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Fritz Haarmann ist wieder da

Aufregung um Musical Fritz Haarmann ist wieder da

In Hannover ist die Aufregung groß, wenn es um Fritz Haarmann geht. Jetzt führt das Schauspielhaus in Hannover ein Musical auf. Die HAZ hat es sich mit Christoph Veltrup angesehen, dessen Onkel vom Serienmörder getötet wurde.

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Fritz Haarmann als gesichtslose Figur, gespielt von Vanessa Loibl im Musical „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“. Das Bild stammt von der öffentlichen Probe.  

Quelle: Katrin Ribbe/Archiv/Montage

Hannover. Nachts, gegen Mitternacht, erreichte der 17-jährige Adolf Hannappel mit dem Zug den Hauptbahnhof Hannover. Es war der 9. November 1923. Der junge Mann reiste aus Düsseldorf an, wo er seine Eltern besucht hatte, und nun musste er am Bahnhof feststellen, dass sein Zug nach Celle, wo er Arbeit als Melker fand, erst am frühen Morgen fuhr. Er setzte sich in eine Nische, und hier erspähten ihn Fritz Haarmann und sein Mordgeselle Hans Grans. Noch in der Nacht töteten sie Adolf Hannappel.

Zwischen 1918 und 1924 hat Fritz Haarmann in Hannover mindestens 24 Jungen und Männer getötet.  Haarmann wurde auch „Vampir von Hannover“ genannt.

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Christoph Veltrup hörte diese Geschichte zum ersten Mal, als er ein kleiner Junge war. Er saß mit seiner Mutter, der Schwester des ermordeten Adolf, in einem Zugabteil, und plötzlich begannen Kinder ein paar Plätze weiter, diesen Reim zu singen. „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann mit dem Hackebeilchen“. Veltrup erzählt, wie seine Mutter zu weinen begann. So erfuhr er, 1951, zum ersten Mal vom Tod des Jungen. Seither zieht Christoph Veltrup, inzwischen 73 Jahre alt, gegen alle Projekte zu Felde von denen er annimmt, da mache jemand mit dem Haarmann pietätlos Geld. Gegen Würstchenbuden auf dem Altstadtfest, die Grillgut mit geschmacklosen Namen verkauften, gegen den „Haarmann-Fries“ des Künstlers Hrdlicka und gegen Adventskalender, die mit Haarmann-Abbildungen für den kleinen Grusel zwischendurch sorgen. Veltrup ist da, wo er Geschäftemacherei und Selbstdarstellung vermutet. „Ich warte noch darauf, dass Hannover eine Straße nach ihm benennt“, sagt er mit einer Spur Sarkasmus. Gegen Aufklärung und Information habe er dagegen nichts.

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Vorerst ist es ein Stück im Schauspielhaus, das ihn beschäftigt. „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ von Autor Nis-Momme Stockmann und Regisseur Lars-Ole Walburg. Veltrup sieht sich am Montagabend die öffentliche Probe an, das an der Kasse geforderte Eintrittsgeld will er jedoch nicht bezahlen. Ein Entscheidungsträger im Schauspiel erklärt das nach einigem Warten für in Ordnung. Veltrup hatte zuvor öffentlich erklärt, dass es „perfide“ sei, ein Musical über einen Kindermörder aufzuführen.

Der Vorhang öffnet sich. Synthesizermusik. Gittergerüste und eine Treppe aus Stahl sind zu sehen. Schauspieler laufen durcheinander, jeder trägt einen Buchstaben, bis sich alles zum Wort „Durchreise“ fügt. Ein Autor checkt im City-Hotel ein und erzählt von seiner Absicht, ein Musical über Fritz Haarmann zu schreiben. „Sie sind aber mutig“, sagt der Rezeptionist, erstaunt über diesen offenbar sonderbaren Plan, und bald wird der Autor niedergebrüllt: „Es ist falsch!“ Das Stück über den Killer nimmt den Widerspruch schon auf, dem es im wirklichen Leben in einer Stadtöffentlichkeit begegnen könnte, die an fest gefügten Bildern interessiert ist und die für Zwischentöne und neue Geschichten keinen Sinn hat. Stockmann reflektiert damit, über zwei Stunden hinweg, Rolle und Nutzen von Kunst.

Veltrup sitzt ungerührt auf seinem Sitz und macht Fotos. Ohne Blitzlicht, es fällt nicht auf, die Bilder will er in ein Album fügen. Er fotografiert, wie Körper den „Haarmann-Fries“ nachbilden. Nebel, Glitzervorhang. Fritz Haarmann als gesichtslose Gestalt im hellen Anzug. Den aufsässigen Autor, wie Jesus ans Kreuz genagelt, weil er hartnäckig seine Idee verteidigt, ein neuartiges Stück über den Mörder zu schreiben. Manchmal schüttelt Veltrup den Kopf. In der Pause sagt er: „Pervers, dieser Fries.“

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Die Uraufführung beginnt am Mittwoch um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. Es gibt noch einige Karten.

Die hannoversche Figur Fritz Haarmann bleibt auch nach der Pause eher Anlass, auf der Bühne über politische Kunst nachzudenken. Frühere Ideen von Regisseur Walburg, gesellschaftliche Wirklichkeiten in der Weimarer Republik abzubilden, finden sich kaum noch. Schon gar nicht verherrlicht Stockmann den Serienmörder und Kinderschänder, es ist ein Musical über Kunst und ihre, oft selbst gewählte, Verstrickung in den Zeitgeist und die Möglichkeit zu scheitern. In keiner Sekunde ist es ein Tanz auf Opfergräbern.

Den Skeptiker Christoph Veltrup hat es nicht überzeugt. Es war nicht zu erwarten, er rechnete selbst nicht damit, gehört doch zu seiner Familiengeschichte die Tragödie eines bestialisch getöteten jungen Mannes. „Das Thema war gut“, sagt er. „Aber es hätte seriöser dargestellt werden müssen. Zwischendurch haben Zuschauer sogar gelacht.“ Man muss hinzufügen: meist über karikierende Darstellungen selbstverliebter Intendanten und Autoren. Der 73-Jährige verlässt das Theater in der Gewissheit, dass kein Schaden angerichtet wurde am vertrauten Bild von Haarmann und seinen Opfern. Jetzt steht Christoph Veltrup der nächste Kampf bevor. Er will unbedingt verhindern, dass von Juni an der „Haarmann-Fries“ öffentlich ausgestellt wird.

Haarmann-Fries kommt ans Licht 

Aus dem Depot geholt: Lars-Ole Walburg (sitzend) und Reinhard Spieler präsentieren den Haarmann-Fries.

Aus dem Depot geholt: Lars-Ole Walburg (sitzend) und Reinhard Spieler präsentieren den Haarmann-Fries.

Quelle: Michael Wallmüller

Das Sprengel-Museum wird der jahrzehntelang umstrittene „Haarmann-Fries“ vom 4. Juni an ausstellen. Die Bronzearbeit des Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka zeigt eine nackte Figur und, auf einer Art Schlachtbank, einen ausgeweideten Jungen. Die Stadt Hannover hatte die Skulptur zu ihrem 750-Jahr-Jubiläum 1992 präsentiert. Das Werk galt vielen jedoch als außerordentlich geschmacklos und verschwand im Depot. Jetzt will Direktor Reinhard Spieler die Arbeit im Rahmen der Ausstellung „130 Prozent Sprengel“ zeigen.

„Mir ist die ganze Debatte völlig unverständlich. Was Hrdlicka in Haarmann gesehen hat, ist eine Figur, in der sich die Faszination für das Grauen und die Gewalt fokussiert, wie sie sich später im Nationalsozialismus in einem ganzen Volk entfesselt hat. Seine Arbeit ist mitnichten die Verherrlichung eines Massenmörders, sondern die sehr kritisch gemeinte Auseinandersetzung mit einem Gewaltphänomen.“ Schauspielintendant Lars-Ole Walburg ergänzte das am Dienstagabend: „Wir haben hier eine Kneipe, die heißt „Jack the Ripper‘s“, damit haben wir kein Problem. Aber bei Haarmann ist Schluss mit lustig. Das ist schon eine seltsame Situation, die mich zumindest neugierig macht. Woher diese Tabuisierung kommt, weiß ich nicht. Aber ich würde es gern wissen.“

uj

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Massenmörder Haarmann (Mitte), undatierte Aufnahme.

Liegt es am Lied? Oder am Logo? Oder am Fehlen einer fundierten wissenschaftlichen Aufarbeitung? Wie ein Untoter taucht Fritz Haarmann, der "Vampir von Hannover", immer wieder auf.

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