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Unter Brüdern

Freimaurer öffnen ihre Türen Unter Brüdern

Über Jahrhunderte hinweg galten die Freimaurer als verschwiegene Gemeinschaft – jetzt öffnen Hannovers Logen ihre Pforten und geben Einblick in die lange Tradition.

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„Wir wollen Vorurteile abbauen“: Stuhlmeister Bernd Menke führt durch das Logenhaus.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Dies ist also das Allerheiligste. Nur selten betreten Uneingeweihte den „Tempel“ des Logenhauses. Am Rande des Raumes stehen Stühle, für die Zusammenkünfte der Freimaurer. In der Mitte erheben sich drei Säulen, auf denen sich jeweils drei Kerzen entzünden lassen. „Sie verkörpern Schönheit, Stärke und Weisheit“, sagt Bernd Menke. „Die Säulen stehen im rechten Winkel, als Zeichen der Gleichheit unter den Brüdern im Tempel.“ Dann zieht er einen Vorhang zurück, und zum Vorschein kommen leuchtende Bleiglasfenster mit vieldeutigen Symbolen: Kelch und Winkelmaß, Zirkel, Dreieck, Davidstern. Jedes steht für ein Detail im Kosmos der Freimaurerei.

Menke ist „Meister vom Stuhl“ – eine Art Vorsitzender – der Loge „Wilhelm zu deutschen Treue“. Und dieser Tempel ist einer jener Orte, an denen Freimaurer nach Ansicht von Verschwörungstheoretikern finstere Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft aushecken. Vielen gelten Freimaurer als sinistre Dunkelmänner; ihre Logen rangieren irgendwo zwischen CIA, Vatikan und den „Weisen von Zion“. Lang ist die Liste der Schurkereien, die man ihnen angedichtet hat, von der Ermordung Kennedys bis zur Talfahrt des DAX. „Dabei gibt es bei uns im Prinzip gar keine Geheimnisse“, beteuert Menke, und es klingt fast, als wollte er sich dafür entschuldigen.

Der pensionierte Lehrer kam selbst 2008 zu den Freimaurern: „Damals stellte ich mir die Frage nach dem Lebenssinn, ich wollte hinter die Dinge schauen“, sagt der 65-Jährige. Ein Bekannter, der schon Logenbruder war, bürgte für ihn: Er bezeugte also, dass Menke ein „freier Mann von gutem Ruf“ sei, wie es unter Freimaurern nach alter Väter Sitte heißt. Menke wurde Lehrling, ein Jahr darauf Geselle und schließlich Meister.

Über Jahrhunderte hinweg galten die Freimaurer als verschwiegene Gemeinschaft – jetzt öffnen Hannovers Logen ihre Pforten und geben Einblick in die lange Tradition.

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Mit diesen Bezeichnungen stellen sich die Logenbrüder – ebenso wie mit den Symbolen Winkelmaß und Zirkel – in die Tradition der mittelalterlichen Dombaumeister. „Wir sind dem Tempelbau der Humanität verpflichtet“, sagt Menke mit seiner kräftigen Bassstimme.

Die Logen organisieren Wohltätigkeitsaktionen, man besucht gemeinsam Konzerte und Vorträge. Mächtige Gemälde an den Wänden des Logenhauses – Kaiser Wilhelm I., König Georg V. – belegen, wie weit ihre historischen Wurzeln zurückreichen. Doch ihrem Selbstverständnis nach sind die Logen weder ein Religionsersatz noch eine traditionsreiche Variante der Rotarier. Denn vor allem arbeiten die Freimaurer, ganz wie einst die realen Baumeister, an einem „rauen Stein“: Sie formen die eigene Persönlichkeit. Einmal in der Woche trifft sich Menke zum „Arbeiten“ mit den Brüdern im Tempel: „Das ist eine lebenslange Aufgabe“, sagt er.

Die Aura des Mysteriösen

Fragt man den Stuhlmeister, wie genau die Gespräche dabei verlaufen und welche Riten die Zusammenkünfte im Tempel begleiten, hält er sich bedeckt: „Das ist dem gemeinsamen Erleben der Brüder vorbehalten. Es gibt ein Ritual, das den Profanen verborgen bleibt“, sagt er: „Wenn es ein Geheimnis gäbe, wäre es dieses.“ Menke bestreitet nicht, dass es außerdem bestimmte Zeichen unter Freimaurern gibt; Gesten und Formulierungen, an denen man sich erkennt. Kürzlich sei er unverhofft auf einer winzigen schottischen Insel mit einem anderen Freimaurer ins Gespräch gekommen: „Wir haben uns am Händedruck erkannt.“

Kritiker halten die Logen für elitär und intransparent. Sie werfen ihnen vor, einen Kult um die eigene Geheimniskrämerei zu entfalten, um die selbst geschaffene Aura des Mysteriösen. Dabei sind die Logen – Hannovers älteste, „Friedrich zum weißen Pferde“, datiert von 1746 – eigentlich Kinder der Aufklärung: Mit ihren Idealen von Brüderlichkeit und Freiheit waren die Zirkel, in denen Menschen jenseits aller Standes- und Konfessionsgrenzen zusammenkamen, den Herrschern und Kirchenfürsten seinerzeit suspekt. Später drangsalierten totalitäre Systeme vom NS-Regime bis zur DDR die Logen, die auf Freigeistertum und Vernunft schworen. Weil Freimaurer angesichts der Repressalien auf Diskretion bedacht sein mussten, wurden ausgerechnet die Streiter für Offenheit und Aufklärung zu Geheimniskrämern. Zu geschlossenen Gesellschaften. „Bis heute ist es tabu, öffentlich zu machen, dass ein Bruder einer Loge angehört“, sagt Menke.

Gleichwohl öffnen Hannovers Logen sich seit einiger Zeit stärker nach außen: Vor zwei Jahren präsentierten sie sich mit einer selbst gestalteten Ausstellung im Historischen Museum. An den kommenden Tagen laden sie jetzt Besucher zu Vorträgen und Führungen ins Logenhaus an der Lemförder Straße ein. Sogar die beiden Tempelräume, die es dort gibt, stehen den Gästen offen.

Elf Logen

In der Stadt gibt es elf Logen. Die Frauenloge „infinitas“ wurde erst vor wenigen Jahren gegründet. Insgesamt liegt die Zahl der Logenmitglieder bei rund 600, sie steigt sogar leicht. Das Bedürfnis nach Tradition, nach einem festen Kreis und verlässlichen Ritualen macht die alten Zirkel im 21. Jahrhundert für viele wieder attraktiv. Doch der Altersschnitt der Mitglieder ist hoch: „Wir wollen uns öffnen, Vorurteile abbauen und unsere Arbeit ins rechte Licht setzen“, sagt Menke.

Bei alledem ist die Szene weit bunter, als manch Außenstehender meint: Es gibt liberale Logen und eher konservative, einige sind eher christlich, andere vor allem humanistisch ausgerichtet. Die meisten stehen nur Männern offen, doch in Hannover gibt es auch zwei Frauenlogen. Gemein ist allen das Ideal der Aufklärung.

Und noch eine alte Freimaurerregel gebe es, sagt Stuhlmeister Menke: „Sich über Politik oder Religion zu streiten, ist bei uns traditionell tabu.“

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