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Wiederaufbau

Freitag werden Pläne für Schloss Herrenhausen vorgestellt


In dieser Woche kommt Hannover der Wiedererlangung des Schlosses in Herrenhausen einen weiteren Schritt näher: Am Freitag werden die Pläne öffentlich vorgestellt.
Simulation des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schlosses Herrenhausen von „Virtual Pix“.

Simulation des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schlosses Herrenhausen von „Virtual Pix“.

© Archiv

Am Freitag werden im Leibnizhaus die Entwürfe der 14 am Wettbewerb beteiligten Architekten vorgestellt, den das Hamburger Büro JK Architekten gewonnen hat. Die Fassade des Schlosses Herrenhausen steht freilich längst fest. Sie wird dem historischen Vorbild entsprechen – oder genauer: einem bestimmten historischen Zustand, nämlich dem Aussehen des barocken Welfen­schlösschens nach der klassizistischen Überarbeitung 1819/20 durch den Hofbaumeister Laves.

Voraussichtlich in zwei Jahren soll die kleine Residenz wieder dastehen. Dann werden die Blumenbeete, Springbrunnen und manikürten Alleen in einem der schönsten Barockgärten Europas wieder einen architektonischen Dialogpartner haben. Die Blickachsen im Garten werden nicht länger auf eine blinde Stelle zulaufen.

Hannover reiht sich mit der Entscheidung, den verlorenen Prestigebau zu rekonstruieren, ein in ein Konzert von Schlossrekonstruktionen. Braunschweig hat sein Stadtschloss 2007 fertiggestellt. Potsdam und – als Paradeprojekt – Berlin werden mit Schlössern nachziehen. In allen genannten Städten hat es lange und hitzige Debatten zum Für oder Wider von Rekonstruktionen gegeben. Verfechter reiner Lehren zogen gegen vermeintlich Altgestrige ins Feld. Man dürfe Beton­brutalisten nicht in Bannmeilen von Schlössern lassen, hieß es von der einen Seite, während andere Polemiken gegen „Rekonstruktionitis“ und „neuen Stuckismus“ richteten und in den Schlossbauwünschen entweder verkappte monarchistisch-traditionalistische Gesinnung witterten oder die Scheinhaftigkeit der „Retro-Architektur“ kritisierten.

Etwas Scheinhaftes haben die neuen Schlösser ohne Zweifel. Die Betonung liegt auf den Fassaden. Das Innenleben erscheint nicht nur nachgeordnet, sondern austauschbar. In Berlin, wo sich der Bund für eine geschätzte halbe Euro-Milliarde ein Stadtschloss leisten möchte, soll ein Museum die repräsentative Verpackung füllen. In Hannover plant die Volkswagenstiftung einen Mix aus Museum und modernem Kongresszentrum. In Potsdam soll der Landtag einziehen. Und in Braunschweig hat sich hinter einer mächtigen Schlosstapete – manche sehen es als Sündenfall – ein Shoppingcenter eingenistet.

Die Kulissenhaftigkeit ist nicht zu übersehen. Es geht um das Bildhafte. Die Rekonstruktion historischer Bauten, oft als Hobby von Traditionalisten belächelt, ist so gesehen durchaus ein modernes Phänomen. Sie zeugt von einem gewandelten Blick auf Städte. In unserem Zeitalter fortgeschrittener Musealisierung unterliegen auch Städte der „Logik der Sammlung“ (Boris Groys). Städte werden zu Sammlungen fotogener Monumente. Zugespitzt kann man sogar sagen: Erst der touristische Blick erzeugt die Monumente. Bei kriegszerstörten Gebäuden kommt dazu aber noch die Sehnsucht der Menschen nach einem Schließen von Lücken, die als schmerzhaft empfunden werden.

Dass das Bild – genauer: die Reparatur einer Kulisse – am Anfang steht, lässt sich besonders schön am Beispiel Berlins ablesen. Der Unternehmer Wilhelm von Boddien, der dem Förderverein Berliner Schloss e. V. vorsitzt, ließ in den neunziger Jahren am Schlossplatz das Schloss, gemalt von einer französischen Kulissenmalerin, als Bild auferstehen. Dieser Werbeschachzug half mit, die Bundestagsabgeordneten in Abstimmungslaune für den Wiederaufbau zu versetzen.

Da die Fassaden der Schlösser vorab feststehen, werden Architektenwettbewerbe für Prestigebauten in Firstclass-Citylagen – und das ist nicht ohne impliziten Witz – ohne Fassade ausgeschrieben. Die Architekten müssen praktisch nur noch die Displays für die Ausstellung historischer Ornamente liefern, was manche Baukünstler verärgert. Im Berliner Fall holte der Förderverein sogar vor der Entscheidung des Bundestags für den Schlossbau Spendenzusagen für Fassadenteile ein.

Das Berliner Büro Kuehn/Malvezzi ging in seinem leider nur mit einem Sonderpreis abgespeisten Wettbewerbsbeitrag genau darauf augenzwinkernd ein. Es schlug einen Baukörper vor, an den nach und nach, je nach Lebhaftigkeit des Spendenaufkommens, Fassadenteile angeheftet werden können. Für 50 Euro bekommt man beim Förderverein (http://berliner-schloss.de) eine Ziegelsteinbeteiligung, für knapp 200 000 Euro ein Kolossalsäulenkapitell, und mit rund einer halben Million Euro ist man bei einem Prunkportal dabei.

Als jüngst bekannt wurde, dass das Spendenaufkommen hinter den Erwartungen zurückblieb und der Bund das Schloss notfalls zunächst ohne Fassade bauen würde, zeigte sich die Voraussicht des Kuehn/Malvezzi-Modells. „Jetzt wird unser Entwurf realisiert“, sagt der Architekt Wilfried Kuehn säuerlich lächelnd.

Polemiken über ein vermeintliches Spendendebakel in Berlin scheinen verfrüht. Immerhin sind von den nötigen 80 Millionen Euro für die Fassade bereits 20 Millionen zusammengekommen – so viel betragen die geschätzten Gesamtkosten des Schlosses in Hannover-Herrenhausen. In Potsdam hat ein einzelner Bürger, der Software-Milliardär Hasso Plattner, 20 Millionen Euro gespendet. Schlösser sind populär.

Der Campanile am Markusplatz in Venedig oder das italienische Kloster Montecassino sind Rekonstruktionen verlorener Originale. Wohl kaum jemand bedauert ihre Wiederherstellung. Ein Restun­be­hagen aber bleibt bei Nachschöpfungen. Wenn man als Reisender irgendwo Halt macht und der Reiseleiter erklärt, man stehe „nur“ vor einem Replikat, so kann man sich, wie es der Philosoph Boris Groys einmal ausgedrückt hat, „innerlich beleidigt“ fühlen.

Mit der Zeit aber gerät in Vergessenheit, ob etwas ein Original oder eine Nachschöpfung ist. Genauer besehen handelt es sich bei vielen authentisch scheinenden Bauten um Nachschöpfungen. Brände, Kriege, Erdbeben legten Gebäude in Schutt – die Menschen bauten sie oft mit den vorgefundenen Steinen nach altem Vorbild wieder auf.

Das Authentische im Sinne des historisch Gewachsenen, mit all seinen Schichten und Brüchen, vermag freilich die perfekteste Rekonstruktion nicht wiederherzustellen. Es können nur bestimmte Zeitfenster dargestellt werden. So ist es auch beim Schloss Herrenhausen, das, bevor es zur barocken Sommerresidenz ausgebaut wurde, eine Fachwerkjagdhütte war.

Was jetzt rekonstruiert wird, ist das Bild vom Schloss, so wie es sich auf alten Fotografien, Ansichtskarten und in der Erinnerung älterer Bürger findet, die mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Zerstörung des Baus immer noch die Lücke schmerzhaft empfinden. Gut, dass sie geschlossen wird.

  • Vom 17. April bis zum 2. Mai werden die Schlosspläne im Historischen Museum in Hannover ausgestellt.

Johanna Di Blasi

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  • Großes Kopfschütteln westphal – 14.06.10
    Da wird nach fast nach 70 Jahren endlich eine der vielen schlimmen Wunden geheilt, die der alliierte Bombenterror in Hannover geschlagen hat und dann stehen hier so alberne Kommentare, wie 'noch zwei Etagen drausetzen'.
    Bei so viel Ignoranz möchten einem die Worte fehlen...
    Ein Schloß ohne Park ist wie ein Auto ohne Räder und ein Park ohne Schloß: viceversa.
    Beides nahm unbedingt aufeinander Bezug, genauso wie eine schöne Villa nur dann richtig zur Geltung kommt, wenn sie in einen herrlichen Garten eingebettet ist.
    Aber das werden die Bewohner von Mietskasernen wohl nie verstehen.
  • noch hübscher cora B. – 16.04.10
    Jawoll, und noch hübscher wärs, wenns noch etwas barocker wäre, oder vielleicht in Rokkoko-Rosa. Aber zwei Geschosse mehr fürs Wohnen fänd ich auch okay, damit die große Achse auch einen wirklichen point de vue bekommt. Den Laves wird man schon entsprechend hinbiegen können. Ich bin ja auch für die Rekonstruktion der Innenräume, aber nicht so wie sie waren, sondern etwas üppiger, so à la Bernsteinzimmer, damit es auch wirklich Touris lockt. Merkt doch eh niemand, dass es so nie ausgesehen hat, aber Hauptsache hübsch. Und wenn wir mit dem Schloss fertig sind, machen wir mit Leineinsel und Flusswasserkunst weiter, aber bitte auch hier alles auf Optimierung prüfen: Etwas opulenter, historischer, gediegener, verwertbarer und damit kommerziell einträglicher wirds doch hier wohl auch gehen, wenn man sich die Architekten endlich mal anstrengen, oder?
  • popelig Herr Hausen – 15.04.10
    Warum soll diese Bude denn so niedrig werden? Das sieht ja aus wie ne Hundehütte. Kann man da nicht noch 2-3 Stockwerke draufsetzen? Dann wären vielleicht oben noch ein paar schicke Wohnungen drin
  • Schlosskitsch Stadtbeobachter – 15.04.10
    Noch viel schöner wäre es, wenn das Schloss an der Stelle des Kröpcke-Centers aufgebaut würde. Dann könnte man anschließend die Passerelle fluten und auf dem neue entstandenen Kanal mit venezianischen Gondeln Richtung Hauptbahnhof fahren.
  • Herrenhäuser Schloss Stefan – 15.04.10
    Also ich freue mich auch auf das Schloss. Das sieht toll aus und paast sehr gut in den Garten.
    Ich würde mich auf mehr Rekonstruktionen in Hannover freuen.
  • Hollywood-Kitsch Bürger – 15.04.10
    Es herrscht ein phantasieloser Rekonstruktions- und Wiederaufbauwahn in Deutschland. Auch Hannover hat sich dem Zeitgeist gebeugt, doch der ruft, statt nach Kulissen, heute nach Authentizität. Hier handelt es sich um Entertainment- Architektur und Hollywood-Kitsch, der klassizistische Elemente zitiert. Das macht es für Bürgermeister und Tourismus- und Marketingexperten so interessant. Es sind sehr konservative Ansichten, die uns hier vorgeführt werden. Eine Zauberwelt der Illusionen. Und wenn in einer Sommernacht am Himmel über Hannover ein Meer von Lichtern aufleuchtet, werden im Großen Garten zu Herrenhausen wieder Zuschauer in einen magische Stimmung versetzt, um die eigene Zeit vergessen zu können.
  • Landschloß Bornum – 15.04.10
    So lange V.W.diese Sache zahlt ist mir das Wurst.Als Ignorant muss ich sagen das dass Teil eher langweilig daher kommt.Sieht aus wie die Residenz eines Gutbesitzers.Keine Putten,keine Türmchen,kein Blattgold.Eben so wie die Welfen waren und sind.Durchschnitt.Manchmal drunter.Aber wehe hier wird wieder Steuergeld verbrand.Dann wird der Landtagneubau eine Lachpille gegen.
  • Super Investition. Danke! CC – 15.04.10
    Ich finde es toll, dass in Hannover investiert wird. Das Schloß passt zudem zum Garten, sieht gut aus und hat endlich mal ein richtiges Dach und eine schöne Fassade, wo sich andere Bauprojekte in der City mal ne Scheibe abschneiden können.

    Das blöde Geseiere von "falscher Geschichte", Reko ja/nein, Monarchie interessiert den Normalbürger eh nicht.

    Alles wird schön!
  • "architektonischer Dialogpartner" LJA – 14.04.10
    ist wohl die diplomatischste Umschreibung, die man für solch einen brutalen Stilbruch finden kann. Leider wird dieser Dialog ziemlich einseitig sein, denn das sog. 'Schloß' sagt leider fast gar nichts aus. (Außer: "Man konnte mit mir nichts mehr anfangen und hat mich deshalb im 19. Jahrhundert zum Abwracken vorbereitet.")
    Dabei werden hier auch eher neue Sichtachsen abgeschnitten, denn fehlende wieder hergestellt.

    Zum Glück wird diese bauliche Nichtigkeit, ob ihrer Lage und ihrer völlig gesichtslosen Ehrenhofseite, kaum verstörend im Stadtbild Hannovers auffallen. Trotzdem schade um das Geld. Die wirklich historisch wertvollen Teile des großen Gartens hätten es gut gebrauchen können.

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