aus dem Inhalt von 16 000 Säcken voller Papierschnipsel. Unterlagen, die Regimetreue am Ende der DDR zerrissen hatten. Nach dem Brand der Weimarer Amalia-Bibliothek gelang es dem IPK, verkohlte Originalnoten von Mozart wenigstens an Rändern wieder lesbar zu machen.

Jetzt also der Leibniz-Nachlass. Es beginnt mit der Rekonstruktion von 9700 Fragmenten des Konvoluts „Mathematica“. Jeder Schnipsel wird von drei Seiten fotografiert, die Daten dann digitalisiert und nach verschiedenen Kriterien klassifiziert. Programme forschen, ob Schnittkanten zusammenpassen, erkennen, ob Leibniz Vorder- und Rückseiten beschrieben hat. Sind die Blätter undatiert, kann das Papier helfen: Wasserzeichen und Gittermuster lassen auf die Zeit seiner Herstellung schließen. Ein Test ergab bereits, dass Computer es schaffen können. Michael Kempe, Leiter des Leibniz-Archivs, sagte: „Was bisher von Hand rekonstruiert wurde, hat auch die Maschine erkannt.“ Leibniz-Fachleute entscheiden, ob sie Vorschläge der Rechner akzeptieren.

Georg Wilhelm Leibniz hat reichlich mathematische Handschriften hinterlassen. Ein kleiner Ausschnitt: 611 Blätter mit Gedanken zur Geometrie, 571 Seiten über Perspektive und Physik, mehr als 1000 Blatt über Algebra, Leibniz notierte Formeln und zeichnete geometrische Figuren.

Im März 2017 sollen alle 9700 Fragmente des Konvoluts „Mathematica“ zusammen geführt sein. Das IPK nennt es das „Leibniz-Schnipsel-Projekt“. Bertram Nickolay sieht Grenzen der „weltweit einzigartigen Technologie“ nur dort, wo es Fragmenten an Inhalten fehlt, um sie zuzuordnen.

Möglich wird das Projekt dank der Unterstützung der Berliner Klaus Tschira Stiftung. In der Leibniz-Bibliothek hielt man sich bedeckt über den Betrag, er soll nach Informationen der HAZ jedoch etwa 350.000 Euro betragen. Für das Fraunhofer-Institut bietet das Projekt Gelegenheit, sich weiter international zu profilieren. Das Leibniz-Archiv kommt weit voran in seinem Bemühen, den Nachlass von Hannovers liebstem Gelehrten zugänglich zu machen. Und, im Erfolgsfall, weitere Geldgeber zu finden, um alle 20.000 Fragmente in die historisch richtige Reihenfolge zu bringen.

Ausgerechnet Hannover

„Ausgerechnet Hannover, wo die Hauser so engbrustig sind! Diese Vorliebe für knickrige Kaffer, für Residenzen in der deutschen Provinz, schlecht beleumundet und schlecht beleuchtet, kurzum, für das Unauffällige, gibt zu denken“. Schrieb so frech etwa Gottfried Wilhelm Leibniz über die Stadt, in der bis zu seinem Tod 1716 lebte und forschte?

Nein, es war der Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger, der vor 40 Jahren ein kleines Stück über Leibniz’ umfassende Fähigkeiten auf dem Gebiet der Wissenschaften schrieb. Kaum zu glauben, was der Mann alles konnte und dennoch in Hannover blieb. Die CIA ließ ein Dossier anlegen über „L“, den aufgeklärten Geist, „überall, jederzeit schreibt er, liest oder rechnet“. Und dabei: „Kein Privatleben. Sexuelle Interessen gleich null“. Kann das ein Mensch sein oder doch ein Automat mit dem Ziel, „Optimismus zu optimieren“? Die Geheimdiensterkenntnis: „L“ muss wohl ein Außerirdischer sein, „ein automatischer Astronaut, eine extraterrestische Sonde“.

Der Text von Enzensberger erscheint am 30. Oktober in dem Band „Wir sind Teil eines großen Werkes, das über jeden einzelnen Lesenden hinausweist“. 48 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beschreiben darin ihre Beziehung zu Leibniz. Anlass ist dessen 300. Todestag im kommenden Jahr sowie das 350. Jubiläum der Leibniz-Bibliohek.

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