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Neuer Ballhause-Fotoband: Die Gesichter der Armut

Fotograf Walter Ballhause Neuer Ballhause-Fotoband: Die Gesichter der Armut

Der hannoversche Fotograf Walter Ballhause gilt heute als einer der bekanntesten Vertreter der „Arbeiterfotografie“. Jetzt ist ein neuer Bildband mit seinen Werken erschienen. 

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Foto-Ikone: Ballhauses berühmtestes Bild zeigt Arbeitslose am Königsworther Platz.

Quelle: Ballhause / Zu Klampen

Hannover. Das Foto ist wie gemacht für die Geschichtsbücher. Eine lange Menschenschlange vor dem Arbeitsamt. Eigentlich eine in die Länge gezogene Traube von Menschen. Der einzelne geht in Masse unter. Und im Hintergrund hat jemand wie ein Menetekel ein Hakenkreuz an eine Wand geschmiert: „Wählt Hitler“. Wenn jemals jemand in einem einzigen Bild perfekt illustriert hat, wie soziales Elend und politische Radikalisierung zusammenhängen, dann Walter Ballhause in dieser Aufnahme.

Der Fotograf Walter Ballhause dokumentierte das Elend in Hannover um 1930 – jetzt sind seine beklemmenden Fotos als Bildband erschienen.

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Der Fotograf, geboren 1911 in Hameln, machte das Bild Anfang der Dreißigerjahre auf dem Hof der ehemaligen Ulanenkaserne am Königsworther Platz, in der das Arbeitsamt untergebracht war. Täglich mussten sich hier die Arbeitslosen jenen Stempel holen, mit dem sie sich ihre Unterstützung auszahlen lassen konnten. Die Welt derer, die stempeln gingen, war auch die Welt von Walter Ballhause: „Ich habe mich nicht in der Nähe der Unterdrückten herumgetrieben, um sie auf schamlose Weise auszubeuten“, erklärte der Fotograf später, „da ich selbst einer von ihnen war.“

Ballhause – zeitweise Laborant bei der Hanomag, zeitweise selbst arbeitslos – gilt heute als einer der bekanntesten Vertreter der „Arbeiterfotografie“. Seine wichtigsten Bilder entstanden Anfang der Dreißigerjahre in Hannover innerhalb von nur drei Jahren. Seine Aufnahmen machte er mit einer geliehenen Leica, das Geld für die Filme musste er sich „vom Munde absparen“, wie er selbst einmal sagte.

Jetzt werden Ballhauses wichtigsten Werke aus jener Ära erstmals in einem Bildband präsentiert: „Harte Zeiten – Menschen in Hannover 1930–1933“ bietet schonungslose Blicke aufs Lumpenproletariat. Menschen, die im Abfall nach Essen suchen. Kriegsversehrte. Hohlwangige Frauen. Ein gelähmter Junge, der in einem Kinderwagen sitzt. Eine blinde Bettlerin. Kaum jemand lächelt auf diesen Bildern. Nicht die Frau in der Kittelschürze, nicht der Leierkastenmann auf dem Hinterhof. Dafür erzählt jedes Foto eine eigene Geschichte. Armut hat viele Gesichter.

Selten blicken Menschen direkt in Ballhauses Kamera. Er porträtierte die Armen oft heimlich, aus dem Winkel. Um sie nicht zu beschämen. Und um nicht von der Polizei erwischt zu werden. Ballhause, ein erklärter Linker, setzte mit einigen Fotos sogar sein Leben aufs Spiel – etwa mit seinen Aufnahmen vom Sturm der Nazis auf das Gewerkschaftshaus an der Goseriede 1933. Als die Nationalsozialisten sein Haus durchsuchten und ihn verhafteten, entdeckten sie die brisanten Bilder nicht, weil seine Frau Hennie die Negative hinter einer Kartoffelkiste angenagelt hatte.

Kenntnisreich erklärt Hans-Peter Wiechers, langjähriger HAZ-Redakteur und selbst versierter Fotograf, in dem Bildband Ballhauses Arbeitsweise. Und er zeichnet seinen Lebensweg nach. Nachdem die Nazis ihn mehrfach verhört hatten, zog Ballhause nach Plauen, wo er eine Stelle als Laborleiter antrat. Nach dem Krieg blieb er in der DDR und arbeitete als technischer Leiter einer Gießerei. Sein fotografisches Werk wurde erst wenige Jahre vor seinem Tod 1991 allmählich wiederentdeckt.

Die Bilder aus seinen Hannover-Jahren zeigen – oft in harten Schwarzweiß-Kontrasten – ausgemergelte Menschen, die Grafiken von Käthe Kollwitz entstiegen sein können. Eine dralle Dame im Badeanzug, die an einem Geländer am Lönssee lehnt, wirkt hingegen so, als hätte Zille persönlich sie dort hingestellt. Und Otto Brenner, den späteren Chef der IG Metall, lichtete Ballhause auf einem Handtuch liegend in Badehose ab. Bei Ausflügen aufs Land porträtierte Ballhause Bauern in Bredenbeck, die so gar nichts mit jenen stahlharten Blut-und-Boden-Landmännern gemein haben, die den Nazis als idealtypisch galten. Er schuf auch ästhetische Aufnahmen spielender Kinder und hielt unbeschwerte Momente im Ferienlager der „Roten Falken“ fest. Ballhauses Blick auf Hannover ist jedoch vor allem eine Anklage der herrschenden Verhältnisse.
Für eine Sozialreportage begleitete er 1932 den arbeitslosen Schlosser Karl Döhler, der unter einem Baum verstohlen Obst auflas. Ballhauses Bildunterschrift: „Hunger ist erlaubt. Fallobst aufsuchen verboten.“ Kinder posieren auf der Straße mit Pickelhauben oder marschieren mit Stahlhelm im Gleichschritt.

Das letzte Bild in dem Band zeigt, wie Tausende auf dem Waterlooplatz den Arm zum „Deutschen Gruß“ recken. Es ist der 20. April 1933. Führers Geburtstag. Und Ballhauses Bilder aus den Jahren davor wirken wie düstere Prophezeiungen, die wahr geworden sind.

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