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300 Tage in Haft

Frank Hanebuth 300 Tage in Haft

Am Montag sitzt Frank Hanebuth, einflussreicher Hells Angel und einst mächtiger Mann am Steintor, seit bereits 300 Tagen in spanischer Untersuchungshaft.

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Video von umstrittener Festnahme

Hells Angel Frank Hanebuth bei seiner Festnahme in Spanien.

Quelle: dpa/Archiv

Hannover. In Hannover regierte er ein Imperium von Rockern, sein Sicherheitsdienst dominierte die Rotlichtszene am Steintor, wegen mutmaßlichen Drogen- und Menschenhandels und einer möglichen Führungsposition in der Organisierten Kriminalität geriet er immer wieder ins Visier der Fahnder. Doch Frank Hahnebuth, dem 49-jähriger Rockermanager in Lederkutte, konnten die deutschen Behörden trotz intensiver Ermittlungen eine persönliche Verstrickung nie nachweisen.

Erst seit er sich von Hannover weitgehend losgesagt hat und seine Aktivitäten nach Mallorca verlegt hat, sitzt er dauerhaft im Gefängnis. 300 Tage lang währt am Montag seine Untersuchungshaft – in Deutschland wäre so etwas per Gesetz verboten. Maximal sechs Monate, in Ausnahmefallen neun Monate Untersuchungshaft sind hier erlaubt. Doch trotz massiver Vorwürfe der Spanischen Behörden scheint auch dort die Beweisführung Probleme zu machen.

Sein Zustand sei stabil, es gehe ihm den Umständen entsprechend, heißt es aus seinem Umfeld. Hanebuth war im Juli des vergangenen Jahres im Zuge einer Großrazzia, der Operation „Casablanca“, auf der Ferieninsel Mallorca gemeinsam mit 25 anderen Verdächtigen festgenommen worden. Die Gruppe, zu der auch weitere Mitglieder der Hells Angels zählen, soll auch in Spanien in Drogen- und Waffengeschäfte, Mädchenhandel und Geldwäsche verstrickt sein.

Die spanischen Ermittler hofften offenbar, der bei der Razzia festgenommenen Gruppe um Frank Hanebuth ähnliche Aktivitäten nachweisen zu können, wie sie in Deutschland immer wieder im Gespräch waren. Die deutschen Behörden rechnen die Hells Angels schon lange zur Organisierten Kriminalität. Nach ihren Erkenntnissen beherrschen die Rocker große Teile des Rotlichtmilieus in der Bundesrepublik. Sie liefern sich blutige Revierkämpfe mit rivalisierenden Gangs.

Doch seit der groß angelegten Polizeiaktion im Juli 2013 sind die Ermittlungen offenbar ins Stocken geraten. Auch zehn Monate nach der Razzia ist noch immer vollkommen unklar, was die Ermittler Hanebuth konkret zur Last legen. Nach Angaben seines deutschen Anwalts Götz von Fromberg ist der 49-Jährige bis heute auch nicht mehr von der Polizei vernommen worden. 15 000 Seiten umfassen die Akten der spanischen Strafverfolger. Etwa 200 davon betreffen den ehemaligen hannoverschen Rockerchef. Anwalt von Fromberg ist schon allein von Berufs wegen von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. „Ich kann darin nichts Belastendes gegen meinen Mandanten erkennen“, sagt er.

Geldwäsche auf Mallorca

Auch die spanischen Behörden halten sich auffällig bedeckt, wenn es um die „Operation Casablanca“ geht. Unmittelbar nach den spektakulären Durchsuchungen auf Mallorca hatten sie sich noch nicht so zugeknöpft gegeben. Im Gegenteil. So hatte unter anderem das Innenministerium in Madrid verlauten lassen, die Hells Angels hätten geplant, ihr illegal erworbenes Geld auf Mallorca zu waschen, indem sie den Bau einer Formel-1-Rennstrecke auf der Baleareninsel finanzierten. Doch immer wieder fallen Teile der Vorwürfe in sich zusammen. Drei Beispiele:

Das schwere Bargeld: Für den Bau der Rennstrecke sollen die Rocker angeblich 500 Millionen Euro in bar bei sich getragen haben. Sie seien am Flughafen in Istanbul sichergestellt worden, behaupten die Ankläger. Sollte es diese Summe aber tatsächlich gegeben haben, hätte die Rocker schwer daran zu Tragen gehabt. Immerhin hätte das Bargeld auch bei der größtmöglichen Stückelung noch mehr als eine Tonne gewogen – hätten zehn Mann sie getragen, hätte jeder an jedem Arm 50 Kilo Last gehabt.

Der angebliche Anschlag: In einem anderen Fall erklärten die spanischen Ermittler, die Rocker um Frank Hanebuth seien in einen versuchten Sprengstoffanschlag in Bayern verstrickt gewesen sein. Ein Opfer eines Anlagebetrügers hatte die Höllenengel angeblich angeheuert, um einen Sprengsatz unter dem Auto der Nichte des Betrügers zu deponieren, um diesen einzuschüchtern. Doch der Verdacht ließ sich nicht erhärten. Unter dringendem Tatverdacht festgenommen wurde Mitte Januar in Österreich ein 51-Jähriger, der keinerlei Verbindungen zu den Hells Angels oder Frank Hanebuth hat.

Kuriose Zitate: Fest steht, dass es bei den umfangreichen Ermittlungen im Zuge der Operation „Casablanca“, insbesondere bei den zahlreichen Telefonüberwachungsmaßnahmen, schwere Pannen gegeben hat. So haben sich bei der Übertragung der abgehörten Telefonate vom Deutschen ins Spanische zum Teil Fehler eingeschlichen. Hanebuths Lebensgefährtin hatte am Telefon einer Bekannten berichtet, dass sich der Höllenengel über irgend etwas geärgert hatte und „auf 180“ sei. Dem Übersetzer war die Redewendung offenbar nicht geläufig, so dass er sie Wort wörtlich ins Spanische übertrug. Auf diese Weise hielten die Ermittler die Zahl 180 für einen Code, mit dem die beiden Frauen untereinander geheime Botschaften austauschten.

Nach Angaben von Anwalt Götz von Fromberg haben sich viele der Aktivitäte der Hells Angels auf Mallorca, die die spanischen Behörden den bei der Razzia Festgenommenen zur Last legen, zu einem Zeitpunkt zugetragen, als Hanebuth sich nur sporadisch auf Mallorca aufgehalten hat. „Er ist erst 2013 auf die Insel gegangen. In den Jahren zuvor hat er sich insgesamt nur rund zwölf Tage dort aufgehalten“, sagt der hannoversche Strafverteidiger.
Bis zu vier Jahre darf Untersuchungshaft in Spanien betragen. Und so deutet trotz aller Ungereimtheiten vieles darauf hin, dass Frank Hanebuth weiter in Haft bleiben wird.

Derzeit sitzt er in Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Cadiz. Wenn er Besuch von seinen Anwälten bekommt, trennt dickes Sicherheitsglas die Juristen von ihrem Mandanten. Eine Verständigung ist nur per Mikrofonanlage möglich. Seine Familie darf Hanebuth ebenfalls regelmäßig sehen. Einen Fernseher hat er nicht in seiner Zelle. „Er schreibt Briefe aus der Haft, bekommt Tageszeitungen aus Hannover und deutsche Illustrierte“, sagt von Fromberg. Derzeit ist der auf Besuch in Spanien. „Es ist vielleicht mein schwierigstes, ganz bestimmt aber eines meiner letzten großen Strafverfahren“, sagt er.

Rockerklubs weiten Aktivitäten aus

Auch nach der Auflösung des Regionalklubs der Hells Angels in Hannover im Sommer 2012 hat der Einfluss der Höllenengel in Niedersachsen nicht nachgelassen. Im Gegenteil. Wie das Innenministerium bestätigte, gründeten die Hells Angels zahlreiche neue Charter unter anderem in der Region Hannover, in Celle, Walsrode, Wolfsburg und Delmenhorst. Doch auch die anderen Rockerklubs, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet werden, waren in dieser Zeit nicht untätig. Die Motorradgangs Bandidos, Gremium, Mongols, Outlaws, Hells Angels und Satudarah breiteten sich gewaltig in Niedersachsen aus. Insgesamt 70 Niederlassung zählte das Innenministerium im Jahr 2013. Drei Jahre zuvor gab es in Niedersachsen lediglich 38 verschiedene Rockerklubs. Die Mitglieder der Vereinigungen verfolgen nach Angaben von Innenminister Boris Pistorius ausschließlich ein Ziel: Durch Expansionen die Vorherrschaft in einzelnen Regionen für sich zu beanspruchen. Dabei gehe es um wirtschaftliche Interessen im Rotlichtmilieu, aber auch um Straftaten wie Rauschgift- und Waffengeschäfte, sowie um Menschenhandel.  tm

„Für Ausländer ist es noch schwieriger“

Nachgefragt bei Gonzalo Boye Tuset, Hanebuths spanischem Anwalt.

Senor Boye Tuset, mittlerweile sitzt Frank Hanebuth seit 300 Tagen in Haft im spanischen Cadiz, ohne dass bisher konkrete Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden. Wie ist das möglich?
In Spanien liegt die Strafverfolgung, anders als in Deutschland, in den Händen der Untersuchungsrichter. Das hiesige Gesetz erlaubt es ihnen, einen Verdächtigen für bis zu vier Jahre in Haft zu behalten, ohne das es zu einem Gerichtsverfahren kommt.

In Deutschland darf ein Verdächtiger in der Regel nur sechs Monate, in Ausnahmefällen neun Monate in U-Haft gesteckt werden. Dagegen erscheinen vier Jahre extrem lang.
Ja, damit gehört Spanien auch in der Liste der europäischen Länder zu den Schlusslichtern hinsichtlich der Grundrechte von Beschuldigten. Das sind sehr veraltete und überholte Vorschriften, die gegen das persönliche Recht auf Freiheit und die Unschuldsvermutung verstoßen.

Gelten diese langen U-Haft-Zeiten nur für ausländische Verdächtige?
Nein, auch für Spanier. Aber für Ausländer ist es noch schwieriger, wieder in Freiheit zu kommen. Und genau das ist unverständlich und nicht zu rechtfertigen, gerade im Bezug auf Verdächtige, die aus Ländern der Europäischen Union stammen.

Können Sie absehen, wann Frank Hanebuth wieder aus dem Gefängnis in Cadíz entlassen wird?
Das kann ich nicht. Und dabei handelt es sich um einen Missbrauch, wie es ihn nur das spanische Rechtssystem erlaubt. Denn Frank Hanebuth ist unschuldig, nicht weil ich das sage, sondern weil es sich aus einem langen Verfahren ergeben wird, in dem es nicht einen Beweis dafür gibt, dass er in ein Verbrechen verstrickt ist.

Interview: Jörn Kießler

Von Conrad von Meding und Jörn Kießler

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