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Aus der Stadt Fußgänger sind besonders gefährdet
Hannover Aus der Stadt Fußgänger sind besonders gefährdet
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09:57 03.04.2012
Stadtbahn in Hannover, ihr Bremsweg beträgt 39 Meter. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Herr Straßburger, am Sonnabend wurde ein 85-jähriger Mann am Clevertor von einer Stadtbahn erfasst und tödlich verletzt. Was unternimmt die Üstra, um solch verheerenden Unfällen vorzubeugen?

Jeder Stadtbahnunfall, bei dem jemand verletzt wird oder ums Leben kommt, wird von uns analysiert. Wir untersuchen die Abläufe und prüfen, wo Unfallschwerpunkte liegen. An erster Stelle steht immer eine Überprüfung der Sichtverhältnisse. Was kann der Fahrer sehen, was können die anderen Verkehrsteilnehmer sehen, und was muss folglich verbessert werden? Natürlich beobachten wir auch, ob es bestimmte Unfallmuster gibt, die sich wiederholen.

Und welche Unfallmuster sind das? Welche Situationen sind im Stadtbahnverkehr besonders gefährlich?

Besonders tückisch sind Situationen, in denen der Fahrer davon ausgeht, dass Fußgänger und Radfahrer die herannahende Bahn bemerkt haben, das aber gar nicht der Fall ist.

Wie kann das denn passieren?

Der Fahrer muss das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer einordnen. Wenn sie zum Beispiel direkt in seine Richtung schauen, dann hat er allen Grund davon auszugehen, dass sie ihn gesehen haben. Das ist aber nicht immer der Fall.

Im Zweifelsfall müssen die Stadtbahnfahrer also mit der Klingel läuten. Sollten sie das vielleicht viel öfter tun?

Unsere Mitarbeiter setzen die Klingel ein, wenn sie das für angemessen halten. Das heißt, sie entscheiden selbst, wann sie läuten. Es gibt nur wenige Stellen im Stadtgebiet, an denen wir ihnen das vorschreiben – etwa im Bereich der Haltestelle Bothfeld, weil die Situation dort insgesamt etwas unübersichtlich ist. Wenn sie jedes Mal läuteten, sobald sie in eine Haltestelle einfahren, würde etwa entlang der Podbielskistraße Tag für Tag rund 600-mal die Klingel einer Stadtbahn zu hören sein. Das würde nicht nur die Anwohner stören, sondern das brächte auch einen Abstumpfungseffekt bei Fußgängern und Radfahrern mit sich. Das wäre kontraproduktiv. Allen Verkehrsteilnehmern muss klar sein: Sobald sie das Läuten der Stadtbahn hören, ist ihre unbedingte Aufmerksamkeit und Umsicht gefordert. Wir setzen die Kingel ein, wie ein Autofahrer seine Hupe. Das schrille Klingelgeräusch ist übrigens vorgeschrieben. Es muss sich deutlich von anderen Geräuschen absetzen.

Was ist die häufigste Unfallsituation mit Fußgängern?

Zu schweren Zusammenstößen zwischen Fußgängern und Stadtbahnen kommt es typischerweise im Bereich der Gleisüberwege. Gefährlich wird es, wenn Fußgänger noch schnell die Seite wechseln wollen, um eine Bahn in die Gegenrichtung zu erwischen.

Das Unfallopfer vom Sonnabend war 85 Jahre alt. Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer älter. Hör- und Sehfähigkeiten lassen nach. Berücksichtigt die Üstra das?

Natürlich. Wir passen unsere Sicherheitsstandards ständig an. Gerade an der Gestaltung der Gleisüberwege lässt sich das erkennen. An vielen Stellen haben wir Warnsignale nachgerüstet oder Zäune aufgestellt, um zu gewährleisten, dass die Fußgänger die Gleise nur dort überqueren, wo sie es sollen – dort, wo unsere Fahrer sie sehen können.

Wie viele Meter werden überhaupt benötigt, um eine Stadtbahn zum Stillstand zu bringen?

Der Bremsweg ist mehr als dreimal so lang wie der eines Autos. Eine Stadtbahn, die mit Ortsgeschwindigkeit unterwegs ist, steht nach 39 Metern. Aber das ist dann schon eine Gefahrenbremsung, bei der das Fahrzeug automatisch Sand auf die Schiene streut, um die Reibung zu erhöhen. Bei einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern sind es 17 Meter. Insbesondere Fußgänger und Radfahrer müssen das stets bedenken. Im Falle eines Zusammenstoßes sind sie der Gefahr schutzlos ausgeliefert – ihnen fehlt die Knautschzone.

Welche Folgen haben so dramatische Unfälle für die betroffenen Stadtbahnfahrer?

Zum Glück ist die Anzahl von schweren Unfällen vergleichsweise gering. Im vergangenen Jahr kam es zu acht Unfällen mit schwer verletzten Personen und drei Unfällen mit Todesfolge. Es kommt durchaus vor, dass Mitarbeiter sich nach einem solchen Erlebnis in psychotherapeutische Behandlung begeben müssen – zum Teil für mehrere Monate.

Die Fragen stellte Vivien-Marie Drews.

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